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Bundesliga-Topspiel : Nie waren sich Bayern und Dortmund so ähnlich

  • Aktualisiert am

Bild: Greser & Lenz

Ein großer Teil von Fußball-Deutschland hofft auf einen Hauch von „Clásico“. Doch Bayern und Dortmunder sind nicht mehr nur Gegner.

          Irgendwann war dieser Begriff da, wenn Bayern München und Borussia Dortmund aufeinandertrafen: deutscher „Clásico“. Das Wort spiegelte die Sehnsucht nach einem Duell, in dem die Großen der Bundesliga Jahr für Jahr einander alles abverlangen. Sie wird an diesem Sonntag (17.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) neu entflammen, an dem sich gewohnt grandiose Bayern und runderneuerte Borussen wie in den besten Jahren der Klopp-Ära auf dem Gipfel der Liga begegnen werden.

          Im Gegensatz zum echten „Clásico“ zwischen Real Madrid und FC Barcelona kennt das deutsche Pendant aber keine dauerhafte Chancengleichheit, schon gar nicht in den Zeiten des Finanz-Fußballs, in dem das populärste Spiel der Welt immer mehr als Fortsetzung des Kapitalmarktes funktioniert. Mit einem Saisonumsatz von zuletzt 276 Millionen Euro sind die Dortmunder die Nummer zwei in Deutschland – und doch nur eine halbe Portion gegenüber dem Finanzriesen Bayern, der doppelt so hohe Gehälter zahlen kann. Das lockte einst auch Robert Lewandowski aus Dortmund nach München, wo der Pole sich mit zehn Toren binnen zweieinhalb Spielen zuletzt in grandioser Form zeigte.

          Auch anderswo wittern die Dortmunder vor dem großen Duell ein Ungleichgewicht. „Wir wurden in den vergangenen Wochen massiv durch Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt“, sagt Sportdirektor Michael Zorc im „Kicker“. Er bezieht sich auf nicht gegebene Elfmeter beim 1:1 in Hoffenheim und dem 2:2 gegen Darmstadt, mit denen die Borussen ihre ersten Punktverluste erlitten. Auch wenn solche Klagen stets zweischneidig sind, steht außer Frage, dass die Bayern die Hälfte ihres Vier-Punkte-Vorsprungs dem geschenkten Elfmeter in der Schlussminute gegen Augsburg verdanken.

          Nimmt man diese Rechenspiele in eine „gefühlte“ Tabelle auf, bekommt Fußball-Deutschland zumindest hypothetisch das, was es seit Jahren vermisst - einen echten Wettkampf an der Spitze. So wie in den Jahren von 2010 bis 2013, als sich der spielerische Gegensatz der beiden Teams zu großen Duellen bis hin zum Champions-League-Finale hochschaukelte. Erst haben die Bayern von den Dortmundern gelernt: Pressing, Umschaltspiel, Tempo. Nun die Dortmunder von den Bayern: Ballbesitz, Ruhe, Flexibilität in Aufbau und Angriff.

          Schon legendär ist das private Treffen der Trainer Pep Guardiola und Thomas Tuchel, die in einer Münchner Bar im vergangenen Winter mit Salz- und Pfefferstreuern taktische Verschiebungen darstellten und diskutierten. Auch wegen dieser Geistesverwandtschaft gilt: Nie seit dem Dortmunder Aufstieg in Bayern-Sphären im Herbst 2010 erschienen die beiden Teams einander so ähnlich. Beide haben gelernt, die großen Stärken des anderen, Ballbesitz und Umschaltspiel, zu ihren eigenen zu machen. Auch die statistischen Durchschnittswerte der bisherigen Bundesligasaison zeigen diese Parallelen auf.

          Beide haben den mit Abstand höchsten Ballbesitz der Liga: Bayern 68 Prozent, Dortmund 62. Die Borussen, einst berühmt für ihr zermürbendes Pressing, laufen deutlich weniger als früher, so wenig wie sonst nur die Bayern - lassen dafür den Ball laufen, mehr als 600 Mal pro Spiel, fast wie die Bayern. Sie tun das mit ähnlich hoher Präzision.

          Pep Guardiola will mit den Bayern nicht nur zum dritten Mal Meister werden in dieser Saison.

          So ist der 20 Jahre alte Julian Weigl bereits in seiner Dortmunder Debüt-Saison der passsicherste Mittelfeldstammspieler der Bundesliga, mit einer Quote von 91,33 Prozent. Mit insgesamt 664 Ballkontakten kommt er ebenso wie Kollege Ilkay Gündogan (680) sogar auf mehr als das Münchner Metronom Xabi Alonso (624). Auch dass unter den „Top Ten“ bei den Ballkontakten fünf Dortmunder liegen und nur zwei Bayern, wäre früher unvorstellbar gewesen.

          Bayern und Borussen haben die meisten Tore (23/21), die beste Effizienz im Abschluss (je sechs Schüsse für ein Tor), die besten Torjäger (Lewandowski 10/Aubameyang 9), gewinnen die meisten Zweikämpfe (etwa 55 Prozent). Beide sind oft Spätstarter (und lagen je zweimal zur Pause hinten), schossen dann aber in jeder zweiten Halbzeit mehr Tore als der Gegner - und sind deshalb als einzige noch ungeschlagen.

          Unter Thomas Tuchel spielt der BVB immer mehr wie die Bayern.

          Fast sind sie schon wieder wie Yin und Yang der Liga; wie Nord- und Südpol des deutschen Fußballs, die, in ihren Kräften im Nationalteam vereinigt, 2014 in Rio die Welt eroberten. Das besonders Spannende wird diesmal sein, wie die Spielanlagen der Taktikfreunde Guardiola und Tuchel einander anpassen werden. Denn das müssen sie - von zwei Teams, die auf Ballbesitz setzen, kann nur eines damit durchkommen. Das andere braucht auch eine Zweit-Strategie.

          Greifen die Dortmunder wieder auf ihre Klopp-DNA zurück, auf ihr Hase-und-Igel-Spiel, das den Bayern in den vergangenen fünf Spielzeiten vier Heimniederlagen einbrachte? In erster Linie geht es für die Borussia dabei nicht so sehr um den Titel, sondern um die Rückkehr in die Champions League, damit ein Kader, in dem Stars wie Reus, Hummels, Gündogan und Aubameyang gehalten werden konnten, finanzierbar bleibt. Zugleich ist Teil ihres Geschäftsmodells, der kalten Pracht der Bayern einen leidenschaftlichen Gegenentwurf zu bieten - auch zum Vorteil der Bayern selbst, die einen nationalen Sparringspartner von internationaler Klasse brauchen.

          So wird am Sonntag ein großer Teil Fußball-Deutschlands auf einen Hauch von „Clásico“ hoffen, also auf die alte neue Borussia. Nur sie hat in diesem Jahrzehnt geschafft, was immer schwerer wird: die Bundesliga nicht zur Bayern-Liga werden zu lassen.

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