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Bundesliga-Kommentar : Inakzeptabler Ausgang

Der Rasen in Düsseldorf wird wieder nachwachsen, die Schäden für den Fußball bleiben Bild: dpa

Klubs und Verbänden droht der Fußball zu entgleiten. Auf Dauer hilft nur die Einsicht des Publikums weiter. Das DFB-Urteil über die Spielwertung in Düsseldorf hat Signalwirkung. Bei genauer Betrachtung kann es nur ein Ergebnis geben.

          Es gibt Momente im Fußball, da entgleitet einer Mannschaft das Spiel. Aber nun ist im deutschen Fußball der Moment gekommen, in dem Klubs und Verbänden der Fußball zu entgleiten droht. Die schwarze Rauchsäule zur Platzstürmung im letzten Bundesligaspiel des 1. FC Köln vor knapp zwei Wochen erschien schon als Symbol der düsteren Entwicklung in dieser Saison auf den Rängen.

          Am Wochenende eskalierte dann die Gewalt nach dem Abstieg des Karlsruher SC aus der zweiten Liga, mehr als 70 Verletzte blieben zurück. Die Wirkung jedoch, die von dem Düsseldorfer Skandalspiel in der Bundesliga-Relegation gegen Hertha BSC Berlin ausgeht, markiert einen Höhe- und vermutlich auch einen Wendepunkt.

          Der Innenminister hat die Profivereine zu konsequentem Handeln aufgefordert, die Verbände DFB und DFL sehen den Punkt erreicht, „an dem neue Wege gegen Gewalt im Umfeld von Fußballspielen gegangen werden müssen“, und die ARD widmet den Vorfällen zur besten Sendezeit im Schein der Bengalos einen „Brennpunkt“.

          Bevor man den deutschen Fußball in Gänze in Flammen aufgehen lässt, sollte man allerdings ein paar Dinge unterscheiden. In Düsseldorf herrschte Chaos, aber es waren nicht nur Chaoten, die den Platz vor dem Schlusspfiff stürmten, sondern vor allem Fußballfans von nebenan, die in ihrer Freude über den Aufstieg die Grenzen hinter sich ließen und ein Fußballspiel an den Rand des Abbruchs führten. In Karlsruhe hingegen herrschte pure Gewalt, und der Hagel von Bengalos während der Aufstiegspartie von Düsseldorf und Hertha ist nochmals ein Problem für sich.

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          Dass Familienväter mit ihren Kindern den Platz stürmen, die Emotionen keine Grenzen kennen und mittlerweile Fußballspieler aus der zweiten Liga für wert befunden werden, sich in das Goldene Buch einer deutschen Landeshauptstadt einzutragen, entspringt der übersteigerten gesellschaftlichen Bedeutung, die der Fußball hierzulande gewonnen hat. Die ökonomischen und politischen Vorteile, die daraus entstehen, kassieren Profiklubs und Verbände nur zu gerne.

          Für die Schattenseiten erklären sie sich jedoch als kaum zuständig und verweisen auf die Gesellschaft. Auch daran muss sich etwas ändern. Wenn die Profiklubs nur halb so viel Aufmerksamkeit und Personal für ihre Fanarbeit investiert hätten wie etwa ins Marketing, würden sie ihre Klientel besser kennen, verstehen und mit ihr kooperieren können.

          Das DFB-Sportgericht müsste gegen den DFB ermitteln

          Man darf vermuten, dass nun konsequenter gegen Randalierer und Zündler vorgegangen wird. Aber gewiss ist auch, dass sich deutsche Fußballstadien nicht in Hochsicherheitstrakte verwandeln dürfen. Auf Dauer hilft nur die Einsicht des Publikums weiter. Verstärkte Kontrollen, so nötig sie auch sein mögen, stoßen immer an Grenzen.

          Zuletzt hat das selbst der DFB, der stets die Vereine für das Abfackeln von Pyrotechnik in Haftung nimmt, im eigenen Haus erkennen müssen. Auch beim DFB-Pokalfinale zwischen Dortmund und Bayern brannten Bengalos lichterloh - nun müsste das Sportgericht des DFB gegen den DFB als Veranstalter ermitteln.

          Die Frage nach dem richtigen Urteil beantwortet sich von selbst

          Dem Urteil über den Einspruch der Hertha gegen die Spielwertung in Düsseldorf kommt Signalwirkung zu. Wenn die Berliner, wie sie behaupten, in der bedrohlichen Atmosphäre nur weiterspielten, weil die Polizei sie aus Sicherheitsgründen dazu aufforderte, um Gefahren für Leib und Leben der Zuschauer im Stadion abzuwenden, dann darf das Spiel nicht gewertet werden. Ein Fußballspiel muss aus sportlichen, nicht aus sicherheitsrelevanten Gründen gespielt werden.

          Wie Schiedsrichter Stark die Partie zu Ende gebracht hat, war eine Meisterleistung, aber das besagt nicht, ob die Bedingungen nicht irregulär waren. Und selbst wenn die Hertha-Spieler freiwillig wieder aus der Kabine kamen, muss sich der Deutsche Fußball-Bund fragen, ob er ein Fußballspiel unter solchen Umständen tatsächlich akzeptieren und werten kann. Die Frage beantwortet sich eigentlich von selbst: Das Spiel muss wiederholt werden.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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