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Bundesliga-Kommentar : Leipziger „Fußball für alle“

  • -Aktualisiert am

„Fußball für alle“ – Leipzigs Fans setzten beim Heimspiel ein Zeichen. Bild: dpa

Die Polizei zieht eine Woche nach den Attacken von Dortmunder Fans abermals potentielle Gewalttäter in schwarz und gelb aus dem Verkehr. Dagegen setzen Leipzigs Anhänger ein anderes Zeichen – das ist bemerkenswert.

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          Eine Meldung aus dem Polizeibericht vom Wochenende: Neunzig Dortmunder Fans in zwei Bussen sind von der Polizei auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach Darmstadt gestoppt worden. Nach Angaben der Behörden wurden unter anderem Kampfsporthandschuhe, Schmerzmittel, Sturmhauben und Pyrotechnik sichergestellt. Es sei schnell klargeworden, teilte die Polizei in lakonischem Ton mit, dass die Männer anderes im Sinn hatten, als sich nur ein Fußballspiel anzuschauen. Die Busse wurden in Richtung Dortmund zurückgeschickt. Auf die Attacken vor einer Woche auch gegen Frauen und Kinder, massenhafte Hass-Plakate und die Aufforderungen zur Gewalt kann man also auch so reagieren wie die neunzig BVB-Fans – mit dem Plan, noch einmal zuzuschlagen. Auf den BVB, den der DFB-Kontrollausschuss mit der Sperrung der Südtribüne für ein Spiel und einer Geldbuße von 100.000 Euro bestrafen will, kommt noch viel Arbeit mit seinen Anhängern zu.

          Ungefähr zur gleichen Zeit, als die Polizei potentielle Gewalttäter in BVB-Farben aus dem Verkehr zog, setzten die Leipziger Anhänger ein ganz anderes Zeichen. Im Fanblock hinter dem Tor, wo eine Woche zuvor in Dortmund auf traditionellen Plakaten die „hate speech“, die Hass-Sprache, ihren Weg ins Stadion fand, antworteten die Leipziger Fans zwar mit derselben Methode, aber eben dennoch auf ganz andere Weise, nämlich so, wie sie Fußball und Fankultur verstehen: als beste Gelegenheit, Toleranz zu zeigen und verschiedene Anschauungen zu akzeptieren.

          Die Mischung aus demonstrativer Friedfertigkeit, beißendem Spott sowie Empörung über die Attacken spiegelte eine Vielfalt der Gefühle, die in Leipzig nicht nur die lautesten Fans in der Kurve teilten, sondern auch diejenigen auf den Tribünen und Logen. Und bei diesem eindrucksvollen Zeichen der Geschlossenheit in Leipzig war unschwer auch ein Echo auf die friedlichen Demonstrationen im Herbst 1989 herauszuhören und herauszulesen. Ein Banner mit dem Satz „Gewalt auszuweichen ist Stärke“ entfaltet in Leipzig jedenfalls eine besondere Kraft. Dazu waren hundertfach Bekenntnisse zu lesen, die man sich auch in anderen Stadien wünschen würde: „Gewaltfrei seit 2009“, „Respektvoll und bunt – das sind wir“, „Steine und Flaschen auf Frauen und Kinder – ganz großer Volkssport“, „Leipzig – die neue friedliche Fankultur“, „Wir machen euren Sport kaputt? Wenn er so aussieht, dann gern!“ – und dazu ein Spruchband, das sich um die gesamte Kurve zog: „Fußball für alle statt menschenverachtender Krawalle“.

          Diese Bekenntnisse bedeuten nicht, dass es nicht auch in Leipzig einmal hässliche Szenen geben wird. Dass Kapitän Orban den Sanitätskoffer des HSV, weil es ihm nicht schnell genug ging, achtlos wegwarf oder Fans in der Erregung mit vollen Bierbechern werfen; das wird sich in keinem Stadion bei einem solchen Spiel der Emotionen verhindern lassen. Aber es ausdrücklich anders machen zu wollen ist zumindest ein Anfang, der dem deutschen Fußball nur gut tun kann. Und dass die Leipziger Fans ihre Mannschaft auch nach der 0:3-Niederlage gegen den HSV feierten, war zumindest ein Zeichen, dass es ein paar Dinge gibt, die auch bei einem Retortenklub mehr zählen als nur der Erfolg.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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