https://www.faz.net/-gtm-aah9h

Bundesliga-Trainer unter Druck : Die schwierige Beziehung zwischen Gisdol und Köln

  • -Aktualisiert am

Muss Punkte liefern: Markus Gisdol Bild: dpa

Für den Trainer des 1. FC Köln ist ein Sieg gegen den FSV Mainz 05 Pflicht. Doch selbst das wäre keine Garantie für seinen Verbleib. Die Lage bei den Rheinländern ist bedrohlich.

          3 Min.

          Nicht nur die Bundesliga­tabelle wirkt bedrohlich für den 1. FC Köln, auch die Begriffe, mit denen die Reporter die Lage dieser Tage beschreiben, signalisieren allerhöchste Gefahr. Von einem „Ultimatum“ ist im Rheinland die Rede, von einem „Endspiel“ für den Trainer. Es wird spekuliert über mögliche Nachfolge-Kandidaten für Trainer Markus Gisdol. Und Sportgeschäftsführer Horst Heldt sagt: „Wir müssen gegen Mainz drei Punkte holen.“

          Bundesliga

          Das klingt tatsächlich ziemlich ultimativ. Ein echter Abstiegskampf-Showdown an diesem Sonntag (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga sowie bei Sky) gegen den womöglich ärgsten Konkurrenten um den direkten Ligaverbleib liegt vor dem gebeutelten Verein. Obgleich die Zapfanlagen in den Eckkneipen stillstehen und der Smalltalk des Alltags arg gebremst ist, gibt sich die Fußballstadt tiefverwurzelten Reflexen hin: Der FC auf dem Relegationsplatz 16? Da kann doch etwas nicht stimmen mit dem Trainer!

          Unter Beobachtern herrscht Einigkeit, dass Gisdol seinen Posten räumen muss, wenn der Mannschaft kein Sieg gelingt, und Heldt widerspricht nicht. „Es gibt den Wunsch und das Ziel, den Klassenerhalt zu schaffen, in der Konstellation, in der wir arbeiten“, sagt der erfahrene Manager, der in seinen Jahren in Stuttgart, auf Schalke und in Hannover schon viele Trainer ausgetauscht hat. „Aber es kommt darauf an, dass man die Situation betrachtet und immer wieder überprüft und im Sinne des 1. FC Köln handelt.“

          Kein großer Entertainer

          Gisdol ist kein Liebling der Massen, er ist etwas sperrig, kein großer Entertainer. Und der Fußball, den seine Mannschaft spielt, begeistert niemanden. Andererseits war sein Team in den vergangenen Wochen nur sehr selten wirklich schlecht. Zuletzt erkämpften die Kölner sich ein respektables 2:2 gegen Borussia Dortmund und verloren ein sehr ausgeglichenes Duell beim VfL Wolfsburg knapp 0:1.

          Nichts deutet auf ein zerrüttetes Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer hin. Heldt hat sich sogar mit Gisdol, seinem Nachbarn, angefreundet, dessen Kochkunst er schätzen gelernt hat. Das Problem: Die Kölner haben seit zwei Monaten, seit einem 2:1-Sieg in Mönchengladbach, ganz ordentlich gespielt, aber nur noch zwei Punkte sammeln können. Im Februar betrug der Vorsprung vor Mainz acht Punkte, nun liegen sie zwei Punkte hinter den Rheinhessen.

          Markus Gisdol ist kein Liebling der Massen, er ist etwas sperrig. Und der Fußball, den seine Mannschaft spielt, begeistert niemanden.
          Markus Gisdol ist kein Liebling der Massen, er ist etwas sperrig. Und der Fußball, den seine Mannschaft spielt, begeistert niemanden. : Bild: AP

          Heldts Überlegungen haben daher „mit einer Freundschaft, damit, dass wir Nachbarn sind und der Markus vielleicht das eine oder andere Mal ein Schnitzel kocht, nichts zu tun“, sagt der Geschäftsführer in der Dokumentation „24/7 FC“. Die Frage mit der er sich befasst, lautet vielmehr: Würden Trainerkandidaten wie Friedhelm Funkel oder Thorsten Fink, die wohl bereit wären, sich dem Kölner Projekt anzunehmen, mehr aus dieser Mannschaft herausholen? Aus einer Mannschaft, von der die Verantwortlichen seit dem ersten Spieltag sagen, dass sie akut vom Abstieg bedroht sei. Der Verein befindet sich in einer Schlüsselphase, von deren Verlauf die mittelfristige Zukunft abhängt.

          Der deutsche Meister von 1978 war schon vor der Pandemie wirtschaftlich angeschlagen, das Zweitligajahr in der Saison 2018/2019 war teuer. Nach dem Aufstieg wurde viel Geld, das eigentlich nicht vorhanden war, in den Klassenverbleib gesteckt, die Fehlbeträge aus den vielen Monaten mit Spielen im leeren Stadion treffen den Klub nun mit voller Wucht. Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle räumt ein, dass „die wirtschaftliche Substanz des Klubs deutlich angegriffen“ sei. Gerade haben die Kölner ihre Geschäftszahlen für die Saison 2019/2020 vorgelegt und einen Verlust von 23,8 Millionen Euro ausgewiesen. Das laufende Spieljahr, das komplett ohne Zuschauer gespielt wird, ist da noch gar nicht eingerechnet und dürfte die Stabilität des Klubs weiter beschädigen.

