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Bundesliga-Relegation : Wo die Probleme von Werder Bremen liegen

Im Fokus: Florian Kohfeldt ist ein Trainer mit Sendungsbewusstsein, das manchmal an die Grenze zur Selbstgefälligkeit kratzt. Bild: AP

Zu viel von allem: Der Kampf gegen den Abstieg mit Werder Bremen in der Relegation gegen Heidenheim zehrt an Trainer Florian Kohfeldt. Hat sein Optimismus den Klub erst an den Abgrund geführt?

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          Vor einer Woche, nach dem 6:1 gegen Köln, offenbarte Florian Kohfeldt den Fernsehreportern ein persönliches Detail. Seine Frau, sagte er, habe genau dieses Ergebnis getippt. Eigentlich unglaublich, aber doch wahr, versicherte Kohfeldt. Weil die mediale Fußballwelt funktioniert, wie sie nun mal funktioniert, kam das Thema auch vor dem Relegationshinspiel gegen den 1. FC Heidenheim zur Sprache. Da aber wollte Kohfeldt nichts mehr davon wissen: „Jetzt ist auch gut mit dem Orakel von Frau Kohfeldt. Das war im Überschwang der Gefühle. Es war zwar genau so, aber blöd von mir. Normalerweise bin ich der Teil der Familie Kohfeldt, der nach außen spricht.“

          Bundesliga

          Sich mitreißen lassen – und es dann wieder einfangen. Das ist nicht untypisch für Kohfeldt, der an diesem Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga-Relegation sowie bei DAZN und Amazon Prime) mit Werder Bremen in Heidenheim zum entscheidenden Spiel um den Bundesliga-Verbleib antritt, und so erzählt diese kleine Anekdote ein bisschen mehr über ihn. Sie macht anschaulich, warum der 37 Jahre alte Kohfeldt so beliebt ist oder zumindest – in Bremen wird darüber inzwischen auch anders diskutiert – in der Öffentlichkeit so gut rüberkommt. Weil er authentisch wirkt in einer Unterhaltungsbranche, die zwar immer aufgeregt, aber oft auch ziemlich eindimensional daherkommt. Weil er etwas zum Festhalten bietet, wo andere sich aalglatt bewegen – und weil er jemand ist, der den Fußball mit all seinen Fasern lebt, mit geradezu jugendlicher Begeisterung. Fast wie ein Fan im Trainingsanzug.

          Wohin führt der nächste Schritt?

          Es könnte allerdings sein, dass gerade dieses Muster Werder Bremen, den viermaligen Meister und Europacup-Gewinner, an den Abgrund geführt hat. Dass Kohfeldt sich hat mitreißen lassen, von sich selbst und dem Glauben an die eigenen Möglichkeiten, und es jetzt nicht mehr eingefangen kriegt. Wohin Werders nächster Schritt führt, scheint nach dem 0:0 im Hinspiel offen.

          Kohfeldt ist ein positiv denkender, ein optimistischer Mensch. So will er seine Mannschaft Fußball spielen lassen, vor dem Spiel gegen Heidenheim sagte er: „Ich bin gerne Favorit, weil das impliziert, dass man viele Dinge in der eigenen Hand hat.“ Dann kam ein Auftritt, der auf verstörende Weise an weite Teile der Saison erinnerte, als Werder wie ein Favorit spielen wollte, aber von pointiertem Außenseiterfußball reihenweise versenkt wurde: 0:1 gegen Paderborn, 0:2 gegen Union, 0:5 gegen Mainz. Wäre Heidenheim nur ein bisschen besser, stünde nun wohl auch ein solches Ergebnis zu Buche, und Kohfeldt könnte nicht sagen, dass „dieses 0:0 das einzig Positive“ sei nach einer „sehr schlechten Leistung“.

          Die Relegation mag ein Ausnahmezustand sein, aber der Urfehler dieser Saison lag womöglich darin, sie zu optimistisch anzugehen – dass Kohfeldt, dem es nicht an Talent, aber an Erfahrung fehlt, sich verhoben hat. „Vielleicht hat er zu viel gewollt in den vergangenen Wochen und Monaten“, sagte Marco Bode, der Aufsichtsratschef, vor dem Köln-Spiel. Fast wortgleich hatte Frank Baumann, der Geschäftsführer Sport, das schon in der Winterpause gesagt. In der Vorbereitung hatte Kohfeldt offenbar mit Macht versuchen wollen, die Erfolgsstory der Vorsaison fortzuschreiben. Als Werder in seiner ersten kompletten Spielzeit als Chef beinahe den Europacup erreicht hätte.

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