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Bochums neuer Trainer : Letschs Zukunft ohne RB-Vibes

  • -Aktualisiert am

Thomas Letsch leitet das Training der Bochumer. Bild: Ralf Ibing /firo Sportphoto

Trainer Thomas Letsch steht vor seinem ersten Bundesligaspiel. Er hat einen Red-Bull-Stallgeruch, setzt in Bochum aber vor allem auf klare Prinzipien, Mentalität – und seine Anpassungsfähigkeit.

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          Die sogenannte RB-Familie, der sich alle aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter der Klubs aus dem Fußball-Imperium des Red-Bull-Konzerns zugehörig fühlen dürfen, wächst und wächst, und somit verwundert es nicht, dass inzwischen fast jede Woche irgendwo eine Art Familientreffen stattfindet. Wenn Oliver Glasner (Frankfurt) in der Bundesliga auf Marco Rose (Leipzig) trifft, ist das ebenso der Fall wie bei Duellen zwischen Frank Kramer (Schalke), Bo Svensson (Mainz), Niko Kovac (Wolfsburg), Adi Hütter, Sebastian Hoeneß (beide derzeit arbeitslos) und einigen mehr.

          Bundesliga

          Vor ein paar Tagen ist nun mit Thomas Letsch ein neues RB-Gesicht in der Liga aufgetaucht, der 54 Jahre alte Schwabe ist auf den entlassenen Thomas Reis beim VfL Bochum gefolgt. Und wie es der Zufall will, wird es gleich bei seinem ersten Spiel in Leipzig (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) Bilder von einer Umarmung mit dem Familienmitglied Rose geben.

          „Marco und ich hatten in Salzburg vier gemeinsame Jahre, in denen wir sehr eng zusammengearbeitet haben, wir haben ein freundschaftliches Verhältnis“, sagt Letsch vor seinem ersten Bundesligaspiel überhaupt. In seiner Funktion als „Sportlicher Leiter Nachwuchs“ von RB Salzburg hatte er Rose als U-16-Trainer eingestellt.

          Prozess der Emanzipation

          Inzwischen ist der Leipziger Trainer der weitaus prominentere Mann, und Letsch will gar nicht mehr unbedingt mit seiner RB-Verwurzelung in Verbindung gebracht werden. Bei seiner ersten Pressekonferenz hat er in dieser Woche darauf hingewiesen, dass er den Begriff „RB-Fußball“ nicht leiden kann, außerdem hat er sich mittlerweile von einigen Dogmen der Vergangenheit emanzipiert.

          Als Chef des Salzburger Nachwuchsleistungszentrums untersagte er seinen Trainern, ihre Teams mit einer Dreierkette spielen zu lassen, zuletzt hatte er als Chefcoach von Vitesse Arnheim in den Niederlanden jedoch mit genau diesem System viel Erfolg. Der Fußball habe sich eben weiterentwickelt, sagt Letsch dazu, für ihn sei „die Grundordnung nicht das Entscheidende“.

          Wichtig sei vielmehr, dass „die besten Spieler auf dem Platz“ stehen und „dass klare Prinzipien herrschen“. Wie schnell der in der Bundesliga noch sieglose Tabellenletzte aus Bochum diese Prinzipien verinnerlicht, wird sich in den kommenden Wochen zeigen, eine schnelle Wende zum Guten erwartet aber kaum jemand.

          Letsch sei „kein Feuerwehrmann“, betont Hans-Peter Villis, der Vorstandschef des VfL, der Klub wolle mit diesem Trainer „die Zukunft gestalten“. In Bochum ist allen klar, dass der Abschied von Thomas Reis mehr war als nur eine weitere Trainerentlassung. Eine Phase mit einem beeindruckenden Aufstieg und einem noch beeindruckenderen Klassenverbleib ist zu Ende gegangen. Nach diesem herrlichen Gipfelsturm sind schlechtere Zeiten beinahe die einzig logische Folge.

          Ein kleiner Coup

          Aber den Verbleib in der Bundesliga halten sie für möglich, denn die Saison ist noch lang. In der Winterpause ist viel Zeit, um mit der Mannschaft zu arbeiten und möglicherweise Veränderungen am Kader vorzunehmen. „Es geht nicht darum, das Feld sofort aufzurollen“, sagt Letsch, „es geht darum, bis zum Winter ranzukommen.“ Wenn das Projekt Klassenverbleib missglückt, gilt sein Vertrag auch in der zweiten Liga.

          Für Bochums Sportdirektor Patrick Fabian, der erst Anfang September vom Assistenten der Geschäftsführung des Klubs in dieses schwierige Amt befördert wurde, ist die Verpflichtung von Letsch ein kleiner Coup. Fabian hat einen unverbrauchten und zugleich erfahrenen Nachfolger für Thomas Reis gefunden, die „Wunschlösung“ wie er sagt. Letsch sei „in der Lage, eine Mannschaft mit einer klaren Spielidee zu formen“, sagt Fabian.

          Mit Vitesse Arnheim war der gebürtige Esslinger zuletzt einmal Vierter und einmal Sechster in der niederländischen Eredivisie, stand im Achtelfinale der Europa Conference League und erreichte das Endspiel um den nationalen Pokal, das knapp 1:2 gegen Ajax Amsterdam verloren ging. Jetzt will Letsch den Klassenverbleib mit dem Tabellenletzten aus dem Revier schaffen: „In dieser Mannschaft steckt die Mentalität, die es braucht, um solch eine schwierige Situation zu meistern“, sagt der gelernte Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport.

          Interesse deutscher Klubs

          Erfahrungen aus einer eigenen Profikarriere bringt er allerdings nicht mit. Vielmehr gehörte Letsch in seiner Freizeit neben seiner Arbeit an der Schule den Trainerstäben verschiedener Teams in Süddeutschland an: bei den Stuttgarter Kickers oder dem SSV Ulm beispielsweise, bevor er von Ralf Rangnick nach Salzburg geholt wurde.

          Später trainierte er Erzgebirge Aue und Austria Wien, aber erst in Arnheim gelang ihm der Durchbruch und weckte das Interesse deutscher Erstligaklubs. Schon vor der Saison spielte er eine Rolle in den Überlegungen einiger Manager, die sich auf Trainersuche befanden, beim FC Schalke zum Beispiel.

          Jetzt ist es Bochum geworden, wo Letsch zuallererst seine Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen muss: In Arnheim war er für das jüngste Team der höchsten niederländischen Spielklasse verantwortlich, jetzt trainiert er die älteste Mannschaft der Bundesliga.

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