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Die 44. Bundesliga-Saison : Kleine Größen, große Kleine

  • -Aktualisiert am

Die vermeintlich Kleinen bedrängen die Großen mehr als denen recht ist Bild: picture-alliance/ dpa

Im 44. Bundesliga-Jahr ging es drunter und drüber wie in einer Boulevardkomödie. Die Saison nach der wunderbaren WM lebte mehr von den kleinen Größen denn von den etablierten Mächten. Darin sah mancher ein Zeichen der kollektiven Schwäche. Doch das ist barer Unsinn, meint Roland Zorn.

          Keine Krönung, nur ein Abschluss: Mehmet Scholl geht zum Finale dieser Saison. Ein vollendeter Fußballkünstler, ein unvollendeter Nationalspieler, einer, der Freude gemacht und Farbe hineingebracht hat in die oft graue Monotonie des Bundesliga-Alltags. An die Münchner Spielernatur wird man sich noch lange erinnern, so wie man in der nächsten Saison dann und wann auch an Borussia Mönchengladbach und Mainz 05 zurückdenken wird.

          Der fünfmalige Meister, der zu stürmischen „Fohlen“-Zeiten die Massen begeisterte und nun zum zweiten Mal absteigen muss, bleibt den Zeitläufen zum Trotz ein überaus beliebter Klub; den Rheinhessen, die den Verein vom Niederrhein in die zweite Liga begleiten, flogen auch im Niedergang ob ihrer fabelhaften Fans und ihres charismatischen Trainers Jürgen Klopp die Herzen nur so zu. Klopp wird auch eine Klasse tiefer zum Inventar gehören – der Mann ist längst ein Mainzer Markenzeichen.

          Schalker als Herz-Schmerz-und-Tränen-Helden

          Turbulent war das 44. Bundesligajahr für alle Beteiligten – und dazu kunterbunt in seiner Mischung aus bestaunten Aufsteiger- und bedauerten Absteigerepisoden. Dass der VfB Stuttgart am 34. Spieltag drauf und dran ist, zum fünften Mal deutscher Meister zu werden, mit einem Trainer, Armin Veh, an der Spitze, der beim Serienstart zur „Übergangslösung“ abqualifiziert worden war, gab im August 2006 keine einzige Hochrechnung her. Dass die Schalker wieder einmal kurz vor dem großen Ziel knapp scheitern könnten, war dagegen schon eher zu erwarten.

          Die „Königsblauen“ sind seit Jahren geübt in der Rolle der Herz-Schmerz-und-Tränen-Helden. Mit dem vertrauten Gespür für Theatralik inszenierten die Westfalen im vergangenen Herbst als vorzeitige Zugabe einen wochenlangen Medienboykott – auch das ein Schauspiel der besonderen Art. Die Bayern dagegen glaubten, einen Coup gelandet zu haben mit der Rückkehr ihres Traineraltmeisters Ottmar Hitzfeld, der den glücklosen Felix Magath ersetzte. Was dabei herauskam, war nur ein wenig Theaterdonner. Die Münchner als schmucklose Tabellenvierte lediglich im Uefa-Cup, das ist gewöhnungsbedürftig für ein Ensemble, das den großen Auftritt gewöhnt war.

          Nirgends ist der Spannungsbogen so dicht geknüpft

          Die Saison nach der wunderbaren Weltmeisterschaft lebte jedoch mehr von den kleinen Größen denn von den etablierten Mächten. Darin sah mancher ein Zeichen der kollektiven Schwäche. Barer Unsinn! Unruhige Zeiten des Umbruchs, des Interregnums, unverhoffter Auf- und Abstiege beleben die Szene. Die Liga liefert ihren eigenen Geschichtsstoff, der nicht zuerst auf seine internationale Verwendbarkeit geprüft werden muss. Auch weil nirgendwo sonst in Europa der Spannungsbogen so dicht geknüpft war, sind die Fans Woche für Woche massenhaft an den Orten der Überraschungserfolge und Serienpleiten zur Stelle gewesen.

          Hatte außer den Lausitzer Hardcore-Anhängern irgendwer damit gerechnet, dass Energie Cottbus ein zweites Jahr erster Klasse gewinnen würde? War nicht Arminia Bielefeld schon auf dem Rückweg in die Zweite Bundesliga, bevor Ernst Middendorp kam und als dritter Trainer der Saison die Ostwestfalen wiederbelebte?

          Diese Saison ist so schnell nicht zu toppen

          Galt der VfL Bochum während der Hinrunde nicht als sicherer Abstiegstipp, ehe Manager Kuntz und Trainer Koller mit dem Blick für die richtigen Nothelfer im Winter die passenden Verstärkungen fanden? War es nicht lange so gut wie ausgemacht, dass der „Herbstmeister“ Bremen den besten Fußball spielte und deshalb prädestiniert schien für die Meisterschaft? Alles nur Momentaufnahmen, vieles Illusion, manches pure Fehlspekulation: In der Bundesliga-Spielzeit 44 ging es drunter und drüber wie in einer Boulevardkomödie.

          Genau das ist es, was die Leute beim Fußball sehen wollen. Und ebendeshalb ist diese Saison als Publikumserfolg so schnell nicht mehr zu toppen. Vom 10. August an wird man aufs Neue vergleichende Werbung für sich und sein außergewöhnliches Produkt machen können – dann beginnt die 45. Neuauflage des Volkstheater-Klassikers Fußball-Bundesliga.

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