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Jadon Sancho : Der besondere Veredler von Borussia Dortmund

  • -Aktualisiert am

Jadon Sancho glänzt in Paderborn mit drei Toren. Bild: EPA

Jadon Sancho ist der beste Bundesliga-Scorer. In Paderborn gelingen ihm drei Tore. Doch weniger seine sportlichen Glanztaten machen ihn dort zum spektakulärsten Spieler im gelben BVB-Dress.

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          In der ersten Halbzeit fremdelte er noch wie die ganze Mannschaft von Borussia Dortmund mit dem Spiel beim Bundesliga-Letzten SC Paderborn. Ein paar Dribblings wollten nicht so gelingen, wie sich Jadon Sancho das vorgestellt hatte. Alles stockte, nichts schien im Fluss bei diesem Londoner Wunderknaben, der den BVB seit 2017 mit seiner angeborenen Klasse qualitativ enorm bereichert hat. So sehr, dass ihn der Zweite der Fußball-Bundesliga nach Lage der Dinge nicht unter 130 Millionen Euro abgeben würde – auch nicht in Notzeiten wie diesen im Zeichen der Corona-Krise.

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          0:0 also stand es am Pfingstsonntag zur Pause zwischen dem Aufsteiger, der mutmaßlich wieder absteigen dürfte, und dem wohl wieder einmal verhinderten Meister in spe, der mit der 0:1-Heimniederlage gegen den Klassenprimus FC Bayern am vergangenen Dienstag seine letzte Titelchance verspielt haben dürfte. Den Verlust auch seiner Spielfreude aber musste der BVB in der Begegnung danach nicht beklagen.

          Sie kehrte nicht zuletzt dank Sancho nach dem Wechsel schlagartig zurück, so dass die Schwarz-Gelben am Ende einen deutlichen 6:1-Sieg errangen, zu dem der aus dem Londoner Süden stammende englische Nationalspieler drei Treffer beisteuerte (57./74./90. Minute) und Hazard (54.), Hakimi (85.) und Schmelzer (89.) die weiteren drei Tore bei einem Gegentor durch Hünemeiers Handelfmeter (72.).

          Dass Außenstürmer Sancho, der Dritte der Torschützenliste, am Sonntag nun schon zum siebzehnten Mal traf und dazu 17 Tore vorbereitete, macht ihn in der Scorerstatistik zur Nummer eins der Liga und zur Nummer zwei in Europa hinter seinem diesmal wegen einer leichten Knieverletzung fehlenden Mitstreiter Erling Haaland. Doch weniger die ihm angeborene Selbstverständlichkeit beim Veredeln der vielen Dortmunder Torchancen machte Sancho am Sonntag zum spektakulärsten Spieler im gelben BVB-Dress. Es war vielmehr eine Geste, mit der er und später auch der Dortmunder Achraf Hakimi um den schwarzen Amerikaner George Floyd trauerte, der durch brutale Polizeigewalt in Minneapolis ums Leben gekommenen war.

          Sancho streifte nach seinem ersten Tor sein Trikot ab und offenbarte auf einem Shirt darunter seine eindeutige Botschaft: „Justice for George Floyd“. Der Angreifer mit dem feinen Gespür für freie Räume und entscheidende Situationen und der Lust auf spektakuläre Dribblings aus vollem Lauf überraschte mit seiner Aktion in Paderborn auch seinen Trainer Lucien Favre, dem im ersten Augenblick nichts zu Sanchos Demonstration einfiel. „Ich weiß nicht, warum er es gemacht hat. Ich kann das nicht beurteilen.“

          Der in seiner eigenen Welt lebende Fußballfachmann par excellence ohne den Extrakick an Motivationsfähigkeiten blickte lieber auf ein Spiel zurück, mit dem er als einer von wenigen in seiner Gesamtheit zufrieden war. „Ich habe in der Kabine fast nichts gesagt, nur einen Satz: Wir müssen so weiter machen, denn ich wusste, dass die Paderborner dieses Tempo nicht bis zum Schluss durchhalten.“

          Als Sancho und seine Kompagnons auf den Flügelpositionen wie Julian Brandt, Raphael Guerreiro und der mit einer Höchstgeschwindigkeit von 36,49 Kilometern pro Stunde schnellste Bundesligaprofi, Hakimi, noch kräftiger aufs Gaspedal drückten, brach der Paderborner Widerstand schließlich zusammen. Traurig und ein wenig wütend konstatierte Favres Kollege Steffen Baumgart: „Wir haben für unsere Verhältnisse eine sehr gute erste Halbzeit gespielt und es dem Gegner schwer gemacht. In der zweiten Hälfte waren wir noch 15 Minuten gut im Spiel, und dann sind Sachen passiert, die ich nicht erklären kann.“

          Der BVB aber bestand am Sonntag nach ruckeligem Beginn den Charaktertest in Paderborn nach der desillusionierenden Niederlage gegen die Bayern. Von der Meisterschaft in diesem Jahr träumt nun wohl kein Dortmunder mehr, was Sportdirektor Michael Zorc mit dem Satz, „für Platz eins wird es nicht mehr reichen“, realitätsbewusst verdeutliche. Anders aber als in der Hinrunde, als einer 0:4-Erniedrigung bei den Bayern ein verstörendes 3:3 gegen Paderborn nach 0:3-Halbzeitrückstand folgte, zeigte sich die zweitbeste deutsche Vereinsmannschaft beim Rückspiel in Ostwestfalen nach Startschwierigkeiten gefestigt und angenehm unternehmungslustig.

          Dazu trug nicht zuletzt der vor allem von betuchten Klubs in seinem Heimatland (Manchester United, FC Chelsea) umworbene Sancho bei. Sein Vertrag ohne Ausstiegsklausel mit Borussia Dortmund endet erst 2022, so dass dem BVB genügend Zeit und Spielraum bleibt, sein Eigeninteresse bei dieser Personalie rund um einen Profi der Extraklasse so teuer wie möglich zu etikettieren. Favre kann fürs Erste wieder auf den zuletzt mit muskulären Problemen kämpfenden Engländer bauen. Mit ihm hat der BVB in dieser Saison noch fünfmal die Gelegenheit zu glänzen und damit schon Zeichen für die nächste Spielzeit zu setzen.

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