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Bundesliga-Kommentar : Von Rahn kaum noch eine Spur

Kölns Spieler Leonardo Bittencourt vergibt eine Torchance: Ein Bild welches sich durch die gesamte Bundesliga zieht. Bild: dpa

Der trübe deutsche Fußballherbst sät Zweifel an der internationalen Potenz der Bundesliga. Bei der atemlosen Jagd nach dem Ball ist die wesentliche Fähigkeit verloren gegangen: Der Torschuss.

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          Den berühmtesten Reportersatz des deutschen Fußballs hat Hans Schäfer damals nicht hören können. Er wird aber dasselbe gedacht haben: Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Was dann geschah, konnte er gut sehen, anders als die Millionen Deutschen, die es nur im Radio hörten: das, was Rahn aus Schäfers Vorlage machte. Annahme, Finte, Tor. Es war der Treffer, der den Weltruhm des deutschen Fußballs begründete. Dieser stand nicht immer für höchste Spielkunst, aber für die nötige Klarheit und Entschlossenheit bei dem, was zählt: dem Torschuss.

          Was Hans Schäfer, neben Horst Eckel der letzte noch lebende Akteur des „Wunders von Bern“, am Donnerstag zur Feier seines 90. Geburtstags in Köln am Fernseher sah, hatte zu seinem Entsetzen nichts mehr mit dieser alten deutschen Tugend zu tun. Auf 16 Torschüsse kam sein Klub, der 1. FC Köln, einer kläglicher als der andere: fahrig, schlapp, ungenau. Das 0:1 in Weißrussland war Tiefpunkt eines deutschen Fußballherbstes, der Zweifel an der internationalen Potenz der Bundesliga säte. In Europa kommen ihre Klubs auf die desaströse Bilanz von 14 Niederlagen in 22 Spielen.

          Am Sonntag, beim 0:0 gegen Bremen, wurde es nicht besser für Schäfer. Er sah weitere 18 Fehlversuche seines Klubs (plus 13 der Bremer). Die beiden Kellerkinder sind nicht allein. An taktischer Ordnung und Laufbereitschaft fehlt es nirgendwo in der Liga, oft auch nicht an Spielkultur – aber an dem, was schon zu Herbergers Zeiten das Wesentliche war. Der Spieltag, an dem Spieler wie der Kölner Guirassy, die Gladbacher Hazard und Raffael, die Augsburger Gregoritsch und Koo, aber auch die Top-Torjäger Aubameyang und Lewandowski aus kürzester Entfernung den Ball nichts ins Tor bekamen, war ein Festival vergebener Chancen.

          Übergroße Fahrigkeit und Hast liegt in vielen Abschlussaktionen – als sei der Fußball in Deutschland nur noch eine atemlose Jagd nach dem Ball, ein ständiges Verschieben, Verdichten, Verhindern geworden. Wo Raum und Zeit zum Handeln knapper werden, gerät der Kampf um das erlösende Tor zum zähen, oft kläglichen Nervenspiel, auf das kein Trainingskonzept vorzubereiten scheint.

          Die Kunst, in der entscheidenden Sekunde, der des Abschlusses, den Kopf klar, den Körper in Balance, das Standbein sauber plaziert, den Ball rasch unter Kontrolle und bei alldem die nötige Ruhe zu haben, ist zur Rarität geworden. Nur wenigen gelingt das regelmäßig. Jeder hofft auf einen solchen Retter. Ungerechterweise spielen sie aber vor allem für die Klubs, die sie gar nicht nötig hätten. Selbst wenn man die Punktgewinne durch Lewandowskis Tore herausrechnet, wären die Bayern Meister geworden. Selbst ohne Aubameyangs bisherige Saisontreffer hätte Dortmund genauso viele Punkte.

          Im Abstiegskampf ist das anders. Die 25 Tore von Anthony Modeste in der Vorsaison brachten den Kölnern rechnerisch 19 Punkte. Es war der Unterschied zwischen Platz sechs (Europa) und Platz 17 (zweite Liga). „Die Zeiten, in denen man sich zum Klassenerhalt mauern konnte, sind vorbei“, sagt der Bremer Sportdirektor Frank Baumann. Sein Team aber, das in der Vorsaison vor allem dank der 26 Treffer des zuletzt fehlenden Kruse und des verkauften Gnabry mit 61 Toren bei 283 Torschüssen die beste Trefferquote der Liga hatte – 21,6 Prozent –, steht derzeit bei vier Prozent. Nur einer ist noch schlechter, die Kölner. 87 Schüsse, drei Tore, 3,4 Prozent: Solche Quoten reichen nicht mal für den Bundestag – geschweige denn für die Bundesliga.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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