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Bundesligaklubs in der Krise : Überlebensstrategien im Hochrisiko-Betrieb

  • -Aktualisiert am

Rettungsmöglichkeit? Selbst eine Insolvenz bedeutet im Profifußball noch lange nicht zwangsläufig das Aus. Bild: Picture-Alliance

Hoffnungsschimmer in der Corona-Krise. Öfter als andere Unternehmen überstehen Fußballklubs Bankrott und Insolvenz. 13 Profiklubs sollen bereits Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter beantragt haben.

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          Christoph Niering hat arbeitsreiche Tage hinter sich, die Expertise des Vorstandsvorsitzenden des Verbandes Deutscher Insolvenzverwalter (VID) ist gefragt in dieser Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen Abschwungs. Kaum jemand zweifelt daran, dass der durch das Coronavirus zum Stillstand gebrachten Nation eine Welle von Insolvenzen bevorstehen wird.

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          Um dieser Dynamik ihre Wucht zu nehmen, könne der Gesetzgeber „zumindest insoweit helfen, als sehr kurzfristig die Insolvenzantragspflichten ausgesetzt werden sollen“, sagt Niering, der sich während der vergangenen Jahre zu einem Spezialisten für Pleiten in einer ganz besonderen Branche entwickelt hat: dem professionellen Fußball. „Insolvenzen in der ersten und zweiten Liga sehe ich derzeit nicht“, sagt der Fachanwalt für Insolvenzrecht zwar, „dennoch sorge ich mich auch in diesen Spielklassen um finanzschwächere Klubs.“ Und in tieferen Ligen geht es für viele Vereine derzeit tatsächlich um die bloße Existenz.

          Niering konnte während der vergangenen Jahre Alemannia Aachen, Fortuna Köln und die Sportfreunde Siegen nach Insolvenzanträgen zum Teil mehrfach vor dem endgültigen Untergang retten. Sein Kanzleipartner Eberhard Stock hat den zwischenzeitlich zahlungsunfähigen KFC Uerdingen sogar dreimal neu aufgestellt. Dass nun seit wenigen Tagen keine „Insolvenzverschleppung“ mehr vorliegt, wenn ein Unternehmen trotz Zahlungsunfähigkeit keinen Insolvenzantrag stellt, helfe auch dem Fußball, wo viele Vereine hochriskant kalkulieren. Zwei abgesagte Spieltage können hier sofort zu einem dramatischen Liquiditätsengpass führen, kein Wunder, dass die Lage vielerorts prekär ist.

          13 Klubs beantragen Kurzarbeitergeld

          Nach den Recherchen des Ökonomen Daniel Weimar von der Universität Duisburg Essen haben schon in der vorigen Woche 13 Fußballklubs aus den ersten vier deutschen Fußball-Ligen Anträge auf Kurzarbeitergeld gestellt. Hannover 96 sowie Dynamo Dresden aus der zweiten Liga und elf Dritt- oder Regionalligavereine. Auch Bundesligaklubs wie Borussia Mönchengladbach denken über einen solchen Schritt nach, allerdings nicht für die Topverdiener aus dem Spielerkader, deren Gehalt dann auf einen Höchstbetrag von knapp 7000 Euro brutto im Monat gedeckelt wäre. So viel Opferbereitschaft will den Stars dann doch niemand zumuten.

          Weimar, der zu Insolvenzen im Fußball forscht, glaubt jedoch, dass viele Klubs das Jahr 2020 auch mit Kurzarbeit nur schwer überstehen werden: „Aufgrund der jetzigen Geschehnisse und der voraussichtlichen Länge der Krise ist davon auszugehen, dass sich die Zusammensetzung der Ligen unterhalb der beiden Bundesligen deutlich verändern wird“, sagt der Ökonom. Wobei Insolvenzen insbesondere in den Spielklassen unterhalb der 36 Erst- und Zweitligavereine nicht selten eine Art Befreiungsschlag sein können. „Genau das ist ja auch gewollt“, erläutert Niering. „Das ist die Politik der zweiten Chance: Man will einen Neustart ohne Altlasten möglich machen.“ Und im Fußball führen Insolvenzplanverfahren deutlich häufiger zur Rettung von Unternehmen als in der realen Wirtschaft.

