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Bundesliga-Kommentar : Entgegen jeder Logik

  • -Aktualisiert am

Jubelnde Hamburger Spieler - das hat man lange nicht gesehen Bild: AFP

Wer hätte vorhergesagt, dass der HSV Dortmund mit 3:0 besiegt und Hakan Calhanoglu aus 41 Metern trifft? Logik ist im Fußball das falsche Wort, man kann sich manchen Phänomenen nur annähern.

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          Der HSV gewinnt gegen Borussia Dortmund 3:0, und Hakan Calhanoglu erzielt dabei ein Freistoßtor aus 41 Meter Entfernung. Aus diesen beiden Tatsachen erklärt sich die ganze Beliebtheit des Fußballs. „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Der frühere Bundestrainer Sepp Herberger hatte recht, aber er formulierte viel zu emotionslos. Sein Lehrsatz erfasst nicht im mindesten den wahren Reiz dieses Spiels, die Leiden, die Leidenschaft und das Glück, das in den neunzig Spielminuten stecken kann.

          Der HSV gewinnt gegen Dortmund 3:0, und Calhanoglu schießt ein Freistoßtor aus 41 Metern - wer das vor dem Anpfiff vorhergesagt hätte, wäre für verrückt erklärt worden. Und nachdem das Verrückte geschehen ist, setzen die Versuche ein, logische Erklärungen dafür zu finden. Dabei ist Logik im Fußball das falsche Wort, man kann sich manchen Phänomenen nur annähern.

          Beginnen wir mit dem Freistoßtor des 19 Jahre alten gebürtigen Mannheimers. Natürlich hat Calhanoglu eine herausragende Begabung für den strammen Schuss, natürlich veredelt er das Talent durch die fast schon manische Bereitschaft, seine Fertigkeit durch ständiges Üben zu verfeiern.

          Natürlich sind die modernen Bälle so verschweißt, dass sie Effet besser annehmen und manchmal in verblüffenden Flugbahnen auf die Torhüter zukommen. Aber dennoch müsste ein Profi-Torwart in der Lage sein, einen Schuss aus 41 Meter Entfernung abzuwehren. Zumal Roman Weidenfeller freien Blick auf Ball und Schützen hatte. Die Dortmunder verzichteten darauf, eine Mauer zu stellen, weil die Distanz zu weit war.

          Calhanoglu wollte genau so schießen

          Weidenfeller mochte dann das Gegentor auch nicht kommentieren. Alles was er gesagt hätte, wär ihm als billige Ausrede ausgelegt worden. Calhanoglu verblüffte mit der Aussage, dass er den Freistoß genau so hätte schießen wollen. Sieht man sich die Flugbahn des Balles häufiger in der Wiederholung an, klingt das unglaublich.

          Denn wie der Ball zunächst mit einem minimalen Rechtsdrall ziemlich gerade auf den Torwart zufliegt und dann plötzlich in einer Linkskurve (vom Schützen aus) abdreht, das wirkt unberechenbar. Dass Calhanoglu mit Absicht dem Ball Effet verlieh, ohne dabei dem Schuss Wucht zu nehmen, wird deutlich, wenn man sich seine Fußhaltung genau ansieht. Aber dass der Ball dann so genau im linken Eck einschlagen würde, konnte er unmöglich vorhersehen.

          Slomka tat genau das Richtige

          Genau das Gleiche lässt sich über Trainer Slomkas Hamburger Umbaumaßnahmen sagen. Dass sich Jiracek und Rajkovic zerreißen würden, nachdem sie monatelang ein Reservistendasein gefristet hatten, davon durfte ausgegangen werden. Dass sie aber gleich zu tragenden Figuren des Erfolges würden, nicht. Slomka tat genau das Richtige, gegen den BVB mit acht Feldspielern zu beginnen, die eher defensiv als offensiv denken. So stabilisierte er die ganze Mannschaft.

          Er entband sie von der Aufgabe, etwas zu kreieren, sondern verpflichtete sie erst einmal nur, auf die Angriffe des Gegners zu reagieren. Verunsicherte Profis stützt man durch simple Vorgaben. Und dennoch - trotz aller Hamburger Vorsichtsmaßnahmen hätte Dortmund in Führung gehen können. Ob der HSV dann noch mal zurückgekommen wäre?

          Im Fußball können durch Maßnahmen nur Wahrscheinlichkeiten vergrößert oder verkleinert werden. Vollends zu erklären ist der Wahnsinn, wenn er denn eintritt, nicht.

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