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Vor Duell gegen Bayer 04 : Dortmund taumelt schon

Dortmunder Führungsfigur: Marco Reus verliert die Laune. Bild: WITTERS

Eine Niederlage und ein paar Kleinigkeiten beenden beim BVB die unbeschwerten Tage des Sommers. Ein Sieg über Bayer Leverkusen wäre das geeignete Antidepressivum.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Aus heutiger Sicht blickt Borussia Dortmund auf zuckersüße Sommerwochen zurück. Die Verantwortlichen konnten sich für beachtliche Erfolge auf dem Transfermarkt feiern lassen, sie genossen ihre nun auch öffentlich formulierten Träume vom deutschen Meistertitel, und heimlich schmunzelten sie vermutlich über die schlechte Laune beim FC Bayern, weil die Sache mit den Spielerverpflichtungen dort nicht so reibungslos verlief. Doch die Fußballwelt dreht sich in einem absurd rasenden Tempo, eine einzige Niederlage, das 1:3 bei Union Berlin, reichte aus, um ein schweres Stimmungstief über der schwarz-gelben Fußballstadt aufziehen zu lassen.

          Seit jenem Samstagabend vor zwei Wochen wird über angebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Lucien Favre und der Klubführung über den Umgang mit dem Saisonziel spekuliert. „Glauben Sie, wir geben ein Ziel raus, ohne vorher mit dem Trainer gesprochen zu haben? Das ist doch irrsinnig“, zürnt Sportdirektor Zorc nun vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen. „Wir haben da keinen Dissens, wie oft soll ich das noch wiederholen!“

          Bundesliga

          Fundierte Hinweise auf interne Konflikte, die über die Reibungen eines intensiven Arbeitsalltages hinaus gehen, gibt es tatsächlich nicht, allerdings fehlt dem BVB dieser Tage etwas, das in der vorigen Saison zu einem wichtigen Faktor geworden war: die Leichtigkeit, der beflügelnde Zauber des Neuen.

          Ein neues, wackeliges soziales Gefüge

          Jadon Sancho hat den Status des Newcomers verloren und wird mittlerweile auf dem ganzen Planeten als eines der größten Talente des Weltfußballs betrachtet. Axel Witsel, der vor einem Jahr überraschend reibungslos in die Rolle des Taktgebers auf dem Platz, des Wortführers in der Kabine und des Sprechers der frankophonen Fraktion im Kader hineinwuchs, hat nach Formschwankungen im Frühjahr an Strahlkraft verloren. Paco Alcácer ist nicht mehr der Joker, der scheinbar ohne Mühe jedes Spiel dreht. Und die Ankunft von Mats Hummels zwingt das Team dazu, sein im Vorjahr wunderbar funktionierendes soziales Gefüge umzubauen. Mit seiner Kopfballstärke und seiner Fähigkeit, das Spiel mit klugen Pässen auch gegen tief stehende Gegner zu gestalten, behebt er fußballerische Schwächen, die im Vorjahr womöglich den Meistertitel kosteten. Aber der Weltmeister stellt Ansprüche in der Kabine. Die Anführer Witsel und Marco Reus, die sich bestens verstanden, haben Verantwortung abgegeben. Manuel Akanji musste Hummels sogar seinen Platz als zweiter stellvertretender Kapitän hinter Reus und Piszczek überlassen, was den Schweizer offensichtlich derart kränkte, dass er gar nicht mehr im Mannschaftsrat mitarbeiten wollte.

          Und die Stimmung rund um Reus hat sich ebenfalls grundlegend verändert. Vor einem Jahr wurde er für seine neugewonnene Führungsstärke beim BVB gefeiert, mit 30 Jahren blühte er auf in der Rolle des unumstrittenen Chefs einer jungen, sehr aufregenden Mannschaft. Jetzt steht er plötzlich heftig in der Kritik, weil es ihm nicht gelingt, in der Nationalmannschaft in eine ähnliche Rolle hineinzufinden.

          In der öffentlichen Wahrnehmung endgültig in das Bild des Zauderers geschlüpft: Dortmunds vorsichtiger Trainer Lucien Favre

          Für sich genommen, sind all diese Aspekte eher Kleinigkeiten, aber in der Summe ergibt sich ein Bild der Unruhe, das vor dem Hintergrund der offen formulierten Meisterschaftsambitionen noch dramatischer wirkt als ohnehin schon. Mit der mutigen Benennung des offiziellen Saisonzieles wollten sie ja eigentlich einen zusätzlichen Impuls geben, diese einst von Jürgen Klopp in Dortmund so perfekt gelebte „Wir können alles schaffen“-Mentalität sollte reanimiert werden – eine sinnvolle Idee. Aber mit dem manchmal etwas sperrigen Favre ist das schwieriger als erwartet, der Schweizer Fußball-Tüftler hat viele Fähigkeiten, aber rhetorische Energieschübe, die öffentlich spürbar sind, gehören nicht zum Repertoire seiner Trainerkunst. Und sein Bekenntnis zum offiziellen Saisonziel klingt weiterhin zaghaft. Natürlich wolle auch er „in dieser Saison in die Richtung gehen, um die Meisterschaft zu spielen“, sagt er vor den wichtigen Spielen gegen Leverkusen und den FC Barcelona am Dienstag. Das von seinen früheren Stationen bekannte Bild des Zauderers ist nach seinem Saisonzielkommentar von Berlin („Wir müssen aufpassen, was wir sagen. Wir können es nicht mehr ändern“) nun auch in Dortmund präsent wie nie.

          „Wir waren alle ein wenig überrascht, in welche Richtung die Kritik zielte“, sagt Zorc nun, weil auf dem Boulevard bereits Berichte vom „Pulverfass BVB“ kursieren. Solche Geschichten sind so früh in der Saison und nach gerade einmal einer Niederlage natürlich reichlich gewagt, unbestreitbar ist aber, dass der ganze Klub derzeit eine ordentliche Portion der Freude aus dem vergangenen Herbst gebrauchen könnte. In der Frage nach dem besten Mittel gegen die kleine Dortmunder Spätsommerdepression sind Favre und Zorc sich ohne jeden Zweifel einig: „gewinnen“ gegen Bayer Leverkusen.

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