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Bundesliga-Kommentar : Der HSV vernichtet Potential und Kapital

Nach dem 0:2 gegen Köln muss Trainer Markus Gisdol beim HSV gehen. Bild: dpa

Es kann nicht an den Spielern allein liegen, dass fast jeder, der, oft für viel Geld, nach Hamburg kommt, chronisch unter seinen Möglichkeiten bleibt. Ausbaden muss es stets der Trainer.

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          Mergim Mavraj war der Letzte, der dem Unabwendbaren noch verbalen Widerstand entgegensetzte. Und den Trainer verteidigte. „Mit Gisdol“, sagte der Abwehrchef des Hamburger SV, „haben wir den Bock umgestoßen“. Welchen Bock er meinte? Auf jeden Fall nicht Hennes VIII., das Wappentier des 1. FC Köln, der am Samstag zum vielleicht bestgelaunten Tabellenletzten der Bundesligageschichte wurde. Während der HSV sich als der verzagteste Vorletzte präsentierte, den man je sah.

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          „Et hätt noch emmer joot jejange“ – das urkölsche Lebensmotto war zumindest im Fußball in den vergangenen Jahren von den im Temperament andersartig bekannten Norddeutschen übernommen worden. So schlecht er auch wirtschaftete, einkaufte und spielte, der letzte Liga-Dino sprang dem Abstieg immer noch wundersam von der Schippe. Und benahm sich zunehmend so, als glaube er daran, dass es so bleibe, wie an ein Naturgesetz.

          Nun aber haben sich die Kölner, nach einer spielerisch apokalyptischen Vorrunde, in der sie das Schlimmste emotional schon vorwegnehmen und verarbeiten konnten, als rechtmäßige Urheber ihr Motto wieder zurückgeholt. Nach drei Siegen in Serie, mit denen sich ihre Saison-Punkteausbeute vervierfacht hat, scheint die Vorfreude auf ein Wunder neue Kräfte freizusetzen. Ja, auch das Glück zu befreien, das vorher fehlte. Der kurz vor Weihnachten geholte Simon Terodde fand bei beiden Treffern in Hamburg das Nadelöhr zwischen zwei HSV-Beinen.

          Und schon hat sich alles umgekehrt. In Köln fragt man nun freudig, ob alles doch noch gut wird; in Hamburg entsetzt, ob die Uhr doch abläuft. Diese Gefahr hat die Klubführung zu lange verdrängt. Erst nach zwei Spieltagen der Rückrunde entlässt sie den Trainer, obwohl Form und Ertrag schon vorher bedrohlich waren. Der letzte konstruktive Termin für einen Wechsel wäre der Start der Winterpause gewesen. Es hätte Gisdols Nachfolger Zeit gegeben, das Team kennenzulernen und taktisch etwas zu verändern.

          Als übliche Verdächtige für die Nachfolge fielen zunächst Namen früherer HSV-Trainer: Gisdols Vorgänger Bruno Labbadia, seitdem ohne Job; Thomas Doll, derzeit Ferencvaros Budapest; oder Felix Magath, der sein Engagement in China im Dezember beendet hat. Solche Retro-Lösungen scheinen seit dem Glücksgriff der Bayern mit Jupp Heynckes en vogue. Doch lebt der HSV viel zu sehr von seiner Vergangenheit. Er brauchte eine Zukunftslösung, wie er sie nicht mehr fand, seit er 2008 Jürgen Klopp wegen „Äußerlichkeiten“ verschmähte, wie dieser erzählte: „Flapsiger Umgang mit der Presse, Löcher in den Jeans, Raucher.“ Magahts früherer Assistent Bernd Hollerbach soll es nun richten.

          Gab es in der Geschichte der Bundesliga eine ähnliche Dauervernichtung von Potential und Kapital durch einen solch privilegierten Klub? Wie durch den HSV in diesem Jahrzehnt? Es kann nicht an den Spielern allein liegen, dass fast jeder, der, oft für viel Geld, nach Hamburg kommt, dort chronisch unter seinen Möglichkeiten bleibt. Ausbaden muss es stets der Trainer. Gisdols Nachfolger erbt eine Ausbeute von 15 Punkten aus 19 Spielen. Das ist noch weniger als in den vergangenen Jahren. So könnte die durch das Super-Talent Fiete Arp erblühte Hoffnung auf eine glanzvollere Zukunft sich schon im Mai mit einem Abstieg zerschlagen. Dann wäre der Torjäger bereits mit 18 Jahren zu gut für den HSV geworden. Oder vielmehr: der HSV zu schlecht für ihn.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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