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Bayer Leverkusen : Der rasante Umbau der Werkself

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Bleibt er in Leverkusen? Kai Havertz ist von anderen Klubs umworben. Bild: dpa

Bei Bayer Leverkusen hofft man, in der kommenden Spielzeit Außergewöhnliches zustande zu bringen. Dafür hat sich der Klub auf und neben dem Platz verstärkt. Doch ein Spieler könnte noch zum Unruhefaktor werden.

          Mit einer Art Phantomschmerz hat Kai Havertz das neue Fußballjahr begonnen, als er am vorigen Montag in die Saisonvorbereitung bei Bayer Leverkusen einstieg. Den Sommerurlaub hat er noch gemeinsam mit Julian Brandt verbracht, nun beginnt sein erstes Jahr als Fußball-Profi ohne seinen zu Borussia Dortmund übergelaufenen Kumpel. „Natürlich vermisse ich ihn“, sagt Havertz, „er ist ja nicht nur mein Mitspieler gewesen, sondern auch ein guter Freund.“ Sportlich wurde der Verlust mit Kerem Demirbay von der TSG Hoffenheim sowie Moussa Diaby (Paris St. Germain) ganz gut kompensiert, und Havertz wird Brandt weiterhin treffen können. Dortmund ist nicht weit weg. Allerdings können solche Veränderungen im sozialen Gefüge das Alltagsklima beeinflussen, das weiß auch Simon Rolfes. „Ich glaube, dass wir besser sind als im vorigen Jahr“, so lautet die erste Transferbilanz des Sportdirektors, „aber am Ende muss sich eine Mannschaft ständig neu beweisen, denn es ergeben sich in jedem Kader immer wieder andere Konstellationen.“ Verglichen mit den Großbaustellen, auf denen andere Klubs bei ihrer Kaderplanung schuften, ist das aber kaum mehr als ein Alltagsproblemchen. Und ein Zeichen der Stärke.

          Trotz des durch eine festgeschriebene 25-Millionen-Euro-Ablöse möglich gewordenen Wechsels von Brandt zum BVB ist Rolfes sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der sommerlichen Transferphase. „Weil wir schon sehr weit sind, stehen wir nicht unter dem Druck, etwas machen zu müssen“, sagt er und spricht von einer „guten Ausgangssituation, schließlich seien immer noch „fast zwei Monate Zeit“ für weitere Verpflichtungen. Zwar werden weder das umworbene dänische Talent Martin Ödegaard (lässt sich offenbar lieber von Real Madrid nach San Sebastian verleihen) noch der spanische U-21-Nationalspieler Dani Olmo zum Werksklub wechseln, die wirklich wichtigen Schritte in eine viel versprechende Zukunft haben die Leverkusener aber längst gemacht.

          Der Bosz-Stil schafft Identifikation bei Bayer

          Nach zweijähriger Unterbrechung gelang wieder einmal die Qualifikation für die Fußball-Champions-League, und bis auf Brandt sowie den nach Frankfurt transferierten Dominik Kohr bleibt der Kern des Teams beisammen. Neu dabei sind Mittelfeldspieler Demirbay, der schnelle Flügelstürmer Diaby, der von etlichen anderen europäischen Klubs umworben war und Linksverteidiger Daley Sinkgraven (Ajax Amsterdam) – Transfers auf hohem Niveau. Vor allem jedoch arbeitet mit Peter Bosz endlich wieder ein Trainer in Leverkusen, der einen fußballerischen Stil pflegt, mit dem alle im Klub sich identifizieren. Seit der Niederländer im Winter den eher defensiv denkenden Heiko Herrlich ablöste, steht Bayer 04 wieder für „einen offensiven, attraktiven Fußball“, sagt Rolfes, für eine Spielweise, die „schon lange zur DNA“ dieses Vereins gehört.

          Leverkusens Trainer Peter Bosz beim Trainingsauftakt der Werkself am 1. Juli 2019

          In der Rückrunde war die Werkself sogar besser als der BVB, in der Bundesliga haben 2019 nur die Bayern öfter getroffen, und kein anderer Klub in den fünf größten Ligen Europas hatte in den Spielen der ersten Jahreshälfte mehr Ballbesitz. Nicht einmal Manchester City, der FC Liverpool oder der FC Barcelona erreichten den Leverkusener Wert von 67,8 Prozent. „Das ist der Fußball, der mir Spaß macht, der vielen anderen Spaß macht und der uns auf dem Transfermarkt für viele junge Spieler interessant macht“, sagt Rolfes.

          Wird Havertz noch zum Unruhefaktor?

          Das war vor einem Jahr noch vollkommen anders, als das Team viel zu oft einen zähen, eher reaktiven Sicherheitsfußball spielte. Jetzt, ein dreiviertel Jahr später, strahlt nicht nur das Team eine ganz neue Haltung aus, der ganze Klub hat sich auf unterschiedlichen Ebenen neu erfunden; und das rasende Tempo dieses Umbaus ist bemerkenswert. Als Gesicht der Fußballtochter des Bayer-Konzerns agiert zwar weiterhin Sportgeschäftsführer Rudi Völler, aber auf den meisten anderen wichtigen Positionen im operativen Geschäft wurden grundlegende Umbesetzungen vorgenommen. Master Mind hinter diesem Prozess ist – neben Rolfes – der öffentlich bislang nur wenig bekannte frühere Bertelsmann-Vorstand Fernando Carro, der im Frühjahr 2018 zu Bayer 04 wechselte. Der ehemalige Stürmer Stefan Kießling sitzt mittlerweile als „Referent der Geschäftsführung“ in einem Büro direkt neben Völler, Carro und Rolfes, der Sportdirektor Jonas Boldt beerbte – drei neue Gesichter auf der obersten Ebene. Der Trainer ist seit Januar da, die Spielweise wurde modifiziert, und mit Tim Steidten wurde ein in Fachkreisen hoch angesehener Experte für die Kaderplanung von Werder Bremen nach Leverkusen geholt. Zudem werden die Abteilungen Kommunikation und Marketing von neuen Direktoren geleitet, mit dem 32-Millionen-Euro-Transfer Demirbay hat Bayer den teuersten Spieler seiner Geschichte verpflichtet, und mit Havertz gehört eines der aufregendsten Talente des Weltfußballs dem Kader an. Wobei der junge Star noch zum Unruhefaktor werden kann.

          Denn der Markt jener Spieler, an denen die größten Klubs der Welt interessiert sind, ist in diesem Sommer noch gar nicht in Bewegung geraten. Womöglich kommt irgendwann der FC Bayern oder irgendein anderer Gigant der Champions League, der beim Wettbieten um die großen Stars leer ausging, und offeriert eine dreistellige Millionensumme für den 19 Jahre alten Profi. Rolfes zuckt bei solchen Gedanken nur gelassen mit den Schultern. „Das ist zumindest mal nicht meine Sorge“, sagt er. Havertz soll unter allen Umständen bleiben, denn Bayer Leverkusen hofft auf eines dieser seltenen Jahre, in denen auch an einem Standort wie diesem etwas Außergewöhnliches möglich ist.

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