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Charakterfrage eines Torwarts : Der nette Jens und der wilde Lehmann

Zuletzt Lehmanns Lieblingsgeste: Vogel zeigen Bild: AP

Wenn die Realität nicht mehr zu den eigenen Vorstellungen passt: Warum der in Stuttgart hochgeschätzte Jens Lehmann immer wieder die Kontrolle verliert, lamentiert, den Vogel zeigt oder den Ball wirft.

          Jens Lehmann schweigt beharrlich. Was er sagt, ist, dass er nichts sagen möchte. Nichts über sich und sein Verhältnis zu den Schiedsrichtern in der Fußball-Bundesliga, nichts über seine emotionalen Ausbrüche und auch nichts über seine Gedanken zur sportlichen Zukunft. Keine Lust. Und keine Zeit. Dann verschwindet er vom Trainingsgelände des VfB Stuttgart, lächelt noch und hebt sogar die Hand zum Abschied. Diejenigen, die in diesen Tagen über ihn reden, sind voll des Lobes.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie nennen Lehmann schlicht den „Jens“ und sagen, dass er „professionell und höflich“ sei „und nach dem Training Autogramme schreibt“. Horst Heldt, der Manager des VfB, erlebt das so und beteuert: „Ich habe nicht ansatzweise ein Problem mit Jens.“ So wie ihm geht es offenbar vielen in Stuttgart, und das macht vor allem eines deutlich: Es gibt den netten Jens – und den wilden Herrn Lehmann.

          Zu arrogant, zu schnöselig, zu distanziert

          Jens Lehmann ist seit Montag 39 Jahre alt und zählt noch immer zu den außergewöhnlich guten Torhütern in Deutschland, er kann ein Fußballspiel lesen, die Abwehr richtig stellen, schnelle Konter mit weiten Abwürfen einleiten und verfügt über starke Reflexe. Als Jürgen Klinsmann noch Bundestrainer war, hat er Lehmann deshalb zur Nummer eins gemacht.

          Ich und die anderen: Lehmann im Disput mit dem Schiedsrichtergespann

          Aber selbst in diesem Moment im April 2006 haben sich mehr Leute für den Verlierer dieses Duells, Oliver Kahn, als für den Gewinner interessiert. Vielleicht ist das sein Schicksal: Lehmann hat sich Respekt erworben während seiner Karriere, aber nur selten wurde er für seine Leistungen oder sein Auftreten auch bewundert. Zu arrogant, zu schnöselig, zu distanziert präsentierte er sich – oder wurde zumindest von vielen so wahrgenommen. Gerade in diesen Wochen bekommt dieses Bild wieder schärfere Konturen.

          Vogel, Scheibenwischer, Ballwurf

          Allzu oft verliert Lehmann auf dem Platz die Kontrolle, lamentiert, zeigt den Schiedsrichtern einen Vogel oder den Scheibenwischer, wirft den Ball nach einen Gegenspieler oder tritt sogar nach ihm. Vor zwei Wochen hat er so den Kölner Roda Antar getroffen, Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer hat die Szene beobachtet, aber nicht als strafbar empfunden. Seine Sicht der Dinge lässt Lehmann über den Pressesprecher des VfB mitteilen: „Ich habe das überhaupt nicht mitbekommen.“

          Nur eine Woche später baute er sich nach dem Spiel in Frankfurt für alle sichtbar vor den Fernsehkameras auf und sagte über die Leistung des Unparteiischen Babak Rafati: „Wenn man so viele Fehler macht, ist es erstaunlich, dass man noch als Fifa-Schiedsrichter durchgeht. Das ist unglaublich, einfach schlecht. Ich finde, es muss Bessere geben. Das kann so nicht weitergehen und ist auch traurig für die Liga.“ In solchen Szenen tritt der wilde Herr Lehmann auf. Ein Eigenbrötler. Ein Wiederholungstäter, der in Deutschland, als er noch bei Schalke 04 und Borussia Dortmund unter Vertrag stand, fünfmal vom Platz gestellt worden ist. Keinen anderen Torwart hat es so oft erwischt.

          Vorerst nur vier Gelbe Karten

          Nicht wenige wundern sich, dass der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in dieser Spielzeit im Fall Lehmann noch nicht tätig geworden ist. Zuletzt kam Lehmann gerade noch einmal mit einem blauen Auge davon. Anton Nachreiner, der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, ließ wissen: „Die Aussagen von Jens Lehmann haben die Grenze der verfolgungswürdigen Unsportlichkeit nur ganz knapp unterschritten.“ So bleibt es für ihn vorerst bei vier Gelben Karten, nur Stürmer Gomez und Abwehrspieler Boka wurden beim VfB Stuttgart genauso häufig verwarnt. Selbst Trainer Armin Veh sagt deshalb inzwischen: „Dass man als Torwart so häufig bestraft wird, ist natürlich nicht normal.“

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