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Bundesliga in der Hauptstadt : Aufwärts mit der ollen Hertha

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Antreiber und Motivator: der erfahrene Bruno Labbadia soll es bei der Hertha richten Bild: Reuters

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Trainer Labbadia soll den Verein mit den Millionen von Investor Windhorst zum „Big-City-Klub“ formen. Dabei steht ihm ein zwar teures, aber nicht gut austariertes Team zur Verfügung.

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          Bruno Labbadia ist mit acht Geschwistern aufgewachsen, er weiß, wie es ist, Kompromisse eingehen zu müssen. Das ist insofern hilfreich, als diese Charaktereigenschaft eine Grundvoraussetzung ist, um als Trainer von Hertha BSC zu bestehen. Gemäß der Berliner Mundart „Wer dit eene will, muss dit andre mögen“ bekleidet der gebürtige Hesse Labbadia in der Hauptstadt einen der aufregendsten und aufreibendsten Jobs, die es derzeit für Bundesliga-Trainer gibt.

          Bundesliga

          Er soll den ewigen Mittelklasseklub Hertha BSC in die Spitzengruppe führen. Oder besser: er muss. An diesem Freitagabend geht es im zweiten Saisonspiel gegen Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN), und die Erwartungen rund um den Verein sind mal wieder höher als der Berliner Fernsehturm, was vor allem mit dem Investor Lars Windhorst zusammenhängt.

          Windhorst hat eine klare Vorstellung, was die Zukunft angeht. Er will die olle Hertha zum „Big-City-Klub“ machen, nach dem Vorbild anderer Hauptstadtklubs aus London oder Madrid. Nicht weniger als die deutsche Meisterschaft und regelmäßige Champions-League-Teilnahmen sollen es sein. „Wenn alle Beteiligten mitspielen und nicht zu große Fehler gemacht werden, dann gibt es theoretisch keinen Grund, warum Hertha nicht auch einmal deutscher Meister werden sollte und in der Champions League oben mitspielt“, sagte Windhorst vor einiger Zeit der „Bild“-Zeitung.

          Worte, die kein Trainer gern hört, dessen Mannschaft die abgelaufene Saison auf Platz zehn beendet hat. Aber so ist das bei der Hertha, Anspruch und Wirklichkeit, Zukunft und Gegenwart sind nicht immer ein dufte Pärchen. Die Atmosphäre ist etwas fordernder geworden, intern hat Windhorst den Druck längst erhöht. Manager Michael Preetz und die sportliche Leitung nimmt er mittlerweile nicht mehr nur zwischen den Zeilen in die Pflicht. Eine Saison wie die vergangene, als sich Hertha lange in Abstiegsgefahr befand, duldet er nicht noch einmal.

          Dass er immer wieder öffentlich groß denkt, gefällt nicht allen im Klub, aber der Investor erwartet Gegenleistungen. Dabei kümmert es ihn wenig, dass er die tägliche Arbeit der Protagonisten wie Preetz und Labbadia dadurch erschwert. In den vergangenen 15 Monaten hat Windhorst eine Menge Geld in den Verein gepumpt und wird nicht müde, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen. Bis Ende des kommenden Monats sollen sich seine Zuwendungen auf 374 Millionen Euro belaufen, dann werden ihm zwei Drittel von Herthas Profiabteilung gehören. Deren Professionalisierung wird energisch vorangetrieben. Der ehemalige Chef des Bezahlsenders Sky, Carsten Schmidt, wurde jüngst als Leiter der Geschäftsführung vorgestellt, die neben ihm noch aus Michael Preetz und dem Finanzchef Ingo Schiller besteht. Windhorst will Erfolg, lieber heute als morgen.

          Einer der vielen teuren Stürmer: Jhon Cordoba
          Einer der vielen teuren Stürmer: Jhon Cordoba : Bild: dpa

          Seine Millionen haben Herthas Geschäftsgebaren innerhalb kürzester Zeit verändert. Setzten die Berliner in der Vor-Windhorst-Ära auf junge, entwicklungsfähige Spieler, die vor allem wenig oder gar keine Ablöse kosteten, sind es inzwischen teure Zugänge von internationaler Klasse, die den Weg in die Hauptstadt finden. Allein im Kalenderjahr 2020 wurden sieben neue Spieler für die stattliche Summe von rund 94 Millionen Euro geholt.

          Mehr gab in diesem Zeitraum kein anderer deutscher Verein aus, auch nicht Borussia Dortmund oder der FC Bayern. Preetz betonte vor dem Spiel gegen die Eintracht, dass Herthas Transferaktivitäten längst noch nicht abgeschlossen sind. „Wir sind nach wie vor eng am Markt, haben Ideen, müssen aber schauen, wie wir was umsetzen können“, sagte der Manager. Bis zum 5. Oktober hat er dafür noch Zeit, dann endet die Transferperiode.

          Vier Angreifer für gut 80 Millionen Euro

          Zuletzt kam vom 1. FC Köln Stürmer Jhon Córdoba, dessen Ablöse sich auf 15 Millionen Euro beläuft. Der Kolumbianer traf gleich bei seinem Debüt in Bremen (4:1) als Joker, ob er gegen Frankfurt von Beginn an spielen darf, ist trotzdem nicht sicher. Das liegt nicht nur daran, dass Córdoba unter der Woche beim Training einen Schlag an den Kopf bekam, sondern weil sich Herthas Einkaufswut vor allem in vorderster Front entlud. In Person von Dodi Lukebakio, Matheus Cunha, Krzysztof Piatek und eben Córdoba verpflichtete Manager Preetz im Zeitraum von etwas mehr als einem Jahr vier Angreifer, die zusammen knapp über 80 Millionen Euro kosteten. Dass alle vier dauerhaft gemeinsam auf dem Feld stehen, ist eher unwahrscheinlich. Vier Stürmer, selbst von dieser Qualität, dürfte die Berliner Statik kaum tragen.

          Während im Angriff überdurchschnittlich viel Klasse vorhanden ist, fehlt es auf anderen Positionen. Die rechte Seite wird derzeit von Peter Pekarik bearbeitet, einem zuverlässigem Dienstleister, aber der Slowake wird in wenigen Tagen 34 Jahre alt. Zugang Deyovaisio Zeefuik befindet sich nach seinem Wechsel aus den Niederlanden noch in der Eingewöhnungsphase. Auch auf der linken Außenbahn fehlt es an Alternativen, sollte Marvin Plattenhardt ausfallen. So ist Hertha im Herbst 2020 eine teure, aber nicht sonderlich gut austarierte Mannschaft, von der nicht weniger als die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb erwartet wird. In Konkurrenzkreisen wird Hertha schon jetzt als möglicher Kandidat für die vorderen Plätze gehandelt. Keine glückliche Situation für Labbadia, der lieber auf die Erfolge der Frankfurter verweist: „Wir sind erst im Aufbau und haben den Weg noch vor uns, den die Eintracht schon gegangen ist.“

          Labbadia hatte Hertha erst während der Corona-Pause im April übernommen – als vierter Trainer der laufenden Spielzeit. Ihm gelang es, die verunsicherte Mannschaft zu stabilisieren und ihr die vom Management lange gewünschte offensive Ausrichtung zu verpassen. Aber die Vorbereitung zur neuen Saison verlief steinig, es gab diverse Testspielniederlagen und das Aus im DFB-Pokal beim Zweitligaklub Eintracht Braunschweig. Der Sieg in Bremen kam für Labbadia zur rechten Zeit. Geduld ist in Berlin keine besonders ausgeprägte Charaktereigenschaft.

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