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Debatte über Schiedsrichter : Was ist dran am „Bayern-Bonus“?

Der Ton macht die Musik – auch im Gespräch mit den Schiedsrichtern Bild: dpa

Vor dem Bundesliga-Duell mit dem FC Bayern (15.30 Uhr) poltert Werder Bremen über eine mögliche Bevorzugung der Münchner durch die Schiedsrichter. Selbst die Wissenschaft hat sich schon damit befasst.

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          Er ist ein alter Bekannter. Fast jeder ist ihm irgendwo schon mal begegnet, aber niemand kann vorhersagen, wann er zum nächsten Mal auftauchen wird. Er ist das Phantom der Fußball-Oper: der „Bayern-Bonus“. Gibt es ihn? Nach dem 3:1 in Hannover, mit zwei Münchner Toren durch Fehlentscheidungen, tauchte er leise in manchem Kommentar wieder auf. Donnerhall bekam er dann durch Thomas Eichins Großanklage. Der Bremer Manager schimpfte über zu große Nachsicht der Schiedsrichter mit Pep Guardiola („kann machen, was er will“), mit Franck Ribéry („hätte schon fünfmal runtergemusst“) und über „zweierlei Maß“ bei Zweikämpfen.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          So ließ Eichin die seit den Zeiten der Manager Uli Hoeneß und Willi Lemke gepflegte bremisch-bayrische Tradition der Aversion aufleben. Die gereizten Bayern brachten prompt eine persönliche Note ins Spiel. „Der hat wohl mal einen Puck an den Kopf bekommen“, sagte Matthias Sammer über den früheren Eishockey-Manager Eichin, „und das sind die Spätfolgen.“

          Pep Guardiola stürmt bis zur  Eckfahne

          Diese „heftige Reaktion“ sah Eichin wiederum als Beweis, „dass etwas Wahres dran ist“. Zudem habe er „dieses Thema nicht erfunden. Hundert andere haben es vor mir thematisiert.“ So offensiv wie er hat sich das aber lange keiner mehr getraut. Vorgänger Klaus Allofs etwa, inzwischen in Wolfsburg, fand nach der 0:1-Niederlage 2013, bei der Bastian Schweinsteiger nach Tätlichkeit gegen Diego ohne Platzverweis davonkam, nur leise resignierend: „Das ist der kleine Unterschied. Das haben die Bayern sich erarbeitet.“

          Natürlich steckt auch taktisches Kalkül hinter Eichins Worten vor dem Duell Werder gegen Bayern an diesem Samstag (15.30 / Live bei Sky und im Bundesliga-Liveticker bei FAZ.NET). Neben dem Aufspielen der Wortattacken und dem Abtun als „Geplänkel“ aber bleibt die Frage interessant: Was ist wirklich dran am „Bayern-Bonus“? Zumindest ein Guardiola-Bonus lässt sich kaum von der Hand weisen. Der Bayern-Trainer verlässt regelmäßig straflos die Coaching-Zone, vor kurzem sogar bis zur Eckfahne. In Mönchengladbach legte er der vierten Offiziellen Bibiana Steinhaus die Hand auf die Schulter. Sie schlug die Hand weg, es blieb die einzige Strafe für Guardiola.

          Ein anderer wäre dafür „wahrscheinlich auf die Tribüne geschickt worden“, schimpfte Lothar Matthäus und fand es „seltsam, dass sich Guardiola 80 Prozent der Zeit außerhalb der Coaching Zone aufhalten darf“. Es sei ein Bonus, den er sich „erarbeitet“ habe. „Ob der auch verdient ist, ist eine andere Frage.“ Das siehe Erarbeiten – es ist ein Begriff, den man oft hört und der auf eine unsichtbare Hierarchie im Fußball hinweist. Sogar der frühere Schiedsrichter Markus Merk begründete mit diesem Wort die Milde für Schweinsteiger nach der Attacke auf Diego: Er habe sich das „über Jahre erarbeitet.“

          Bayern-Trainer Guardiola: Kann er machen, was er will?
          Bayern-Trainer Guardiola: Kann er machen, was er will? : Bild: dpa

          „Erarbeitet“ hat das alles vor allem Uli Hoeneß, bis der Vorrang der Bayern in jeder Hinsicht jedem ganz normal vorkam. Nun, ohne ihn, klingen seine Nachfolger mit ihrer verbalen Überreaktion auf den Einwurf aus Bremen, als wollten sie jedes Aufbegehren an der Bundesliga-Basis im Keim ersticken. Neu sind die Beschwerden nicht. 1999 etwa klagte Schalke-Manager Rudi Assauer nach einem 1:1 gegen die Bayern über Ungleichbehandlung – kurioserweise am Beispiel von Matthäus, dem heutigen Kritiker des Guardiola-Bonus, der damals als Bayern-Kapitän trotz Notbremse auf dem Platz bleiben durfte. Assauer sprach von einem „gewissen Bonus“.

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