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„Eine Zäsur“ : Für Schalke 04 ist vorerst Träumen verboten

  • -Aktualisiert am

Düstere Aussichten: Die alte Idee, mit dem BVB und den Bayern mithalten zu können, wird endgültig zu Grabe getragen. Bild: AFP

Tag eins nach Clemens Tönnies: Schalke 04 spricht nach dem Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden übers Sparen. Damit können viele Schalker wohl besser leben als mit dem katastrophalen Bild ihres Vereins in den vergangenen Monaten.

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          Vordergründig überschütteten die Vorstände des FC Schalke 04 ihren ehemaligen Patron mit Anerkennung und Zuneigung. Alexander Jobst bedankte sich bei Clemens Tönnies für „das Vertrauen der letzten Jahre“, und Jochen Schneider rief die Hinterlassenschaften der Ära des langjährigen Aufsichtsratschefs des Revierklubs in Erinnerung: „die wunderschöne Veltins-Arena“, die 2001 fertiggestellt wurde, den „Bau der Knappenschmiede“, in dem etliche große Fußballspieler von Manuel Neuer bis Leroy Sané ausgebildet wurden, oder den „Umbau des Berger Feldes“, wo ein imposantes Vereinsgelände vor der Fertigstellung steht. Doch in den folgenden Erläuterungen wurde deutlich, wie sehr Tönnies den Revierklub gemeinsam mit anderen Verantwortlichen der vergangenen Jahre heruntergewirtschaftet hat.

          „Der heutige Tag ist eine Zäsur für den FC Schalke 04. Ein ,Weiter so‘ wird es und kann es nicht geben“, erklärte Jobst in einem langen, demütigen Statement und fand erschreckende Worte für das Geschäftsgebaren der vergangenen Jahre. Die Klubführung sei Jahr für Jahr „eine Wette auf die Zukunft“ eingegangen, berichtete er, weil für das Budget für den Kader immer große Einnahmen aus dem Europapokal einkalkuliert worden sind. Zuletzt habe Schalke 04 diese „Wette mehrfach verloren“.

          Nur einmal gelang in den vergangenen vier Jahren der Sprung auf die europäische Bühne. Jobst wirkte nervös, vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, denn im Gegensatz zu seinem Kollegen Schneider, der erst 2019 von RB Leipzig nach Gelsenkirchen kam, steht er voll in der Verantwortung für den Niedergang des FC Schalke 04.

          Tönnies war Motor der waghalsigen Politik

          So eine Unternehmensführung wäre an anderen Standorten undenkbar gewesen, weil viele Funktionäre diese Form der Risikobereitschaft, die vor 20 Jahren schon Borussia Dortmund beinahe ruinierte, für unseriös halten. „Träumen dürfen wir nicht mehr“, sagte Schneider nun. Das war ein kleiner Satz, hinter dem ein großer Vorwurf steckt: Der langjährige Finanzchef Peter Peters, der den Klub Ende Juni verlassen hat, verschiedene längst verschwundene Sportvorstände, aber auch Jobst waren offenbar Träumer statt seriöse Kaufleute. Träumer, die gewettet haben, statt die Unwägbarkeiten des Fußballgeschäfts einzukalkulieren. Die Instanz, die solche Fehlentwicklungen laut Satzung unterbinden sollte, ist eigentlich der Aufsichtsrat.

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          Auf Schalke war Tönnies der Chef dieses Gremiums. Doch nach allem, was zu hören ist, hat er die waghalsige Politik der Klubführung eher angetrieben, statt sie zu verhindern. „Generell ist es so, dass ein Kaufmann darauf achten sollte, Ausgaben und Ertrag in Einklang zu bringen“, referierte Schneider – Grundsätze der Betriebswirtschaft. Doch das sei dem Klub „in den letzten Jahren nicht gelungen“. Auf Schalke seien „Fehler“ passiert, während „Max Eberl in Mönchengladbach und Fredi Bobic in Frankfurt über Jahre einen sehr guten Job gemacht“ haben, fuhr der Sportvorstand fort. Im Subtext hieß das: Künftig wird man sich auf Schalke an diesen Klubs orientieren. Die Idee, mit dem BVB und Bayern München mithalten zu können, die sich aus der tiefsitzenden Sehnsucht nach einem Meistertitel speist, wurde damit endgültig zu Grabe getragen.

          Und der Rücktritt des Patriarchen Tönnies ist das große Symbol dieses Abschieds von einem Selbstbild, das schon lange nicht mehr passt. „Ja, wir sind der große FC Schalke 04, aber nicht mehr der FC Schalke 04 wie vor zehn Jahren“, erklärte Trainer David Wagner, der trotz seiner 16 Spiele ohne Sieg weitermachen darf. In einem Klub, der lange brauchen wird, um sich finanziell zu erholen.

          Keim von Zuversicht

          Die Vorstände deuteten an, dass sie tatsächlich den Bankkredit von knapp 40 Millionen Euro aufnehmen werden, der wohl mit einer Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen abgesichert wird. Der Klub werde „bei Kapitalbedarf entsprechend reagieren können“, sagte Jobst, konkreter wollte er aber nicht auf Berichte über dieses Geschäft eingehen. Die ebenfalls kolportierte Jahresgehaltsobergrenze, die angeblich bei 2,5 Millionen Euro pro Spieler liegen soll, wird es unterdessen nicht geben.

          Das Konzept für die Zukunft sehe zwar vor, eine „Richtlinie“ finanzieller Art zu definieren, „an die wir uns halten“, erklärte Schneider. Aber „was die Gehälter betrifft, da verfolgen wir keinen dogmatischen Ansatz“. Klar ist nur, dass der Personaletat sinken wird. „Das hat zur Konsequenz, dass wir unsere sportlichen Ziele für die nächsten ein, zwei, vielleicht auch drei Jahre anpassen müssen“, erklärte Jobst und stimmte die Anhänger damit auf magere Jahre in tieferen Tabellengefilden ein.

          Schalker Führung ohne Tönnies: Die Vorstände Jobst (links) und Schneider (rechts) mit Trainer David Wagner

          Damit können viele Schalker aber besser leben als mit dem katastrophalen Bild, das ihr Verein in den vergangenen Monaten abgab. Die Unfähigkeit zur Empathie bei der Kündigung von Minijobbern und gegenüber Anhängern, die um eine Rückzahlung für ihre Tickets für Geisterspiele baten, verstörte viele Schalker. Auch die rassistischen Äußerungen von Tönnies und die menschenverachtenden Lebensumstände vieler Mitarbeiter des Unternehmers färbten auf Schalke ab.

          Nun steht dieser Klub mit seinen 150.000 Mitgliedern vor einem Neubeginn, wobei die sportliche Zukunft weiterhin im Dunkeln liegt. Große Transfers werden nicht möglich sein, bevor zuletzt verliehene Spieler wie Mark Uth oder Sebastian Rudy nicht verkauft werden können. Immerhin wurden in einem ersten Schritt der Neuausrichtung zwei neue Athletiktrainer eingestellt, die helfen sollen, die erschreckende Anzahl der Verletzungen zu reduzieren. Unter anderem kehrt Werner Leuthard zurück, der bereits unter Felix Magath von 2009 bis März 2011 Fitnesstrainer auf Schalke war.

          David Wagner orientiert sich unterdessen weiterhin am Herbst 2019, als die Mannschaft erfolgreich war und das Publikum begeisterte. „Wenn die zentralen Spieler wieder gesund und fit sind, werden wir da wieder hinkommen“, sagte der Trainer. Ganz zart keimte tatsächlich neue Zuversicht in diesen Tagen der großen Selbsterneuerung.

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