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Bundesliga-Kommentar : Mehr Lust im Abstiegskampf – wie der BVB!

Pierre-Emerick Aubameyang und Dortmund haben Mut im Abstiegskampf und werden belohnt Bild: Reuters

Verzagten und verkrampften Fußball gibt es im Abstiegskampf. Warum nur? Dortmund spielte mutig und mitreißend. Die Belohnung ist eine Befreiung. So ist der BVB ein Vorbild für alle im Tabellenkeller.

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          Langsam wird es Frühling, die Zeit, in der alles im Leben fröhlicher wird. Nur der Abstiegskampf nicht, der wird immer schrecklicher, bis zum Horror-Monat Mai. Ist es eine deutsche Besonderheit, dass in einem Zeitvertreib wie Fußball, dazu erfunden, spielerisch Freude zu bereiten, die Gefühlswelt so sehr von Verlustangst geprägt ist?

          Die Mutlosigkeit fängt schon auf den Champions-League-Plätzen an. Schalke trat in Dortmund auf, als wäre man nicht als Vierter, sondern als Achtzehnter ins Spiel gegangen. Dass ein Klub wie Schalke sich entgegen eigener Tradition einem solch destruktiven Fußball verschrieben hat wie zuletzt, zeugt auch von einem Nachholbedarf in der Bundesliga. Es fehlt am Bewusstsein, dass ein moderner Klub sich einer Art innerem Grundgesetz verpflichten sollte. Es definiert den Charakter des Fußballs als Teil des Markenkerns. Es sollte kein Angstfußball sein.

          Wenn schon ein Top-Team so auftritt, was soll man von denen erwarten, die wirklich hinten stehen? Das Schlimme am Abstiegskampf ist, dass viele der in ihm Gefangenen die Zweitklassigkeit, gegen die sie kämpfen, genau dadurch erzeugen – also bereits in der ersten Liga. So wie das an diesem Spieltag vor allem Hannover und Stuttgart taten, wie es aber erfahrungsgemäß weiter um sich greifen wird, je knapper die Zeit bis Mai wird und je enger der Kampf um die rettenden Plätze.

          Abstieg ist kein finanzieller Abstieg

          Warum spürt man so selten die Lust, in dieser Liga zu spielen? Und so oft die Last, um jeden Preis in ihr bleiben zu müssen? Verzagter, verkrampfter Fußball wird gern als allzu menschliche Folge lähmenden Existenzkampfes erklärt. Dieser Existenzkampf aber ist eine Lüge, er findet woanders statt, in anderen Branchen, nicht im Fußball, nicht in der Bundesliga.

          Schiedsrichter Stark schickte sowohl Harnik (links) als auch Stindl vom Platz Bilderstrecke

          Dort spielt keiner wirklich um seine Existenz, kein Spieler, kein Klub. Spieler, die absteigen, verlieren nicht ihren unfassbar gut bezahlten Beruf. Wenn’s gut läuft, bekommen sie einen neuen Klub, wenn’s schlecht läuft, ein paar hunderttausend weniger im Jahr. Klubs, die absteigen, fallen längst nicht so tief wie etwa in England, wo nur die Premier League von den hohen TV-Einnahmen profitiert. In Deutschland ist das finanzielle Gefälle bei guter Führung abzufedern. Traditionsklubs wie Frankfurt oder Köln haben gezeigt, dass Ab- und Wiederaufstieg einen guten Neuanfang bringen können.

          Die Angst war überflüssig

          Ein noch besserer Neuanfang ist natürlich die überwundene Abstiegsangst. So wie es der FC Augsburg vor zwei Jahren schaffte, als er nach miserabler Vorrunde an Trainer Markus Weinzierl festhielt, sich mit mutigem Fußball rettete und seitdem im oberen Drittel etablierte. Auch Werder Bremen und Borussia Dortmund ließen sich am Tabellenende nicht verbiegen und fanden nach der Winterpause ihren ureigenen Fußball zurück.

          Wie die Dortmunder das Derby gegen Schalke spielten, 31:3 Torschüsse, war wie eine Befreiung. Und zugleich eine Erinnerung daran, wie sehr der Fußball dieses Teams die ganze Liga bereichert, wenn er so mutig und mitreißend ist wie am Samstag. Trainer Jürgen Klopp wollte nicht übertreiben und mahnte trotz vier Siegen in Serie noch zur Vorsicht: „28 Punkte werden nicht reichen.“ Einspruch: Dem HSV reichten vergangenen Mai 27 Punkte. Und all die Angst, die man ausgestanden hatte – völlig überflüssig.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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