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Bundesliga-Kommentar : Kurzsichtig und kurzfristig

Dritte Chance: Bruno Labbadia hat das Regiment in Stuttgart übernommen Bild: dapd

Keine Personalie im Fußball ist langfristig so wichtig wie die des Trainers. Keine wird so kurzsichtig behandelt. Die jüngsten Belege liefert der VfB Stuttgart. Dort darf jetzt mit Bruno Labbadia ein Trainer agieren, der schon zwei Chancen versiebte.

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          Vor einer Woche, als sein Team in Überzahl den Sieg gegen Hoffenheim nicht schaffte, gab es ein Bild von Jens Keller, das man für eine Klassikersammlung hätte rahmen können. Es war das Gesicht des Schreckens, das Abbild der Hilflosigkeit. Den Mund aufgerissen, die offenen Handflächen links und rechts auf Wangen und Ohren gelegt, sah Keller aus wie eine neue Version von Edvard Munchs „Der Schrei“. Wie im berühmten Vorbild war es ein stummer Schrei.

          Keller blieb eine hilflose Behelfslösung, ein Trainer von der traurigen Gestalt. Nun hat der VfB Stuttgart sein sechzigtägiges Leiden beendet und einen Neuen präsentiert, Bruno Labbadia. Der frühere Torjäger hat schon zwei Chancen, wie sie nur wenige Jungtrainer bekommen, bei Bayer Leverkusen und Hamburger SV versiebt. Er erwarb sich dabei den Ruf eines Trainers, mit dem es immer nur ein halbes Jahr lang gut geht. Aber dieses halbe Jahr würde Stuttgart zur Not reichen.

          Seit dem Meistertitel 2007 hat man dort mehrere Trainer verbraucht, von denen man, wie bei Markus Babbel oder Christian Gross, viel länger etwas hätte haben können. Die Saisonkurven deuten darauf, dass das Problem weniger die Qualität der Trainer als der Charakter des Kaders war. Erst in der Rückrunde rafft sich das launische Team stets auf. In der Meistersaison holte es in der zweiten Saisonhälfte 38 Punkte, in den vergangenen beiden Spielzeiten je 39. Zu Beginn der Spielzeit aber wirkt es lustlos. In der Meistersaison waren es bei Halbzeit noch 32 Punkte, dann zweimal je 25, zuletzt 16. Nun, vor dem letzten Spiel gegen den FC Bayern, sind es nur noch 12.

          Natürlich wird er ausgetauscht: Jungtrainer Keller
          Natürlich wird er ausgetauscht: Jungtrainer Keller : Bild: dapd

          Es ist eine Bilanz zum Verzweifeln für einen jungen Aushilfstrainer. Denn natürlich wird er ausgetauscht, nicht das Team, nicht das Management. Keine Personalie im Fußball ist langfristig so wichtig wie die des Trainers. Keine wird so kurzsichtig behandelt. In den vergangenen zehn Jahren sah man in Deutschland, wie wichtig es für den langfristigen Erfolg ist, Talente gut auszubilden und aufzubauen.

          So wurde das Jahr 2010, in dem die Bundesliga und das Nationalteam zur Rolle als Vorbild der Fußballwelt zurückfanden, vor allem das Jahr junger Bundesliga-Gewächse: Müller, Badstuber, Özil, Khedira, Holtby, Schürrle, Götze, Hummels, Neuer. Doch noch hat kaum jemand in der Liga zu der Erkenntnis gefunden, dass es ebenso wichtig ist, Trainertalente aufzubauen – und zu Ideen, wie man das tue.

          Dass es sich lohnt, sieht man dort, wo junge Trainer ihre fachliche Exzellenz bei funktionierenden Klubs einbringen können, wo sie Verantwortung für die Saisonplanung erhielten und nicht erst irgendwann als Notstopfen für die Saisonrettung ins Feuer geworfen wurden. Dort hinterlassen sie schon Spuren wie Thomas Tuchel oder Robin Dutt, wenn auch noch als Ausnahme. Oder wie der Vater aller Jungtrainer, der dabei ist, ein neues Trainerbild in Deutschland zu prägen, und es ist nicht eines der Hilflosigkeit und des Schreckens: Jürgen Klopp.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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