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Kommentar : Das Märchen ist aus

Noch ein paar Spiele, dann ist die Zeit von BVB-Trainer Jürgen Klopp in Dortmund vorbei Bild: AP

Mit Jürgen Klopps Abschied endet eines der aufregendsten Projekte im deutschen Fußball. Borussia Dortmund steht vor einer großen Aufgabe. Aber auch für Klopps Zukunft stellt sich eine faszinierende Frage.

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          So einen bewegten und bewegenden Tag hat die Bundesliga selten erlebt: Am Mittwoch haben innerhalb weniger Minuten erst der HSV und dann Borussia Dortmund neue Kapitel ihrer traditionsreichen Geschichte aufgeschlagen.

          Die Unterschiede auf diesem Weg könnten allerdings größer kaum sein: Der irrlichternde HSV hat mit der notgedrungenen Verpflichtung von Trainer Labbadia in seinem ewigen Abstiegskampf nur eine weitere Lachnummer produziert. Während das traurige Ende der Ära Klopp allen Fußball-Liebhabern das Herz bricht, nicht nur in Dortmund.

          Die Verantwortlichen des BVB und ihr Trainer haben sechs Spieltage vor Saisonschluss für viele überraschend die Kraft aufgebracht, ihre schwarz-gelbe Brille abzunehmen, durch die der Niedergang eines erschöpften Teams und Trainers bis zuletzt immer noch eine milde Tönung annehmen sollte.

          Das muss schwer gewesen sein. Tatsächlich war außerhalb des BVB-Kosmos längst offensichtlich, dass eines der aufregendsten und anregendsten Projekte im deutschen Fußball an seinem Ende angekommen war.

          Die enorme Energie, mit der es Klopp seit 2008 gelungen war, einem Traditionsklub kurz vor dem Exitus erst neues Leben einzuhauchen und ihn dann mit zwei deutschen Meisterschaften sowie dem Einzug ins Finale der Champions League 2013 zu einem Angstgegner des FC Bayern und einem Vorbild in Europa zu formen, war seit Monaten schon verbraucht. Auch wenn Klopp am Mittwoch sagte, dass er das immer noch anders empfindet.

          Mit der Borussia hat Klopp nicht weniger als ein Fußball-Märchen wahr gemacht, nach dem sich alle Fußball-Liebhaber verzehren, nicht nur in Dortmund. All diejenigen nämlich, die einfach nicht glauben wollen, dass im hochkapitalisierten Fußball alleine Geld glücklich machen soll. Ihnen hat dieser hoch emotionale und hoch emotionalisierende Trainer eine unvergessliche Zeit geschenkt.

          Eine Zeit des ständigen Aufbruchs, der keine Grenzen kennt. Ein gelebter Traum. Diese kostbare Zeit verschwindet nun endgültig mit Klopps Abschied. Und sie wird auch nicht zurückkommen, selbst wenn sein Nachfolger, der Tuchel heißen könnte, wieder Kurs auf die Champions League nehmen sollte.

          Emotionale Pressekonferenz: Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (links), Jürgen Klopp und Sportdirektor Michael Zorc (rechts) Bilderstrecke

          Das Motto „Echte Liebe“, das der BVB in all seinen Geschäftsfeldern clever und gewinnbringend heruntergebrochen hat, war ohne den Gefühlsmenschen Klopp kaum denkbar. Er wurde in dieser Zeit allerdings auch größer als seine Spieler, vielleicht auch als der Klub, womöglich sogar zu groß für sich selbst. Am Ende lautete die Frage für Klopp und den BVB dennoch ganz schlicht: Muss der Trainer gehen – oder eine komplett neues Team aufgebaut werden? Eine Erneuerung nach altem Muster erschien selbst Klopp unmöglich.

          Gescheitert mag man dieses Projekt dennoch nicht nennen, dafür war der Gewinn zu beeindruckend. Aber an sein Ende ist es auch gekommen, weil es dem ewigen Aufsteiger Klopp und dem BVB nicht glückte, in die Rolle als europäische Großmacht wirklich hineinzuwachsen. Dies wird die große Aufgabe für Geschäftsführer Watzke sein, aber auch für Sportdirektor Zorc, die den Schutz einer übergroßen Trainerfigur verlieren.

          Die Zeremonie des Abschieds, der mit Klopps Bitte um Vertragsauflösung drei Jahre vor dem Ende der Laufzeit erklärt wird, lässt den Wunsch nach einem gewissen Stil auch in der Trennung erkennen. Ob jedoch Glanz und Aura, die Klopp jahrelang umgaben, auf seinem noch unbekannten Weg zurückkehren werden, ist eine vollkommen offene Frage – und die faszinierendste von allen. An ihr hängt nicht weniger als die Sehnsucht, dass sich Märchen wiederholen lassen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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