https://www.faz.net/-gtm-a3igs

Bayer Leverkusen : Im Kollektiv zum Erfolg

  • -Aktualisiert am

„Da wird noch etwas kommen“: Bayer-Coach Bosz Bild: EPA

Wer schließt bei Bayer Leverkusen die Lücke, die Kai Havertz hinterlässt? Anspruch und Wirklichkeit sollen bei der Werkself endlich zueinander passen.

          3 Min.

          Es gab bisher nicht viele Fußballer in der Bundesligageschichte, die das Kunststück vollbracht haben, im Alter von 17 Jahren zu einer zentralen Figur ihrer Mannschaft zu werden. Selbst frühreife Talente wie Jadon Sancho, Erling Haaland oder Alphonso Davies haben sich erst in der Liga etabliert, nachdem sie volljährig waren. Zu den seltenen Ausnahmen gehören die gerade zum FC Chelsea gewechselten Nationalspieler Kai Havertz und Timo Werner, die schon vor ihren 18. Geburtstagen mehr als 20 Mal in der Bundesliga zum Einsatz kamen. Insofern ist die Anzahl der U-18-Spieler, denen im neuen Spieljahr Großes zugetraut wird, sehr bemerkenswert.

          Bundesliga

          Bei Borussia Dortmund könnten Giovanni Reyna und Jude Bellingham sich im Kampf um die Stammplätze gegen ältere Kollegen behaupten. Sogar dem erst 15 Jahre alten Youssoufa Moukoko wird beim BVB zugetraut, dass er für Aufsehen sorgt, wenn er nach seinem 16. Geburtstag im November spielberechtigt ist. Und bei Bayer Leverkusen ruhen große Hoffnungen auf Florian Wirtz.

          Seit seinem Treffer gegen Bayern München im Juni ist der 17 Jahre alte Angreifer der jüngste Spieler, der jemals ein Tor in der Liga geschossen hat. Nun soll er an einer Herausforderung mitwirken, die größer kaum sein könnte: Irgendwie müssen die Leverkusener die Lücke schließen, die Havertz hinterlässt. „Kai lässt sich nicht eins zu eins ersetzen, es wäre auch nicht sinnvoll, das zu versuchen“, sagt Sportdirektor Simon Rolfes vor der Partie beim VfL Wolfsburg am Sonntagabend (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga sowie bei Sky). Dass bisher aber überhaupt kein Ersatz verpflichtet wurde, ist schon erstaunlich.

          Personelle Wechsel

          Für Kevin Volland, der zur AS Monaco wechselte, wurde der Stürmer Patrik Schick unter Vertrag genommen, der zuvor von der AS Rom an RB Leipzig ausgeliehen war. Der Verlust von Havertz soll hingegen im Kollektiv aufgefangen werden. „Wir haben Spieler, die das Potential haben, eine dominantere Rolle zu spielen“, sagt Rolfes. Er meint Wirtz, den er aber nicht mit allzu großen Erwartungen unter Druck setzen möchte. Vor allem jedoch denkt die sportliche Leitung an Moussa Diaby, Kerem Demirbay und Nadiem Amiri, wenn von Spielern gesprochen wird, die eine höhere Leistungsebene erreichen könnten.

          Denn diese Fußballer haben zwar schon eine Saison in Leverkusen hinter sich, sind seinerzeit aber explizit mit der Idee verpflichtet worden, irgendwann einmal Havertz zu ersetzen. Die Verantwortlichen waren schon lange davon ausgegangen, dass der hochbegabte Nationalspieler irgendwann sehr teuer verkauft werden würde, in dieser Annahme wurden beträchtliche Teile der Einnahmen schon im vorigen Jahr investiert. Damals hatte der Klub sich gerade für die Champions League qualifiziert, was für die Spieler hoch attraktiv war. Nicht nur deshalb war die Verhandlungsposition besser als in diesem Sommer; im Gegensatz zur laufenden Transferperiode konnten andere Klubs ihre Spieler nicht mit dem Argument verteuern, dass Bayer Leverkusen ja gerade die höchste Summe eingenommen hat, die in der laufenden Transferperiode weltweit geflossen ist.

