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Utopisch? Von wegen : Wie Bo Svensson Mainz 05 flottmachte

  • -Aktualisiert am

Kein Zauberer: Bo Svensson macht „nichts Besonderes“, hat aber erstaunlichen Erfolg mit Mainz 05 Bild: dpa

Als er Anfang Januar seinen Vertrag als Cheftrainer bei den Mainzern unterschrieb, galt der Klub als angehender Absteiger. Nun sind sie in der Rückrundentabelle Fünfter. Wie hat Svensson das gemacht?

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          Die Mission schien aussichtslos. Als Bo Svensson Anfang Januar seinen Vertrag als Cheftrainer des FSV Mainz 05 unterschrieb, galt die Mannschaft bereits als angehender Absteiger. Nach internen Querelen und zwei Trainerwechseln Tabellenvorletzter mit sechs Punkten aus 14 Spieltagen, bar jeder Widerstandsfähigkeit – die Vereinsverantwortlichen um den als Sportvorstand zurückgekehrten ehemaligen Manager Christian Heidel, so die allgemeine Einschätzung, wussten schon, warum sie angekündigt hatten, gegebenenfalls mit Svensson den Neuaufbau in der zweiten Liga anzugehen.

          Zwei Niederlagen und ein Unentschieden später stellte sich die Lage noch prekärer dar: acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz, zehn auf Platz 15. Zu diesem Zeitpunkt war absehbar, dass die Mainzer eine Rückrunde benötigten, die eines Europa-League-Kandidaten würdig wäre. Utopisch? Total. Tatsächlich aber haben sie seither genau das bewerkstelligt: In der Rückrundentabelle sind sie Fünfter mit 24 Punkten, nur die Bayern, auf die sie an diesem Samstag treffen (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky), sowie die Champions-League-Anwärter aus Frankfurt, Wolfsburg und Leipzig stehen vor ihnen.

          Wer von Svensson wissen will, was um alles in der Welt er mit dem Kader gemacht hat, um die größte Rettungsaktion zu starten, seit Wolfgang Frank die Rheinhessen vor 15 Jahren vor dem Abstieg aus der zweiten Liga bewahrte, stößt auf eine Mauer aus Bescheidenheit. „Nichts Besonderes“, antwortet der 41-Jährige oder „Ich bin kein Magier“ oder „Die Energie, der Glaube an uns selbst, das ist aus der Gruppe heraus gekommen“. Was freilich die Frage aufwirft, warum weder der nach dem zweiten Spieltag entlassene Achim Beierlorzer noch dessen Nachfolger Jan-Moritz Lichte die Qualitäten ans Tageslicht gebracht hatten.

          Sicher, Svensson ist einer, der in sieben Profijahren am Bruchweg, die meisten unter Thomas Tuchel, die hiesige Philosophie verinnerlichte und anschließend vier Jahre lang als Jugendtrainer vermittelte. Als unabdingbare Bestandteile gehören dazu leidenschaftliches Lauf- und Zweikampfverhalten, aggressives Pressing, geradliniges Umschaltspiel. Die Defensive zu stabilisieren war die erste Amtshandlung des einstigen Innenverteidigers, und dass zu diesem Zweck im Januar Danny da Costa und Dominik Kohr auf Leihbasis von Eintracht Frankfurt kamen, trug zum Gelingen dieses Projekts bei.

          Den nach eineinhalb Jahren ohne Einsatz auf dem Abstellgleis gewähnten Stefan Bell zu reaktivieren und zum Abwehrchef einer Dreierkette zu machen war vielleicht der größte strategische Zug des Trainers. In diesem System mit den schnellen Jeremiah St. Juste und Moussa Niakhaté funktioniert der 29-Jährige nicht nur, sondern spielt seine stärkste Saison seit einer gefühlten Ewigkeit. Zu beobachten war das auch beim 1:0-Sieg am Mittwochabend in Bremen. Dort lief die zweite Halbzeit nach dem Motto: Werder hat den Ball, 05 hat Bell.

          Leandro Barreiro, unter Svensson im defensiven Mittelfeld gesetzt, kannte den Dänen schon aus U-17- und U-19-Zeiten als einen Trainer, der innerhalb des Kaders das Gefühl schaffe, „dass es nur zusammen geht, dass jeder im Training das Maximale zeigt. Ich hatte gehofft, dass er es wie damals in der Jugend macht.“ Genau so sei es gekommen, im Grunde seien Svenssons Ansprachen gleich geblieben. „Und wenn es nicht so läuft, greift er ein und rüttelt uns wach.“

          Svensson setzt seine Spieler im Training unter Dauerstress. Abschalten ist undenkbar. „Mein Verständnis von Fußball ist, dass es keine Pausen gibt“, sagt er. „Das bedeutet nicht, dass du immer laufen musst, aber du musst dir immer Gedanken darüber machen, welche Position sich für dich in diesem Moment am meisten lohnt“ – und damit für die Mannschaft. Dieser Ansatz trägt Früchte. Den Klassenverbleib haben die 05er noch nicht erreicht. Aber utopisch ist es nicht mehr.

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