          Sportdirektor Heldt hat sich mit Gisdol zwar angefreundet –  ein Schutz ist das für den Trainer nicht.
          Sportdirektor Heldt hat sich mit Gisdol zwar angefreundet – ein Schutz ist das für den Trainer nicht. : Bild: Imago

          Wie Schalke 04 und Werder Bremen haben die Kölner eine Landesbürgschaft für einen Kredit beantragt, der bei 20 Millionen Euro liegen soll. Im Gegensatz zu Konkurrenten wie Bremen oder Schalke besitzen sie allerdings keine Anteile an einem Stadion. „Unser Ziel ist es, auch am Ende dieser Spielzeit noch über ein positives Eigenkapital zu verfügen“, sagt Wehrle, was unter anderem durch die Ausgabe von Genussrechten an verschiedene Geldgeber erreicht werden soll. Ganz egal, ob in der ersten oder in der zweiten Liga: Die Kölner werden noch lange mit der Rückzahlung von Schulden beschäftigt sein.

          Abstieg wäre folgenschwer

          Ein Abstieg wäre in dieser Situation folgenschwerer als vor drei Jahren, als der Klub gerade die erfolgreichste Zeit dieses Jahrhunderts hinter sich hatte und sich auf dem Weg befand, eine ähnliche Entwicklung zu nehmen wie Borussia Mönchengladbach. Doch die damals Verantwortlichen um den Präsidenten Werner Spinner, Sportgeschäftsführer Jörg Schmadtke und Trainer Peter Stöger machten schwere Fehler. Und nach dem Abstieg wurde es kaum besser.

          Allein die Rückholaktion des schon lange nicht mehr konkurrenzfähigen Anthony Modeste aus China, der derzeit nach Frankreich verliehen ist, kostet über fünf Jahre wohl über 15 Millionen Euro. Präsident Wolf Werner sagt in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“, „dass in der Vergangenheit Spielerverträge abgeschlossen wurden, die ich aus heutiger Sicht so nicht abschließen würde“. Noch dramatischer ist, dass versäumt wurde, den am Geißbockheim ausgebildeten Florian Wirtz an den Klub zu binden, der nun bei Bayer Leverkusen spielt und mittlerweile 45 Millionen Euro wert sein soll.

          All diese Dinge werden zu den Ursachen zählen, wenn Gisdol in der kommenden Woche tatsächlich entlassen werden sollte. Und selbst wenn dem 51 Jahre alten Schwaben und seiner Mannschaft ein Sieg gegen die Mainzer gelingen sollte, ist ein dauerhafter Verbleib des Trainers eher unwahrscheinlich. Viele Kölner fremdeln mit seinem Pragmatismus und glauben, dass die mitunter etwas rotzige Rhetorik und der konsequente Offensivfußball von Steffen Baumgart, der im Sommer in Paderborn aufhört, viel besser zu diesem Klub und dieser Stadt passen würden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Nummer drei: Elise Stefanik im Januar 2020 nach Trumps Freispruch im Weißen Haus.

          Machtkampf der Republikaner : Aufstieg einer glühenden Trumpistin

          Die vergangenen Tage haben eindrücklich gezeigt: Auch nach der Wahlniederlage hat Donald Trump die Fraktion der Republikaner unter Kontrolle. Sein neuester Coup ist die Beförderung von Elise Stefanik.

          Nahost-Konflikt : Hamas feuern Raketen auf Jerusalem

          Gegen 18 Uhr Ortszeit wurden aus Gaza-Stadt Dutzende Raketen in Richtung Jerusalem abgefeuert – ein Zivilist wurde verletzt. Auf dem Tempelberg ist ein weithin sichtbares Feuer ausgebrochen.
          Cybergangster kommen nicht durchs Tor: Tankanlagen an einer Abzweigung im Pipeline-System von Colonial im Bundesstaat Alabama

          Hackerangriff auf Pipeline : Lösegeld für das schwarze Gold

          Eine Cyberattacke in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt den Transport von Öl. Sollten die Folgen anhalten, könnten auch hierzulande Öl und Benzin nochmal teurer werden.
          Hat gut lachen: Hamburgs Interimstrainer Horst Hrubesch (rechts) klatscht mit HSV-Spieler Moritz Heyer ab.

          5:2 gegen Nürnberg : Mit Hrubesch läuft es beim HSV

          Mit Interimstrainer Horst Hrubesch siegt Hamburg gegen Nürnberg deutlich. Damit wahrt der HSV eine kleine Chance auf den Aufstieg. Doch auch Konkurrent Kiel holt gegen Hannover drei Punkte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.