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Trainer Christian Gross : Ein Haifischzahn für Schalkes Biss

  • -Aktualisiert am

Der Neue bringt sehr viel Energie mit, sagt er: Gross hatte Anfang 2020 seine Karriere als Coach beendet – bis Schalke um Hilfe in der Not rief. Bild: dpa

Mit Christian Gross stellt Schalke schon den vierten Trainer dieser Saison vor. Der Schweizer soll den Klub vor dem Bundesliga-Abstieg retten. Er arbeitet auch mal mit unkonventionellen Methoden. Doch Zweifel bleiben.

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          Die konventionellen Methoden der Krisenbewältigung haben sie mittlerweile umfassend abgearbeitet beim FC Schalke 04, Trainerwechsel zum Beispiel. Am Sonntag wurde beim seit 29 Ligaspielen sieglosen Revierklub mit dem 66 Jahre alten Schweizer Christian Gross bereits der vierte Chefcoach im laufenden Spieljahr vorgestellt, der allerdings neben seiner Erfahrung auch ein Mittel zum Einsatz bringen wird, das nicht zu den üblichen Utensilien des Abstiegskampfes zählt: einen Haifischzahn. Er arbeite gerne „mit Symbolen und Metaphern“, sagte Gross am Sonntagabend, der Zahn, den er immer bei sich trage, verkörpert für den Fußball-Lehrer die „positive Aggressivität“, die nicht nur Spieler, sondern auch Trainer im professionellen Fußball brauchen, sagte Gross.

          Bundesliga

          Nach David Wagner und Manuel Baum, die eher verständnisvoll und nachsichtig im Umgang mit dem Team waren, haben sie nun einen etwas andern Chefcoach für die schwierige Rettungsmission. „Er hat eine Autorität, er kann die Spieler führen“, sagte Huub Stevens, der den Aufsichtsrat bei der Vorstellung des neuen Trainers repräsentierte. Die Führung dieser als schwierig geltenden Mannschaft soll zum Schlüssel zur Wende werden.

          Freiburgs Trainer Christian Streich hat dazu vor einigen Tagen eine interessante These formuliert. In der Woche nach dem 2:0 des Sportclubs auf Schalke und der Entlassung Baums wurde Streich gefragt, was er davon halte, dass nun Stevens für zwei Spiele einspringe. Beim FC Schalke handle es sich um eine „gemischte Mannschaft, aus verschiedenen Kulturkreisen“, erwiderte der Badener und führte aus: „Es ist schon manchmal so, dass in manchen Kulturkreisen der Vater eine wichtigere Funktion hat als in anderen. Also die Person des älteren Mannes, ganz im positiven Sinne meine ich das so.“

          „Mit Zuversicht und Entschlossenheit“

          Konkret ging es um Stevens, aber Gross passt auf dieser Ebene womöglich sogar noch besser zum Schalker Kader, weil er nicht nur ein älterer Mann ist, der auf viele Menschen eine respekteinflößende Wirkung hat. Er verbrachte die zurückliegenden Jahre als Trainer in genau solchen „Kulturkreisen“, an die Streich wohl dachte: bei Zamalek Kairo in Ägypten und bei Al Ahli in saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda.

          Allen, die aus dieser Karrierephase schließen, dass Gross ein Mann ist, der nicht mehr in die Fußballmoderne passt, müsse er „entgegenhalten, dass auch dort Fußball gespielt wird“, sagte der neue Schalker Trainer, und gerade in diesem schwierigen Moment in der Geschichte des Revierklubs komme es auf Faktoren an, die zeitlos sind: „Was ich will ist, dass die Spieler die Mission mit Zuversicht und Entschlossenheit angehen.“ Und bisher hat die Herangehensweise eigentlich überall funktioniert.

          Gemessen an der Anzahl der Titel ist Gross der erfolgreichste Schweizer Trainer der jüngeren Vergangenheit, sechs nationale Meisterschaften hat er mit dem Grasshopper Club Zürich und dem FC Basel gewonnen, hinzu kommen diverse Pokaltitel. Zuletzt konnte er 2019 einen großen Sieg in einem bedeutenden Wettbewerb mit Zamalek Kairo bejubeln, als er im Confederation Cup, dem zweithöchsten Klubwettbewerb Afrikas, siegreich war. Gross hat den Ruf, sich sehr gut und schnell auf neue Umgebungen einstellen zu können und eine klare Linie im Umgang mit den Spielern zu verfolgen. Eigentlich hatte er seine Trainerkarriere jedoch Anfang des Jahres beendet.

          Eine schwierige Mission

          Er hatte die Agentur „Teamtalk“ gegründet und hätte sein Leben im Engadin genießen können, seinem Lebensmittelpunkt. Aber die Verführungskraft der Tagesarbeit im Wettkampfbetrieb war wohl zu groß. Zumal erfolgreiche Abstiegskämpfe zu den Höhepunkten seiner Karriere zählen. Mit Tottenham Hotspur schaffte er 1998 den Klassenverbleib, im Sturm der Engländer spielte damals Jürgen Klinsmann. Nach zehn Jahren in Basel übernahm er 2009 den kriselnden VfB Stuttgart auf Tabellenplatz 15 und erreichte am Ende der Saison noch den Europapokal. Damals lernte er auch den Stuttgarter Geschäftsstellenmitarbeiter Jochen Schneider kennen, der heute Sportvorstand auf Schalke ist und jetzt auf eine ähnliche Wende hofft wie damals.

          Gross habe „sowohl in Deutschland als auch in England bewiesen, dass er schwierige Missionen dieser Art erfolgreich gestalten kann“, sagte Schneider an Sonntag. Aber es ist völlig unklar, ob die Methoden dieses Coaches noch funktionieren und wie er sich als Trainer weiterentwickelt hat in Saudi Arabien und Ägypten, wo das Spiel sich deutlich unterscheidet vom hochgerüsteten Hightech-Fußball, der mittlerweile in den europäischen Top-Ligen gespielt wird.

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