https://www.faz.net/-gtm-946k1

Bundesliga-Kommentar : Das Derby des Jahrhunderts

Schlussworte eines Spiels, das so schnell keiner vergessen wird. Bild: VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Deutschland hat kein echtes, erstklassiges Derby. Das ist auch Dortmund gegen Schalke nicht. Aber was für ein großartiger Ersatz ist das! Dieses 4:4 überforderte alle Beteiligten. Ein Kommentar.

          2 Min.

          Die Briten sprechen es Darbi. Die Amerikaner Dörbi. Auf Deutsch klingt am besten Derbi. Weils von einem schönen deutschen Eigenschaftswort herkommen könnte: derb. Die ganze verlogene Standardrhetorik moderner Fußballschaffender, all die „Demut“, all die betont bescheidene Zufriedenheit darüber, „der Mannschaft helfen zu können“, tritt an Tagen wie diesen hinter die ehrliche, archaische Denkart des Kampfes zurück, der seine friedliche Form in Spiel und Sport fand, aber seine ruppige Herkunft nicht immer verleugnen kann: die oder wir. Dann, wenn Derby ist.

          Bundesliga

          Dabei hat Deutschland kein echtes, erstklassiges Derby. Keines mit direkter Nähe der Klubs wie in London, Glasgow, Istanbul, Buenos Aires. Bundesliga-Derbys haben oft riesige regionale Pufferzonen wie das „Nordderby“ Hamburg–Bremen, das „Südderby“ München–Stuttgart. Keines, bei dem der Lebensraum der Anhänger sich überschneidet, die Rivalität sich durch Nachbarschaften, Belegschaften, Familien zieht. So gesehen ist auch das Revierderby kein echtes Derby. Aber was für ein großartiger Ersatz ist das! Hier gibt es nicht die Trennung in den einen Klub der Arbeiterklasse und den anderen der Bürgerlichkeit, wie es oft bei Stadtderbys der Fall ist. Hier sind es zwei echte, große Volksvereine, einander nah genug, um sich nicht die Butter auf dem Brot zu gönnen.

          Was sie am Samstag produzierten, ist in seiner Balance von Brillanz und Versagen, in seinem Wechselspiel von Wille, Wut und Wackelknien ein Meisterwerk, das zu Recht sofort als „Jahrhundertderby“ bezeichnet wurde. Ein Spiel, das alle Beteiligten überforderte. Weil es das abwechselnd tat, erst Schalker, dann Dortmunder, wurde es kein normales Bundesligaspiel, sondern das aufregendste des Jahres. Mit der 4:0-Führung der scheinbar wundersam auferstandenen Borussen, die noch schneller gelang als die der Nationalelf beim 7:1 gegen Brasilien, hatte das Drehbuch dieses Derbys eine Fallhöhe geschaffen und einen Spannungsbogen entworfen wie sonst nur im Film.

          Peter Bosz bleibt nach diesem Showdown nur der tückische Trost, dass ihm nun auch nach der drohenden Entlassung ein Stammplatz in der BVB-Historie sicher ist. Während er immer mehr wie ein Statist aussah, übernahm Kollege Domenico Tedesco bei 0:4-Rückstand die Regie, als er an eine in der Schlichtheit der Botschaft und der Größe der Wirkung legendäre Pausenansprache anknüpfte – die von Rafael Benítez beim Liverpooler 0:3-Rückstand im Champions-League-Finale 2005.

          Das 4:4 als Schlusspointe eines unglaublichen Revierderbys. Bilderstrecke
          Das 4:4 als Schlusspointe eines unglaublichen Revierderbys. :

          Ruhig und konkret sprechend, nur auf die kleinen ersten Schritte zurück ins verloren scheinende Spiel bedacht, hoffte er heimlich wohl auf die Verletzlichkeit des scheinbar genesenen Gegners. Und damit auf die Irrationalität eines Derbys – wie sie sich zum Schalker Glück bei Pierre-Emerick Aubameyang äußerte, als er, den geklauten Ball am Fuß, das leere Tor vor sich, einen Kringel zu viel drehte und das 5:0 verpasste. Und am Ende frustriert den Platzverweis erhielt, den Schiedsrichter Aytekin vor der Pause gegen jede rationale Regel dem Schalker Thilo Kehrer erspart hatte.

          Beides, ein Gegentor mehr oder ein Mann weniger, hätte die Schalker nicht mehr zurückkommen lassen. Hätte diesem Spiel aber auch das nicht Fassbare genommen, das ihm schon jetzt einen Platz im Mythenschatz des Fußballs sichert. In einer globalisierten Welt und einem globalisierten Fußball weckt ein Derby wie dieses lokale Leidenschaft wie kaum etwas sonst. Und trifft damit über den Ort hinaus eine Sehnsucht beim Publikum.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Werder drohen bange Wochen

          0:1 gegen Mainz 05 : Werder drohen bange Wochen

          Es ist die sechste Niederlage in Serie. Der SV Werder ist mitten im Kampf gegen den Abstieg angekommen. Die Mainzer überholen die Bremer und rücken auf Rang 13 vor.

          Englische Teams ziehen sich zurück Video-Seite öffnen

          Super League : Englische Teams ziehen sich zurück

          Nach Manchester City bestätigten auch Manchester United, Liverpool, Arsenal, Tottenham Hotspur und Chelsea ihren Rückzug. Nun steht die Super League nicht einmal 48 Stunden nach ihrer Gründung vor dem Aus.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.