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Heidenheims ungewöhnlicher Trainer : Die Geheimnisse des Frank Schmidt

Made im Ländle. Bleibt im Ländle: Frank Schmidt Bild: dpa

In Heidenheim begeistert Trainer Frank Schmidt seit beeindruckenden 13 Jahren. Weil er mit der Zeit gegangen und trotzdem so schön „schaffig“ geblieben ist. Doch das ist längst nicht alles.

          3 Min.

          Die eigene Statue ist Frank Schmidt schon jetzt sicher. Zumindest sagen sie das, wenn man sich im Verein umhört. Alle, die man fragt. Der Erfolg des 1. FC Heidenheim sei untrennbar mit ihrem Trainer verbunden, heißt es da, ganz gleich, ob es nun klappt mit dem Aufstieg in die Fußball-Bundesliga in der Relegation gegen Werder Bremen oder nicht. Deshalb habe er sich diese Ehre auf jeden Fall verdient. Und offiziell sagt einer, der es wissen muss, gegenüber der F.A.Z.: „Unsere Erfolgsgeschichte wäre ohne Frank Schmidt niemals möglich gewesen.“

          Bundesliga

          Diese Worte kommen von Holger Sanwald. Seit 26 Jahren verantwortlich beim 1. FC Heidenheim, erst als Abteilungsleiter, mittlerweile als Vorstandsvorsitzender. Vor fast 13 Jahren überzeugte er den ehemaligen Kapitän des Heidenheimer Sportbunds, der damals in der Oberliga kickte und fünf Punkte hinter Meister SV Sandhausen auf dem dritten Tabellenplatz den Aufstieg in die Regionalliga denkbar knapp verpasste, nach seinem Karriereende im Alter von 33 Jahren weiter am Ball zu bleiben. Im Trainingsanzug eben und nicht mehr im Trikot, aber immerhin. Damals, als der 1. FC Heidenheim durch eine Abspaltung vom Heidenheimer SB überhaupt erst entstand und seinen ersten Trainer Dieter Märkle wenige Wochen nach Saisonbeginn und einer 1:4-Niederlage gegen den SSV Ulm entließ, landete ein Mann mit dem Namen Frank Schmidt fast direkt vom Rasen auf der Trainerbank – und dort sitzt er bis heute.

          Made im Ländle, bleibt im Ländle

          Sanwald und Schmidt haben in Heidenheim gemeinsam tatsächlich eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Eine, die schon so lange dauert, dass es keinen vergleichbaren Fall im deutschen Profifußball gibt. Zwölf Spielzeiten und drei Aufstiege später ist aus dem „Damals“ das „Hier und Jetzt“ geworden. Eine Gegenwart, in der sich der langjährige Amateurverein sportlich in der zweiten Liga etabliert hat (mit einem Gesamtetat von etwa 35 Millionen Euro auch wirtschaftlich) und nun als Drittplazierter an die Tür zur höchsten deutschen Spielklasse klopft. An diesem Donnerstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga-Relegation, bei DAZN und Amazon Prime) treten sie zum Hinspiel in Bremen an. Auf der Ostalb haben viele das lange nicht für möglich gehalten – und für nicht minder viele fühlt es sich noch immer ein wenig befremdlich an, beinahe unwirklich.

          Aus Lobhudelei und Selbstbeweihräucherung machen sie sich aber nichts in Heidenheim. Dort haben viele Menschen ihr Leben der Arbeit verschrieben, sie sind „halt schaffig“, wie es Sanwald ausdrückt, fleißig, genügsam, sie genießen eher still. Deshalb ist wohl nicht zu befürchten, dass tatsächlich ein zweiter, in Bronze gegossener Frank Schmidt irgendwo auf den Höhen über dem Flüsschen Brenz auftaucht. „Wozu auch? Einer reicht uns doch“, würden sie dann wohl sagen. Und die Wertschätzung gegenüber diesem 1,90 Meter großen Kind der Region kennt auch so kaum Grenzen. Weil Schmidt einer von ihnen ist. Ein „Eigener“, einer von hier. Einer, der genauso „schaffig“ ist. Einer, der noch viele in der kleinen Stadt beim Namen kennt. Und der auch freundlich grüßt. Wenn Heidenheim mit seinen knapp 50.000 Einwohnern so etwas ist wie der Prototyp der schwäbischen Mittelstandsszenerie, dann ist Schmidt so etwas wie der schwäbische Prototyp eines perfekten Schwiegersohns. Made im Ländle. Bleibt im Ländle.

          Überhaupt vermittelt Schmidt allen im Verein, vor allem seinen Spielern und Kollegen, das Gefühl, immer für sie da zu sein. Auch abseits des Rasens. Das, sagt er selbst, sei eines der Geheimnisse, warum es so lange so gut geklappt hat zwischen ihm und dem 1. FC Heidenheim. Mit seinen Jungs auch mal über etwas anderes zu reden als über die Zuordnung beim Gegenpressing oder darüber, wer wann wo und wie kreuzen soll, um Gegner zu binden und Räume zu öffnen. Ihnen zuzuhören, wenn sie etwas auf dem Herzen haben. Oder auch einfach nur einmal mit ihnen einen Kaffee zu trinken nach Feierabend. Diese Aufmerksamkeit bekommt jeder zu spüren. Ob das der Platzwart ist oder der Vorstandsvorsitzende Sanwald. Auch nach fast 13 Jahren noch.

          Eine andere Perspektive

          Der mittlerweile 46-Jährige hat auf vieles eine andere Perspektive. Er ist Pragmatiker durch und durch, nimmt sich selbst zurück, wo es nötig ist, und drängt sich dann in den Vordergrund, wenn er genau da gebraucht wird. Er geht voran, er leidet mit. Er ist ein feiner Beobachter, der auf Details achtet, sie sich einprägt und darauf eingeht. Den Kopf leicht geneigt, die Augen zusammengekniffen, fast immer mit der leisen Andeutung eines Lächelns auf den Lippen.

          Dabei nicht die nötige Distanz zu verlieren, die auch Autorität schafft, ist sicher eine der größten Herausforderungen für den früheren Verteidiger. Er will so viel und kann doch nicht alles sein. Dazu kommen die Schwierigkeiten, die eine so lange Amtszeit mit sich bringt: Immer wieder neue Reize zu finden, nicht immer dieselben Ansprachen zu halten, sich mit der Gefahr auseinanderzusetzen, irgendwann vielleicht ausgebrannt zu sein, nicht mehr weiterzuwissen. Schmidt aber kennt das Spiel, er kennt die Perspektiven auf und neben dem Feld. Er kennt das Schwitzen, das Schuften, das Ackern in Gras und Matsch. Und er kennt die Reißbretter und Taktikboards, die Videoanalysen, die digitale Datenerhebung. Bei seiner Ausbildung zum Fußballlehrer 2011 an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Köln saß er immer in der ersten Reihe. Wenn schon, dann richtig. So wie immer.

          In Heidenheim hat er seine Rolle gefunden. Von Abnutzungserscheinungen keine Spur. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2023. „Wenn es nach mir geht“, sagte er einmal der F.A.Z., „dann ziehe ich das in Heidenheim durch.“ Überhaupt gebe es nur zwei Gründe für ihn, irgendwann einmal über eine berufliche Veränderung nachzudenken. Nämlich dann, wenn er das Vertrauen des Vereins nicht mehr spüre oder wenn er selbst nicht mehr mit Freude zur Arbeit käme. Beides scheint derzeit noch meilenweit entfernt zu sein. Ganz gleich, ob es in diesem Jahr etwas wird mit dem Aufstieg oder nicht.

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