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Das Berliner Derby : Vierte Welle und ein volles Haus

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Ist da draußen was? Vor drei Wochen beim Spiel des 1. FC Union gegen den FC Bayern sah die Corona-Lage im Land noch anders aus. Bild: picture alliance / nordphoto GmbH / Engler

Im Stadion an der Alten Försterei werden sich beim Berliner Derby zwischen Union und Hertha BSC 22.000 Menschen drängen. Die Politik verteidigt das und verweist auf die 2-G-Regelungen.

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          Dass Stevan Jovetic am Donnerstag schon wieder nach Berlin reisen durfte, war einer kurzfristigen Entscheidung zu verdanken. Der 32 Jahre alte Angreifer von Hertha BSC hatte sich kürzlich nach anfänglichen Bedenken gegen das Coronavirus impfen lassen. Bei der Nationalmannschaft Montenegros wurde er dann vor wenigen Tagen zwar positiv getestet, blieb aber symptomfrei und konnte nach fünftägiger Quarantäne und anschließendem Negativtest wieder zurückreisen. Ohne Impfung hätte er zwei Wochen in Montenegro bleiben müssen.

          Bundesliga

          Ob Jovetic tatsächlich am Samstag im Berliner Derby beim 1. FC Union (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) mitwirken kann, sollten kardiologische Untersuchungen am Freitag zeigen. Was den Fitnesszustand des Stürmers angeht, gab es noch Fragen. Mehr Klarheit herrscht dagegen in Bereichen, die ebenfalls mit dem Virus in direktem Zusammenhang stehen.

          Das Stadion An der Alten Försterei darf laut Bestimmungen der Politik voll ausgelastet sein. Am Freitag meldete Union, dass es im Grunde keine freien Plätze mehr gibt. Etwas mehr als 22.000 Menschen werden sich dann in das kleine Stadion drängen, um ein Fußballspiel zwischen dem Achten und dem Dreizehnten der Bundesliga zu verfolgen. Die Alte Försterei liegt im äußersten Südosten Berlins im Stadtteil Köpenick. Vom Zentrum aus ist es nur recht eindimensional erreichbar. Es gibt keine U-Bahn, lediglich eine S-Bahn und wenige Straßenbahnlinien.

          Keine verbindlichen Anordnungen

          Die Verkehrssituation ist vor Spielen oft kompliziert, inklusive langer Staus auf den Straßen und überfüllten Bahnhofs. Die meisten Fans nehmen von dort gern die engen Wege durch den Köpenicker Forst in Richtung Stadion. Alles andere als günstige Gegebenheiten während einer weiteren Pandemiewelle. Die Vollauslastung eines Fußballstadions sorgt aber nicht nur wegen der Bedingungen im Umfeld für Diskussionen.

          Die Inzidenz steigt seit Wochen, Infektionen schnellen auf ein nie da gewesenes Hoch. Am Freitag stieg die Inzidenz in Berlin auf 346, in Brandenburg liegt der Wert bei 507. Vergangene Woche hatte das Robert Koch-Institut geraten, größere Veranstaltungen zu meiden oder abzusagen. Verbindliche Anordnungen gibt es anders als zu früheren Zeitpunkten der Pandemie nicht seitens der Politik.

          Andreas Geisel, Berlins Senator für Inneres und Sport, verteidigt das Spiel vor vollen Rängen: „Es ist eine 2-G-Veranstaltung, insofern ist es zu rechtfertigen, weil es sehr strenge Regeln sind“, sagt er. Ins Stadion werden nur geimpfte oder genesene Personen gelassen, Union hat als gastgebender Verein angekündigt, resolut kontrollieren zu wollen. Der Verein hatte sich während des Lockdowns immer wieder für die Rückkehr von Zuschauern in die Stadien eingesetzt und dabei kontroverse Positionen eingenommen. Zum Derby rief Union alle Besucher auf, sich freiwillig testen zu lassen. Eine Testpflicht lehnt man ab. „Das wäre mit allen Umständen, die bei diesem Spiel eine Rolle spielen, nicht möglich gewesen“, sagt Vereinssprecher Christian Arbeit. Er appellierte an die Eigenverantwortung aller Besucher.

          Union und Hertha geben die Verantwortung gern an die Politik weiter: „Man kann darüber diskutieren, was ist richtig und was ist nicht richtig, aber wir haben eine Vorgabe, und an diese Vorgabe halten wir uns“, sagte Herthas Manager Fredi Bobic. So einig wie bei der vollen Auslastung der Kapazitäten waren sich die beiden Berliner Bundesligaklubs selten. Bleibt nur die Frage, ob es richtig ist, sich an Regeln zu halten, die vom aktuellen Geschehen überholt werden und deshalb womöglich nicht mehr richtig sind?

          „Ich habe mich dahin gehend nie geäußert. Dafür gibt es Leute in der Verantwortung, und die bestimmen“, sagt Unions Trainer Urs Fischer. Herthas Bobic glaubt gar, „die Leute freuen sich, mal wieder in einem vollen Stadion zu sein“. Und: „Die Stadien waren jetzt nicht der Treiber von Infektionen, das ist bekannt. Das war eher in geschlossenen Räumen der Fall“, sagt Bobic. Als Treiber und Gefahrenherd möchte in diesen Tagen niemand gelten, erst recht nicht der Fußball, dessen Stellung zu Beginn der Pandemie kritisch beäugt wurde. Geisterspiele und rückläufige Zuschauerzahlen hinterlassen in den Kassen der Klubs immer noch Spuren, die Rückkehr zu leeren Rängen macht vielen Vereinen genauso viel Angst wie ein drohender Abstieg.

          Im Vergleich zum 1. FC Union befindet sich Hertha in der sportlich prekäreren Situation, auch wenn die Mannschaft in den vergangenen Spielen wieder bessere Resultate erzielen konnte. Gegen Union läuft es ohnehin meistens, in den letzten drei Derbys blieb Hertha unbesiegt. Vermutlich hätte Trainer Pal Dardai vor dem Spiel gern über den Aufwärtstrend seiner Mannschaft gesprochen, aber sportliche Fragen wurden kaum gestellt. Vor allem in der Alten Försterei war es bei Spielen beider Vereine zuletzt zu Zwischenfällen gekommen.

          Bobic glaubt aber an ein friedliches Miteinander: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Ausreißer gibt, die für den Fußball und die beiden Vereine nicht schön wären“, sagt er. Aus den organisierten Fanszenen beider Lager werden dieses Mal keine oder nur ganz wenige Vertreter anwesend sein. Die sogenannten Ul­tras von Union Berlin und Hertha BSC haben ihr Fernbleiben bereits angekündigt. Sie lehnen geschlossen alle Corona-Regeln, die einzelne Personengruppen vom Stadionbesuch ausschließen, ab.

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