          Wenig Abschrecknung

          Zwischen 1995 und 2017 wurden in den höchsten fünf Spielklassen 109 Anträge auf Insolvenz eingereicht, hat Weimar gezählt. Nicht zuletzt gehören ehemalige Traditionsvereine wie Kickers Offenbach, Waldhof Mannheim, der SSV Ulm, Alemannia Aachen und der KFC Uerdingen zum Kreis der Klubs, die diesen Ausweg schon einmal als beste Überlebenschance betrachteten. Erstaunlich ist: Kaum ein ehemals insolventes Fußballunternehmen existiert heute gar nicht mehr.

          Zwar gibt es einige Regionalverbände, die Insolvenzen mit Zwangsabstiegen bestrafen, aber meist werden zahlungsunfähige Fußballunternehmen lediglich mit einem Abzug von neun Punkten für das laufende Spieljahr sanktioniert. Nur wenn der Antrag nach Saisonende gestellt wird, ist das Folgejahr betroffen. Das sei „im Kern eine recht gute Regelung, die sich schon in vielen Insolvenzen bewährt hat“, sagt der Jurist Niering, wobei es dazu auch andere Meinungen gibt.

          Timo Skrzypski hat eine Insolvenz 2017 in verantwortlicher Position bei Alemannia Aachen erlebt und findet: Die neun Punkte Abzug seien „nicht abschreckend genug“. Nach den heutigen Regeln könne es „für Vereine zur Strategie werden, zu sagen: Ich entledige mich jetzt mal auf diesem Weg meiner Schulden und vielleicht auch meiner Knebelverträge.“ Der heutige „Director Sports“ bei dem Berliner Unternehmen „Ticketmaster“ hat den Eindruck, dass ein Verein sich „mit einer Insolvenz auch gesundwirtschaften“ könne. Allerdings gebe es höchst unangenehme Begleiterscheinungen, sagt Skrzypski: Das Image des Klubs und seiner Führung werde beschädigt, wichtige lokale Sponsoren wenden sich ab, Mitarbeiter verlieren Arbeitsplätze – ein befreiender Spaziergang in eine leuchtende Zukunft ist eine Insolvenz nie. Aber die Voraussetzungen für künftige Erfolge kann so ein Schritt oftmals spürbar verbessern. Und Niering kennt mittlerweile einige Faktoren, die die Erfolgsaussichten bestimmen.

          Von entscheidender Bedeutung für den Verlauf eines Insolvenzverfahrens sei die Unternehmenskultur in einem Klub, sagt der Fachanwalt. „Ein fairer, transparenter kollegialer Umgang zwischen Vereinsführung, Spielern und Mitarbeitern“ sei oftmals ein entscheidender Faktor. „Wenn die vorher schon gut zusammengearbeitet haben, dann wird sich das in der Krise noch verstärken. Wenn es hier deutliche Schwächen gibt, ist die Krise eine schwere Belastungsprobe, die viele nicht überstehen.“ Inwieweit solche Erfahrungen in der Krise der Gegenwart eine Rolle spielen, wenn Klubführungen Vor- und Nachteile einer Insolvenz abwägen, lässt sich schwer sagen. Aber: „Zwei Drittel der Vereine aus der dritten Liga und den Regionalligen werden in diesen Tagen gegen die Insolvenz kämpfen“, mutmaßt Skrzypski.

          Gehälter werden extrem sinken

          In den ersten beiden Ligen sieht das etwas anders aus. Auch in der Vergangenheit waren Insolvenzen im Wirkungsbereich der Deutschen Fußball Liga selten. Mit Waldhof Mannheim 2003 und dem SSV Ulm 2001 sind seit 1995 nur zwei Vereine aus den ersten beiden Ligen insolvent gegangen. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass auf diesem Niveau Werte in den Spielerkadern stecken, die ab der dritten Liga nur noch selten relevant sind. Werte, die infolge einer Insolvenz verlorengehen, weil die begehrten Spieler kündigen dürfen und ohne Ablösezahlung wechseln können. Das wollen die Verantwortlichen unter allen Umständen verhindern, Insolvenzverfahren sind hier also erheblich zerstörerischer.

          Und dennoch könnte auch der Spitzenfußball vollkommen anders aussehen, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist. Weimar hält es für „wahrscheinlich, dass die Gehälter im Sport extrem sinken werden“, auch der Transfermarkt könnte sich grundlegend verändern, wenn die Klubs weniger Geld zur Verfügung haben und ungewöhnlich viele Profis angeboten werden. Eines aber glaubt Weimar schon jetzt ziemlich sicher sagen zu können: „Die größten Verlierer werden die Spieler an der Grenze zwischen Oberliga und Regionalliga sein, die bisher gerade von ihrem Sport leben konnten und das bald wahrscheinlich nicht mehr können.“

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