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Transfer-Strategie : Hoffenheim ist deutscher Meister – im Verkaufen

Der frühere Hoffenheimer Joelinton im neuen Trikot von Newcastle United Bild: Reuters

Rund 110 Millionen Euro aus Spielerverkäufen hat Hoffenheim in diesem Sommer schon eingenommen. Dahinter steckt eine Strategie. Und wie sieht es mit Einkäufen aus? Auch dafür gibt es bei der TSG eine klare Regel.

  • -Aktualisiert am

          Die TSG 1899 Hoffenheim, die heute gegen die Würzburger Kickers (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und bei Sky) in die Pflichtspielsaison startet, ist sich auch in diesem Transfersommer treu geblieben. Der Tabellenneunte der vorigen Bundesliga-Saison hat mit seinem Prinzip, immer mehr einnehmen als ausgeben zu wollen, nicht gebrochen und dennoch Irritationen hervorgerufen, weil die Kraichgauer bisher rund 110 Millionen Euro aus Spielerverkäufen eingenommen und „nur“ 20 Millionen Euro für neue Profis ausgegeben haben.

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          Das hat zu Schlagzeilen wie „Ausverkauf in Hoffenheim“ geführt, die einen Verantwortlichen im Klub alles andere als nervös gemacht haben. „Um ehrlich zu sein, interessiert mich dieses Echo nicht besonders“, sagt Alexander Rosen, der 40 Jahre alte Direktor Profifußball bei der TSG, die im europäischen Jahressaldo der vergangenen sechs Spielzeiten zwischen Einnahmen und Ausgaben Platz drei (Einnahmeplus: 91 Millionen Euro) hinter Benfica Lissabon und Ajax Amsterdam belegt.

          Rosen, seit sechs Jahren Manager des Hoffenheimer Bundesligabetriebs, sieht sich weiter auf dem einzig richtigen Weg. Seit dem Geschäftsjahr 2015/16, in dem die Hoffenheimer erstmals über 100 Millionen Euro, nämlich 128 Millionen, umsetzten, generiert die für Innovation und die erstklassige Ausbildung junger Spieler stehende TSG Gewinne. Zunächst 18 Millionen Euro, die auch der damalige Rekordverkauf von Roberto Firmino in Höhe von 41 Millionen Euro an den FC Liverpool möglich machten; im Jahr danach eine Million bei einem Umsatz von 111 Millionen Euro; schließlich 47 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2017/18 mit dem bilanziellen Rekordergebnis von 163 Millionen.

          „Dass wir uns langfristig über Transfererfolge finanzieren“, sagt Rosen, „gehört zu unserer Philosophie.“ Sie dient auch dazu, aus sich selbst heraus, unabhängig von dem Mäzen und Vereinspatron Dietmar Hopp, zu wachsen. Hopp hat den früheren Dorfklub mit seinen Gesamtinvestitionen von geschätzt 350 Millionen Euro, vorzugsweise in das Sinsheimer Stadion und die Trainingsakademie in Zuzenhausen, zu einer erstklassigen Adresse gemacht. Mag sein, dass die TSG Hoffenheim in diesem noch nicht abschließend bilanzierten Geschäftsjahr sogar den bisherigen Fehlbetrag im Vergleich der Positionen Einnahmen und Ausgaben seit dem Bundesliga-Aufstieg 2008 in Höhe von 73 Millionen Euro ausgleichen kann.

          Was so mancher heute nicht auf Anhieb verstehen will, die Transfers des brasilianischen Stürmers Joelinton (für 45 Millionen Euro zu Newcastle United), der deutschen Nationalspieler Demirbay (Bayer Leverkusen/32 Millionen) und Schulz (Borussia Dortmund/25 Millionen) sowie des im Klub ausgebildeten U-21-Nationalspielers Amiri (Leverkusen/10 Millionen), kontert Rosen mit dem Verweis auf die Jahre, in denen Zugänge in Hoffenheim zu Spielern von sehenswerter Klasse reiften.

          Der Brasilianer Joelinton, in seiner ersten Hoffenheimer Saison kaum wahrgenommen, kam im Vorjahr, nach zwei Jahren der Ausleihe an Rapid Wien, zurück und wurde zu einer der großen Bundesliga-Saisonentdeckungen. Schulz, inzwischen Nationalspieler und die unbestrittene Nummer eins auf der Linksverteidigerposition, wechselte als Backup der Stammkraft Oscar Wendt von Mönchengladbach nach Hoffenheim. Demirbay heuerte bei der TSG an, weil sein Stammverein Hamburger SV auch nach Demirbays guter Saison beim damaligen Zweitligaklub Fortuna Düsseldorf nicht an den mehrmals ausgeliehenen Spieler glaubte. Anders lagen die Dinge im Fall Amiri, der ein Jahr vor Vertragsablauf nach Leverkusen abgegeben wurde – auch weil sie in Hoffenheim in dem während der vergangenen Spielzeit lange verletzten 21 Jahre alten Dennis Geiger und dem 20 Jahre alten Österreicher Christoph Baumgartner ähnlich begabte Spieler im Aufgebot haben.

          Baumgartner verlängerte letzte Woche seinen Vertrag mit der TSG bis 2023. Zudem hat der Verein  Nationalspieler Sebastian Rudy zurückgeholt. Der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler kommt zunächst auf Leihbasis für ein Jahr vom Ligarivalen Schalke 04 zur TSG, für die er bereits von 2010 bis 2017 gespielt hatte.

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          Grundsätzlich weist Rosen darauf hin, dass es zu den Hoffenheimer Spezialitäten gehöre, Spieler im Auge zu behalten, deren Talent woanders noch nicht geleuchtet hat, wie etwa beim algerischen Angreifer Ishak Belfodil, der im Sommer 2018 aus Bremen kam. Belfodil, für 5,5 Millionen Euro fest verpflichtet von Standard Lüttich, schoss 16 Bundesligatreffer. Einen ähnlichen Schub erhoffen sie sich bei der TSG von Ihlas Bebou, der von Hannover 96 für 8,5 Millionen Euro nach Hoffenheim wechselte, wo inzwischen der Niederländer Alfred Schreuder, der frühere Assistent des nach Leipzig gewechselten Julian Nagelsmann und zuletzt Ko-Trainer bei Ajax Amsterdam, neuer Cheftrainer ist. „Bebou hätten wir nicht bekommen“, sagt Rosen, „wenn er nicht lange verletzt gewesen wäre. Er war schon im Vorjahr ein Spieler für die Premier League.“ Nun kann der extrem schnelle Togoer, eventuell mit dem ähnlich flotten, aus Regensburg gekommenen Sargis Adamyan, für neues Tempo auf den Flügeln sorgen.

          Lücken sehen, Chancen erspähen, nach kaufmännischen wie sportlichen Erkenntnissen Preis-Leistungs-Verhältnisse bewerten, das hat in der jüngeren Vergangenheit zum Hoffenheimer Aufschwung beigetragen. Was Rosen auch in Zukunft ausschließt: „Wir gehen nicht all in und kaufen Spieler für 30 Millionen Euro.“ Trotzdem glaubt er an eine erfolgreiche Saison: „Es gibt keine zehn Klubs in der Bundesliga, die einen besseren Kader haben als wir. Wir sind letzte Saison Neunter geworden und werden alles dafür tun, besser zu werden.“ Auch ohne Demirbay, Schulz, Amiri und Joelinton.

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