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Max Kruse und Union Berlin : Der kleine Proletarier

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Frech die Zunge zeigen: Max Kruse ist fester Bestandteil der neuen Begeisterung von Union Berlin. Bild: dpa

Union Berlin kokettiert gern mit seinem Image. Dabei ist der Klub längst in einer anderen Sphäre unterwegs. Das ist unter anderem auch Max Kruse zu verdanken.

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          Marvin Friedrich gab sich große Mühe, so entsetzt wie möglich zu schauen. Wollte doch jemand allen Ernstes von ihm wissen, ob er mit dem 1. FC Union Berlin an diesem Sonntag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) als Favorit beim 1. FC Köln antrete. Was? Favorit? Wir? Eine ungeheuerliche Frage, fand Friedrich. Schließlich sei man mit Union erst im zweiten Jahr in der Bundesliga vertreten, und Köln gehöre ja quasi zum Inventar. Eine Größe dieser Spielklasse zuzusagen und ein Klub, an dessen Erfolge man erst einmal heranreichen müsse.

          Bundesliga

          Friedrich, 24 Jahre alt, spielt seine dritte Saison beim 1. FC Union, er hat die Philosophie des Vereins längst verinnerlicht. Union, ein zu DDR-Zeiten systematisch benachteiligter Verein, gibt nur zu gern den ewigen Außenseiter, den kleinen Proletarier, der sich gegen die wohlhabende Bourgeoisie auflehnt. Nur fällt es dieser Tage immer schwerer, dieses Bild aufrechtzuerhalten. Was nicht nur daran liegt, dass die in dieser Saison noch sieglosen Kölner nicht unbedingt als übermächtige Hegemonialmacht taugen und nach dem letzten Abstieg genau wie Union erst seit 2019 wieder in der Bundesliga spielen.

          Der eigenen Historie entwachsen

          Union ist auf dem besten Weg, der eigenen Historie zu entwachsen. Seit sechs Spielen hat die Mannschaft von Trainer Urs Fischer nicht mehr verloren, die Länderspielpause verbrachte sie auf Platz fünf. Lokale Radiosender verkünden erregt, „Europapokalluft liegt über dem Stadion An der Alten Försterei“. Da kann Trainer Fischer noch so betonen, für sein Team gehe es lediglich um den Klassenerhalt. Einer hat seinen Anteil an der neuen Begeisterung: Max Kruse. Der Angreifer gewöhnt seinen Mitspielern gerade erfolgreich ein neues Tempo an, mit ihm im Zentrum ist Union neuerdings in der Lage, das Gaspedal mal bis zum Anschlag durchzudrücken und mal die Geschwindigkeit zu variieren. Wenn man so will, ist Kruse Unions Silberpokal für den verhinderten Abstieg vergangene Saison und der Beweis, dass es nicht immer Trophäen sein müssen, die das Ansehen eines Klubs ändern.

          Einen Flaneur wie ihn durften sie noch nie bestaunen in Köpenick, dem Arbeiterbezirk. Der 32-Jährige hat im Europapokal gespielt und in der Nationalmannschaft, mit seinen Pässen durchtrennt er gegnerische Abwehrreihen wie der Berliner Starkoch Tim Raue ein Stück Edelfisch mit dem Messer. In wenigen Wochen ist er zum Fixpunkt seiner Mannschaft geworden, drei Tore und fünf Vorlagen lautet seine Bilanz aus sieben Spielen. Dass jemand wie er nach Engagements in Mönchengladbach, Bremen und Istanbul bei Union anheuert, sagt einiges aus über das Ansehen, dass sich der Klub in den letzten Jahren innerhalb der Branche erarbeitet hat. Und über die finanziellen Möglichkeiten. In Beraterkreisen findet die Strategie von Sportchef Oliver Ruhnert, bei Ablösesummen zu geizen und im Gegenzug bei den Gehältern umso großzügiger zu sein, Anklang. Was die Verdienstmöglichkeiten angeht, wird Union laut Aussagen von Spielervermittlern inzwischen dem oberen Mittelfeld der Bundesliga zugerechnet.

          Der Union-Kader ist in den vergangenen zwei Jahren seit der Beförderung von Oliver Ruhnert vom Chefscout zum Geschäftsführer Sport zu einem Abbild der Stadt geworden. An allen Ecken wird gebaut, fertig ist selten etwas. Spieler kommen, Spieler gehen. Von der Mannschaft, die im Mai 2019 beim entscheidenden Relegationsspiel gegen Stuttgart von Beginn an spielte, stehen nur noch vier Spieler im Aufgebot. Allein im Sommer verpflichtete Union elf Neue.

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