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Bundesliga-Übersteiger : Echter Fußball gegen den Klassiker der Langeweile

Der FAZ.NET-Übersteiger zur Fußball-Bundesliga Bild: FAZ.NET

Wie fanden Sie das Länderspiel? Nicht so toll? Dann werden Sie froh gewesen sein, dass es wieder Bundesliga gab. Und was sah man? Die gleichen Gesichter, die aber ein anderes Gesicht zeigten. Der FAZ.NET-Übersteiger zum Bundesliga-Spieltag.

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          Sind Sie auch noch so aufgewühlt wie wir? Am Mittwoch noch, also vor wenigen Tagen, ließen sie uns die Luft der großen Fußballwelt schnuppern. Deutschland gegen England. Klassiker. Prestigeduell. Da wurden Erinnerungen wach. Wembley-Wut. Seeler-Supertor. Waddle-Wolkenschuss. Hamann-Hammer. Was haben wir uns gefreut. Ach, Sie nicht? Mogelpackung? Lahmes Gekicke? Eingeschlafen? Nun freuen Sie sich, dass es Bundesliga-Mittelmaß á la Eintracht Frankfurt gegen Hannover 96 zu sehen gab? Echt?

          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Wir auch! Es lässt sich nicht mehr exakt rekapitulieren, wer die grandiose Idee hatte, für den letzten Mittwoch, diesem tristen November-Tag, einen Freundschaftstestländerspielspieltag anzusetzen. Man sollte dieser Person aber vielleicht eine DVD mit einer Endlosschleife vom „Klassiker“ aus Berlin zusenden. Eventuell könnte vor allem den Zuschauern im kommenden Jahr so ein später Langweiler erspart bleiben. Gleiches gilt für die bemitleidenswerten Spieler. Dann müsste auch der Mannschaftsarzt nicht mit wohlwollenden Attesten weiterhelfen.

          Bierhoffs Schnappschüsse statt 74.244-fache Langeweile

          Oft beklagen sich die Nationaltrainer, dass ihnen nur drei, vier Tage mit ihren Auserwählten zur Verfügung stehen, um die Kunststücke einzuüben, die der Fan bei den Vorführungen, pardon Spielen so gerne sehen möchte. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, auf den „Klassiker“ zu verzichten? Man hätte ein bisschen ausführlicher mit der Kanzlerin plaudern können. Auch Herr Frings. Oder weitere Prämien herausschlagen können. Oder sich von Oliver Bierhoff ein paar Schnappschüsse von seiner Südafrika-Safari zeigen lassen können.

          Alles wäre vermutlich sinnvoller und spannender gewesen. Auch der zahlende Zuschauer hat ein nicht zu unterschätzendes Gespür für ein Fußballspiel. Noch am Dienstag warb der DFB um dessen Gunst. 1000 Eintrittskarten lagen tatsächlich noch in der Otto-Fleck-Schneise in der Schublade. Und das für den „Klassiker“. Unglaublich. In Zeiten, in denen Länderspiel-Tickets gerne gegen Überweisung vierstelliger Beträge den Besitzer wechseln. Der Hilferuf wirkte. Zumindest offiziell. Viel Spaß dürften die 74.244 in Berlin aber nicht gehabt haben.

          Spannend? Spektakulär? Torreich? Fehlerfrei? Aber echt!

          Da hatten es die 310.000 in Karlsruhe, Gelsenkirchen, Wolfsburg, München, Frankfurt, Köln, Bielefeld und Bochum am Freitag und Samstag in den acht Bundesliga-Stadien viel besser - mal abgesehen vom Wetter. Dass sie sich nicht von monotonem Dauertrommeln - „powered by“ einem Getränkehersteller - den Takt vorgeben lassen mussten, ist nur eine Annehmlichkeit. Viel angenehmer aber war, dass sie echten Fußball zu sehen bekamen. Nicht immer spannend. Nicht immer spektakulär. Nicht immer torreich. Und schon gar nicht immer fehlerfrei. Aber immerhin echt. Und garniert mit 31 Toren in acht Spielen.

          Und plötzlich sehen wir auf der Bundesliga-Bühne einen Friedrich, der Herthas Sieg in Bochum mit letztem Einsatz verteidigt, einen Westermann, der „auf Schalke“ den unwiderstehlichen Offensivmotor anwirft, einen Compper, der als Hoffenheimer Abwehrstütze an die Spitze stürmt, einen Jones, der einen Kilometer nach dem anderen läuft, einen Schweinsteiger, der das Bayern-Spiel mit Monsieur Ribéry an sich reißt, einen Klose, der vor dem Tor eiskalt zuschlägt, und jaja, auch das sah man, einen Gomez, der einen Treffer vorbereitet. Echt schön. Und ungewohnt, wenn man den Mittwoch noch vor Augen hat.

          Vorsicht, Klassiker: Düsseldorf. 11. Februar. Norwegen.

          Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Wir kennen das ja selbst - und schonen uns die ganze Woche über, weil wir wissen, dass wir uns am Samstag für diesen „Bundesliga-Übersteiger“ mächtig ins Zeug legen müssen. Demnach ist die Denkweise unserer Nationalspieler völlig verständlich. Bis auf einen Händedruck von Theo Zwanziger - und selbst den gab es am Mittwoch schon vor dem Spiel - sprang beim „Klassiker“ nichts heraus. Nun aber konnten nicht nur die Punktekonten, sondern auch ganz persönliche Konten wieder Zuwachs erhalten.

          Die Adlerträger und ihre Fans werden froh sein, dass von nun an nur noch wichtige Punktspiele auf dem Programm stehen. Es wird Zeit für die Krawattenträger, die vorweihnachtlichen Tage zur Besinnung zu nutzen, um zu überlegen, ob es nicht besser ist, in Zukunft auf sinnfreie Spiele wie gegen England zu verzichten. Übrigens: Norwegen heißt der nächste Gegner am 11. Februar. In Düsseldorf. Ein Testspiel. Es soll noch Karten geben. Hoffen wir, dass diese Duelle kein „Klassiker“ werden. Klassiker der Langeweile. Schön, dass es die Bundesliga gibt.

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