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Noch kein Kollektiv : Glasners Appell nach dem Punkt in Berlin

Oliver Glasner ist noch nicht ganz zufrieden. Bild: Huebner

Den Trainer stört, dass zu viel über den Sieg in der Europa League gesprochen wird. Der war ein Produkt harter Arbeit, weniger einer des spielerischen Glanzes. In Berlin bleibt Frankfurt vieles schuldig.

          3 Min.

          Beim Besuch in der Bundeshauptstadt Berlin, der für die Eintracht mit einem schmucklosen 1:1 gegen Hertha BSC endete, hat der Frankfurter Fußballtrainer Oliver Glasner dazu aufgerufen, „nicht immer über Europa“ zu sprechen. Der 47 Jahre alte Österreicher ist es offenbar langsam leid, jedes Mal aufs Neue vom Europa-League-Gewinn der Eintracht und den damit verbundenen hohen Erwartungen an seinen Verein hören zu müssen.

          Bundesliga
          Jörg Daniels
          Redakteur in der Sportredaktion

          Er sei darauf angesprochen“ worden, „dass hier ja der Europa-League-Sieger spielt. Und ich habe geantwortet: Hier spielt der Bundesligaelfte der Vorsaison, der Martin Hinteregger und Filip Kostic, zwei Nationalspieler mit riesiger Erfahrung, verloren hat“, sagte Glasner auf der Pressekonferenz nach dem Spiel und war mit seinen unmissverständlichen Ausführungen noch nicht fertig: „Das, was wir letzte Saison international erreicht haben, haben wir mit unglaublich großer Disziplin, Leidenschaft und Bereitschaft erreicht – und nicht, weil wir jeden Gegner in Grund und Boden gespielt haben.“ Deshalb, so der Fußballlehrer, sage er es „auch in dieser Klarheit, dass wir nicht immer über Europa sprechen sollen“.

          Enttäuschende Platzierung

          Aktuell spüren die Frankfurter, die im Erstliga-Eröffnungsspiel den Bayern 1:6 unterlegen waren, die Last des internationalen Titelgewinns. Viele verlangen jetzt viel von ihnen, weil den Klub eine Auszeichnung mit großer Strahlkraft schmückt. In Europa steht die Eintracht für anhaltenden Erfolg. Für Favoritenstürze, Unbekümmertheit und unbändige Leidenschaft. Das ist die Bemessungsgrundlage für die neue Bundesligasaison, in der die Eintracht ihre Erfolgsgeschichte auch auf nationalem Parkett fortsetzen will.

          Trainer und Mannschaft haben sich einen Rang zwischen Platz eins und sechs zum Ziel gesetzt, im Vergleich zur abgelaufenen Runde mit der enttäuschenden Platzierung wollen sie in ihrem Kerngeschäft viel gutmachen. Diesmal soll über den hiesigen Wettbewerb ein internationaler Startplatz erreicht werden.

          Und dann auch noch das: Schiedsrichter Frank Willenborg gibt der Eintracht nach Interventionen des Video-Assistenten doch keinen Elfmeter.
          Und dann auch noch das: Schiedsrichter Frank Willenborg gibt der Eintracht nach Interventionen des Video-Assistenten doch keinen Elfmeter. : Bild: picture-alliance

          Doch an den ersten beiden Erstliga-Spieltagen sind die Frankfurter, die nun saisonübergreifend seit zehn Bundesligaspielen ohne Sieg sind und bei denen Jens Petter Hauge zu KAA Gent ausgeliehen wird, ihren ambitionierten Ansprüchen nicht gerecht geworden. „Wir haben noch nicht die Stabilität gefunden, die wir haben wollen“, sagte Glasner. Die Mannschaft funktioniert als Kollektiv noch nicht so, wie es der Trainer gerne hätte. Und wie es ihr viele im Hinblick auf ihre Zusammenstellung zutrauen.

          Das hat damit zu tun, dass ein paar Spieler an Leistungskraft eingebüßt haben. Dem französischen Innenverteidiger Evan Ndicka fehlen die Zielstrebigkeit in seinen Aktionen und die im abgelaufenen Spieljahr gezeigte Durchsetzungsstärke. Womöglich beschäftigt den 22-Jährigen ein Vereinswechsel zu einem lukrativen Klub. Ndicka zählt nämlich zu den Verkaufskandidaten in dieser Transferperiode, sofern er nicht dazu bereit ist, seinen Vertrag bei der Eintracht vorzeitig zu verlängern.

          Viel Durchschnitt

          Auch der flinke Ansgar Knauff, der beim Berliner Führungstreffer (3. Spielminute) von Suat Serdar das Kopfballduell gegen den Torschützen verlor, läuft seiner Form buchstäblich hinterher. Die besonderen Momente in seinem Spiel sind weniger geworden. Und Djibril Sow ist ebenfalls ein gutes Stück davon entfernt, seine Führungsrolle mit gewohnter Tatkraft ausfüllen zu können. An der Verpflichtung des Schweizer Nationalspielers ist Nottingham Forest interessiert, dem einkaufsfreudigen Premier-League-Klub soll Sow eine Ablösesumme von rund 20 Millionen Euro wert sein.

          Gemessen am stolzen Marktwert der Frankfurter Mannschaft, für die Daichi Kamada in Berlin das 1:1 (48.) schoss, gibt es momentan zu viel Durchschnitt im Team. Die neuen Spieler müssen erst integriert werden – das ist ein weiterer Grund für die Anlaufschwierigkeiten. Weltmeister Mario Götze blieb in Berlin sehenswerte Pässe schuldig; vom Spielmacher war kaum etwas zu sehen.

          Der neue Angreifer Lucas Alario machte am meisten mit einer ausgelassenen Großchance auf sich aufmerksam. Nur der vom FC Nantes gekommene Stürmer Randal Kolo Muani, der an vielen Offensivaktionen beteiligt war, hob sich wohltuend von den anderen ab: Sein großer Einsatz, sein Behauptungswillen, sein enormes Laufpensum und seine imponierende Schnelligkeit hatten Vorbildcharakter. Glasner bescheinigte Kolo Muani eine „tolle Leistung, in dieser Verfassung wird er noch viele Spiele machen“, kündigte der Trainer an.

          Lob für den besten Spieler, Tadel hingegen für das Auftreten des Großteils seiner Mannschaft zu Spielbeginn: „Unser Zweikampfverhalten, die Intensität waren einfach desaströs. Wenn ich denke, ich kann nur rumjoggen, dann sieht es eben so aus“, kritisierte Glasner. Aus Sicht von Torhüter Kevin Trapp hätten die Frankfurter „gefühlt keinen Zweikampf in den ersten 25 Minuten gewonnen. Wir sind nur hinterhergelaufen.“

          Vor einer Laissez-faire-Haltung in den Köpfen seiner Spieler nach dem Triumph in der Europa League hatte Glasner immer gewarnt. Nicht jeder scheint ihm aber zugehört zu haben. So ist es verständlich, dass das Thema Europa den Trainer im Moment nicht anspricht – vor allem wenn es immer wieder von außen an ihn herangetragen wird und einhergeht mit für ihn überzogenen Vorstellungen von der Leistungsstärke seines Teams. Glasners Appell in Berlin kam nicht von ungefähr.

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