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Charly Körbel : „Mit mir hat die Eintracht nie ein Endspiel verloren“

Cotrainer in Rostock statt Meister als Spieler: Charly Körbel Bild: picture-alliance / dpa

An diesem Samstag vor 17 Jahren verspielte Eintracht Frankfurt auf fast tragische Weise die deutsche Meisterschaft. Auf der Bank in Rostock saß Co-Trainer Charly Körbel. Der Bundesligarekordspieler hätte spielen sollen - doch es kam anders.

          3 Min.

          Solange Karl-Heinz Körbel bei der Frankfurter Eintracht spielte, galt der Klub trotz seiner an Beständigkeit kaum zu überbietenden Galionsfigur als die „launische Diva vom Main“. Pokalsiege waren immer mal wieder drin, insgesamt vier Triumphe legen ein Zeugnis ab von der Leistungsstärke der Eintracht in diesem Wettbewerb. Nicht mal die Bayern haben während Körbels 19 Jahren als Profi so viele Endspielsiege in diesem Wettbewerb des Deutschen Fußball-Bundes feiern können.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine Meisterschaft blieb dem Rekordspieler mit den 602 Bundesligaeinsätzen im Trikot der „Adler“ jedoch verwehrt, die Eintracht kam mit ihrem Dauer-Stopper im Team nie über Platz vier in der Bundesliga hinaus. „Es war bei uns in den Jahren mit einem starken Team immer dasselbe Lied: Wir waren einfach nicht konstant genug“, sagt Körbel im Rückblick. „Da haben wir in der einen Woche die Bayern aus dem Waldstadion gefegt und in der Woche danach gegen den Tabellenletzten verloren.“

          Körbel hätte in Rostock spielen sollen

          Trotz des ewigen Kampfes im Mittelfeld hätte Körbel beinahe noch im Jahr nach dem Karriereende sein meisterliches Happy End feiern können - eine der vielen Geschichten, die seine in der kommenden Woche erscheinende Biographie erzählt. Am bis heute denkwürdigen 16. Mai 1992 sollte Körbel, mittlerweile Assistent und Lehrling von Trainer Dragoslav Stepanovic, im Rostocker Ostseestadion zum Einsatz kommen - als die Eintracht als Tabellenführer in den 38. und letzten Spieltag ging. Die Eintracht brauchte gegen Hansa, ein Team, dessen Abstieg in die Zweitklassigkeit bereits feststand, lediglich zu gewinnen, dann wäre die zweite Meisterschaft nach dem Triumph der Elf um Alfred Pfaff und Richard Kress aus dem Jahr 1959 perfekt gewesen.

          Rekordspieler am Karrierebeginn: Charly Körbel in den 70ern
          Rekordspieler am Karrierebeginn: Charly Körbel in den 70ern :

          Sowohl die Meister-T-Shirts wie auch die entsprechenden Baseball-Mützen waren angefertigt, „Stepi“ hatte schon seinem Gemüt gemäß einen Meisterschafts-Song in seiner nur ihm eigenen Mischung aus Serbisch und Hessisch aufgenommen. Bei allem Optimismus gab es aber auch Sorgen bei der Eintracht. Die Verletztenliste war von Woche zu Woche dieser aufgrund der wiedervereinigungsbedingten Vergrößerung der Bundesliga längsten Spielzeit der Geschichte mit 38 Spieltagen mächtig angewachsen. „Ich war sowieso noch ziemlich fit, habe das ganze Jahr immer bei den Trainingsspielen mitgespielt“, sagt Körbel. „Und als wir plötzlich gegen Saisonende viele Probleme wegen Ausfällen in der Abwehr bekamen, verordnete mir Stepi richtiges Training. Ich sollte mich bereithalten“, sagt Körbel. „Als wir nach Rostock abgereist sind, war ich schon seit mehr als vier Wochen voll im Training.“

          Tragische Fehlentscheidung des Schiedsrichters

          Aufgrund der Eindrücke während der Übungseinheiten entschied sich Stepanovic zunächst, Körbel tatsächlich in sein 603. Bundesligaspiel zu schicken. Der Trainer schien gewillt, seiner nervösen und zunehmend unsichereren Abwehr durch die Erfahrung Körbels wieder Halt zu geben. Körbel selbst war ohnehin vollkommen überzeugt vom Gelingen des Überraschungscoups. „Mit mir hat die Eintracht nie ein Endspiel verloren, und ich war damals total überzeugt, dass wir auch dieses Endspiel mit mir nur gewinnen können“, sagt Körbel. „Ich habe mich riesig gefühlt und war total heiß auf die Meisterschale.“

          Am frühen Samstagmorgen suchte Stepanovic noch einmal das Gespräch mit seinem Assistenten - und erst danach rückte er dann doch wieder von seinem Plan ab. Nicht mal als Ersatzspieler nominierte er Körbel, dessen Spielerlaubnis beim DFB nach wie vor vorlag. „Stepi sagte, dass die Medien ihn zerreißen würden, wenn es schiefgeht“, berichtet Körbel aus seinen Erinnerungen an die Erlebnisse, die sich in diesen Tagen zum siebzehnten Mal jähren. „Er fürchtete, dass ihn dann alle wegen seiner Entscheidung zugunsten des alten Mannes die Verantwortung für eine mögliche Niederlage geben würden.“

          Meister-Shirts und Stepanovic-Single

          Stattdessen schickte Stepanovic ausgerechnet den monatelang verletzten Axel Kruse mit einer recht eigenwilligen Begründung vom Anpfiff weg aufs Feld. „Stepi meinte, dass Kruse als Ex-Rostocker gegen seinen Ex-Klub ein Riesenspiel machen würde und uns den Titel sichern könnte“, schildert Körbel. Tatsächlich markiert Kruse den zwischenzeitlichen Ausgleichstreffer, der der Eintracht wieder Hoffnung auf den finalen Triumph im Wettstreit mit Dortmund und Stuttgart gab. Doch sonst gelang dem Enfant terrible an diesem Nachmittag nicht allzu viel.

          Zu allem Überfluss fällte auch noch Schiedsrichter Alfons Berg eine folgenschwere Fehlentscheidung, als er nach einem Foul an Ralf Weber der Eintracht einen Elfmeter verweigert. Die Eintracht verlor am Ende 1:2. Stuttgart wurde Überraschungsmeister, und auch Dortmund zog noch an den frustrierten Hessen vorbei - für die Fans der Eintracht bis heute ein Trauma. „Wir hätten gewonnen, wenn ich auf dem Platz gestanden hätte“, lässt Körbel auch mit einigem zeitlichen Abstand zum aufwühlenden Geschehen keine Zweifel aufkommen. Abgeschlossen ist die Vergangenheitsbewältigung noch immer nicht endgültig: Die Meister-Shirts und die Stepanovic-Single von einst sind aktuell in einer grabmalähnlichen Vitrine im Eintracht-Museum in den Katakomben der WM-Arena ausgestellt.

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