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Profifußball in der Pandemie : Das ist ungerecht und fahrlässig

Im Kölner Fußballstadion blieb am Samstag beim Duell mit Gladbach kein Platz frei. Bild: EPA

Der Profifußball verhält sich, als schwirre er in einer kosmischen Blase umher und das echte Leben gehe ihn nichts an – wieder einmal. Es wird dringend Zeit, die Corona-Regeln zu schärfen.

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          Drei Erlebnisse aus der Wirklichkeit inmitten dieser vierten Corona-Welle: Der Laternenumzug im Kindergarten? Schon vor Wochen abgesagt. Das Hockeytraining, draußen in Kleingruppen, auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt? Soll weitergehen – allerdings mag daran niemand mehr so richtig glauben. Die Schulen? Sollen geöffnet bleiben – eine Garantie dafür aber möchte niemand mehr aussprechen.

          Bundesliga

          Seit Wochen steigen die Infektionszahlen, nehmen die Hospitalisierungen von an Covid-19 erkrankten Menschen zu, klagen Intensivmediziner über eine mancherorts kaum noch zu beherrschende Situation, warnt das Robert Koch-Institut vor Großveranstaltungen und rät zugleich zur Reduzierung von Kontakten. Hinzu kommt die Unsicherheit vor der neuen Omikron-Variante. 

          Und der Profifußball? Verhält sich so, als schwirre er in einer kosmischen Blase umher und das echte Leben gehe ihn überhaupt nichts an – wieder einmal. Am Mittwoch, die Sieben-Tage-Inzidenz stieg in Deutschland erstmals seit Beginn der Pandemie auf über 400, twitterte die Deutsche Fußball Liga: „Die abgestimmte Linie aller 36 Clubs war seit Beginn der Corona-Pandemie immer, auf Basis staatlicher Vorgaben zu agieren.“ Deshalb sei „ein selbstverhängter, flächendeckender Lockdown“, wie es heißt „kein Thema“.

          Ein Spiegel der Gesellschaft?

          Kein Thema – diese generelle Absage an ein eigenverantwortliches Handeln ist in dieser Situation nichts anderes als: erschreckend. Noch in der ersten Corona-Welle war der Fußball stets darum bemüht, einen Schritt vor der Politik unterwegs zu sein. Aber da galt es ja auch etwas zu gewinnen: die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, das Öffnen der Stadiontore für die Zuschauer, die Rückkehr an den Millionen-Euro-Tropf.

          Nun drohen wieder leere Ränge. In Sachsen ist es bereits so weit – Leipzig, Dresden und Aue kehren in den Geisterspiel-Modus zurück. Auch in Bayern wurde die Zuschauerkapazität auf maximal 25 Prozent reduziert. Warum? Weil es die jeweiligen Landesregierungen so beschlossen haben. Borussia Dortmund darf sein Stadion hingegen noch fast komplett füllen: Zum Spiel gegen Bayern München in einer Woche können 67.500 Zuschauer kommen. Schon am Samstag waren 50.000 Zuschauer in Köln beim Derby gegen Mönchengladbach. Ausverkauft! Wahnsinn!

          In Bezug auf den Wettbewerb in der Liga ist all das ungerecht, in Bezug auf die Situation im Land ist es fahrlässig. Denn auch wenn Fußball eine Freiluftveranstaltung ist, sicher ist so ein Happening noch lange nicht: volle U-Bahnen, dicht gedrängte Fans an den Stadiontoren, Masken, die mal gar nicht und mal auf Halbmast getragen werden.

          Wenn noch gilt, dass der Fußball ein Spiegel der Gesellschaft sei, dann wird deutlich, wie ernst die Lage ist: Fast die Hälfte der Bundesligavereine muss derzeit auf mindestens einen an Covid-19 erkrankten Spieler verzichten. Dass selbst daraus noch keine Konsequenzen abgeleitet werden, kann nur eines bedeuten: Die Fußballwelt hat mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun. Sie ist so zu einem Fall für die Politik geworden, die die Regeln schärfen sollte. Denn die Pandemie macht für niemanden eine Ausnahme.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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