          Reinvestierte Millionen

          Mit diesem Hintergedanken wurden 2019 Demirbay (für 32 Millionen aus Hoffenheim), Diaby (15 Millionen/Paris St-Germain) sowie Amiri (9 Millionen/Hoffenheim) unter Vertrag genommen. Im Winter kamen noch Edmond Tapsoba (18 Millionen/Guimaraes) sowie Exequiel Palacios (17 Millionen/River Plate Buenos Aires) hinzu. Mehr als 90 Millionen Euro wurden ausgegeben. Für Havertz fließt ein Sockelbetrag von 80 Millionen Euro aus London an den Rhein, das Geld ist also längst reinvestiert worden.

          Nun fordert die Klubspitze Leistungen, die zu diesen Ausgaben passen. Neulich monierte der Geschäftsführer Fernando Carro im „Kölner Stadtanzeiger“ recht scharf, dass „Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderliegen“, weil die angestrebte Champions-League-Qualifikation verpasst wurde und in Europa League und DFB-Pokal echte Titelchancen ungenutzt blieben. Nun gebe es zwei Möglichkeiten: „Den Anspruch zu senken, damit er näher an die Realität heranrückt. Oder man arbeitet daran, die Realität dem Anspruch anzugleichen“, erklärte Carro. „Und da habe ich eine klare Haltung: Den Anspruch werden wir nicht senken.“

          Der seit vielen Jahren bestehende Wunsch, diese Mannschaft mit einer etwas kraftvolleren Gewinnermentalität auszustatten, ist weiterhin vorhanden. Aber dieses Projekt soll nicht mehr durch Einzelspieler mit einem besonderen Charakter realisiert werden, sondern durch einen Spirit, der im Kollektiv entstehen könnte. „Am Ende sind Transfers immer ein Gesamtpaket“, sagt Rolfes zur Frage nach dem Charakter des Teams. „Entscheidend ist die Qualität, und Qualität kann unterschiedliche Facetten haben. Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, und ja: Dabei geht es auch darum, was wir für einen Teamgeist entwickeln.“

          Leverkusen an Kolasinac interessiert

          Dennoch wirbt der Werksklub in diesen Tagen angeblich um den früheren Schalker Sead Kolasinac, der gerade für seine Willenskraft und für seine energische Spielweise bekannt ist. Der Verteidiger vom FC Arsenal wäre zudem in der Lage, den Mangel an guten Linksfüßen im Kader zu lindern, und er würde den Wünschen von Trainer Peter Bosz entsprechen, der sagt: „Ich brauche keine Quantität, ich brauche Qualität. Da wird noch etwas kommen.“

          Aber selbst mit Kolasinac wäre das Erreichen des ersten Saisonziels nach diesem unruhigen Sommer eine echte Herausforderung. Weil die Mannschaft in den ersten Partien der Vorsaison die Punkte verspielte, die am Ende für eine abermalige Champions-League-Teilnahme fehlten, wollen sie die Frühphase des neuen Spieljahres „unbedingt besser hinbekommen“, sagt Rolfes. Dass im Sommer aufgrund der Teilnahme an der Europa-League-Endrunde keine echte Vorbereitung möglich war, deutet der Sportdirektor kurzerhand in einen Vorteil um: „Es kann eine Mannschaft auch zusammenschweißen, wenn man weiß, dass nicht alles optimal lief.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Warnschild in Ludwigsburg

          Debatte im Bundestag : Wer der Feind ist

          Kritik ist berechtigt und nötig. Eine „Corona-Diktatur“ ist Deutschland aber nicht. Auch die Opposition sollte in diesen Zeiten nicht überreagieren.
          Der Umsatz mit den iPhones verfehlt die Erwartungen. Tim Cook ist trotzdem optimistisch.

          Amazon, Apple & Co. : Den Tech-Konzernen geht es glänzend

          Amazon schafft einen weiteren Rekordgewinn, und Facebook beschleunigt sein Wachstum. Apple muss auf das nächste Quartal vertrösten – hat aber guten Grund zum Optimismus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.