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Bundesliga nach Quarantäne : Hertha BSC sitzt mit Bleiweste im Startblock

  • -Aktualisiert am

Berliner Hochrechnung: Trainer Pal Dardai peilt vier Punkte in den nächsten drei Spielen an. Bild: AFP

Nach zwei Wochen Corona-Quarantäne soll für Hertha BSC die Aufholjagd im Bundesliga-Abstiegskampf beginnen. Es geht nicht weniger als um das sportlicher Überleben des Berliner Klubs.

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          Wie es um die Mannschaft von Hertha BSC bestellt ist, lässt sich recht zuverlässig am Gemütszustand von Pal Dardai ablesen. Am Sonntag zeigte sich der Trainer von Hertha BSC bestens gelaunt und voller Tatendrang. Der wird auch vonnöten sein. Hertha sieht, das lässt sich ohne Übertreibung so sagen, der größten Herausforderung der jüngeren Vereinsgeschichte entgegen. Sechs Spiele stehen in den kommenden zwanzig Tagen an, bei denen es um nicht weniger als das sportliche Überleben geht.

          Bundesliga

          Hertha ist Vorletzter, mit vier Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz. Allerdings haben die Berliner auch drei Spiele weniger ausgetragen als die Konkurrenz. Auftakt der erhofften Aufholjagd ist an diesem Montag in Mainz (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky), weiter geht es mit Spielen gegen Freiburg (Donnerstag) und Bielefeld (Sonntag). „Wenn wir aus den drei Spielen vier Punkte holen, liegen wir im Soll“, sagt Dardai.

          In Schräglage war der Spielplan geraten, als das zuständige Gesundheitsamt die Mannschaft Mitte April in eine vierzehntägige Quarantäne geschickt hatte. Grund dafür waren mehrere Corona-Fälle beim Bundesligaklub. Alle Betroffenen seien inzwischen zwar wieder genesen, aber noch nicht einsatzbereit. Marvin Plattenhardt, Dodi Lukebakio und der in Folge der Infektion schwer erkrankte Torwart Rune Jarstein stehen mindestens in Mainz noch nicht zur Verfügung. Neue Infektionen gebe es aber nicht, teilte Dardai mit, der sich selbst auch infiziert hatte.

          Hertha und das Handicap

          Am Freitag durfte die Mannschaft erstmals wieder zusammen auf dem Platz trainieren, empfangen wurde sie von einigen Fans, die aufmunternde Plakate und Spruchbänder mitgebracht hatten, um die Fußballprofis auf diese entscheidende Zeit einzustimmen. Das ist ja das Kuriose: Hertha trifft in den ausstehenden Spielen hauptsächlich auf Gegner aus der eigenen Tabellenregion. Nach besagtem Auftakt geht es weiter gegen Schalke, Köln und Hoffenheim. Von allen sieben Gegnern ist Freiburg der einzige, der auf einem einstelligen Tabellenplatz steht.

          Hertha hat das eigene Schicksal also selbst in der Hand. Wenn auch mit Handicap. Das ist so etwas wie die passende Pointe unter einer missratenen Saison. Die Berliner dürfen beim Wettrennen um den Klassenverbleib zwar mitmachen, müssen aber als Letzter aus dem Startblock und tragen dabei noch eine Bleiweste. Dardai hatte schon bei seiner Rückkehr im Januar geahnt, dass es am Ende knapp werden könnte, auch für ihn. Berichtet wurde, dass sich sein Vertrag nur verlängert, wenn er aus 16 Spielen 24 Punkte holt.

          Davon ist er momentan weit entfernt. Neun Punkte sind es erst für Dardai. Der Klub dementierte am Sonntag abermals das Bestehen dieser Klausel. Wahrscheinlicher ist, dass man hinter den Kulissen Dardais Weiterbeschäftigung nicht mehr nur an Zahlen festmachen will, sondern sich im Falle der Rettung auf eine weitere Zusammenarbeit einigt. Präsident Werner Gegenbauer hatte sich unter der Woche für den Verbleib des Trainers ausgesprochen.

          Alle Planspiele stehen und fallen aber mit dem Klassenverbleib. Das dafür zu bewältigende Pensum liegt weit über dem Normalen, aus sportmedizinischer Sicht befindet sich Hertha klar im Nachteil. Während die anderen Teams im Regelbetrieb antreten können, müssen die Berliner gleich im Dauersprint ohne große Erholung loslegen. „Die Frage ist ja, was passiert bei den Schüssen? Was passiert bei den Dreißig-Meter-Sprints?“, sagt Dardai.

          „Die Spieler haben gepumpt“

          Herthas Trainer spielt auf mögliche Muskelverletzungen nach der Zwangspause an. Während der Quarantäne konnten die Spieler nur individuell trainieren, daheim mit Geräten. Das half, um nicht völlig die Kondition zu verlieren, konnte aber ein fußballspezifisches Training nicht ersetzen. „Ich habe schon gespürt, dass die Spieler gepumpt haben“, sagte Dardai nach der ersten Einheit unter freiem Himmel.

          Wie sich die spielfreie Zeit tatsächlich auswirkt, lässt sich schwer beantworten. In der Bundesliga gibt es in dieser Saison keine Vergleichswerte, Hertha war die erste Mannschaft, die geschlossen in Quarantäne musste. In der zweiten Liga waren Kiel, Sandhausen und Karlsruhe betroffen, alle Mannschaften sind gerade dabei, die verpassten Spiele aufzuholen. So fürchtet die Deutsche Fußball Liga (DFL) einen verzerrten Spielplan und einen daraus resultierend nicht mehr gleichen Wettbewerb.

          Als Reaktion auf die Vorkommnisse bei Hertha BSC schickt die DFL alle 36 Profiklubs vor den letzten beiden Spieltagen in Quarantäne, der reguläre Abschluss der Saison soll durch nichts gefährdet werden. Die Erinnerungen aus der vergangenen Spielzeit sind noch zu gegenwärtig. Dynamo Dresden musste vor einem Jahr neun Spiele in 27 Tagen bestreiten, dem Tabellenletzten fehlte durch dieses Programm nicht nur die Qualität, sondern auch die Kraft für eine mögliche Aufholjagd. Entgegen ersten Überlegungen verzichtete der Klub letztlich aber auf eine Klage.

          An juristische Mittel möchte man bei Hertha BSC noch nicht denken, aber im Falle eines sportlichen Abstieges könnten sie ein Thema werden. Der Gang in die zweite Liga würde die Berliner schwer treffen. In den vergangenen Monaten hatte Investor Lars Windhorst viel Geld zur Verfügung gestellt, Hertha wollte um eine Platzierung für den Europapokal mitspielen.

          Dufner kommt als Kaderplaner

          Das ging schief, aber von einer langfristig positiven Entwicklung sind sie immer noch überzeugt. Zur kommenden Saison wechselt Fredi Bobic als neuer Sportvorstand von Frankfurt nach Berlin, Dirk Dufner kommt zur Unterstützung als Kaderplaner. Dufner hatte viele Jahre erfolgreich beim SC Freiburg und danach weniger erfolgreich bei Hannover 96 gearbeitet. Wie so oft in Berlin ist die Zukunft mehr als nur eine Vision am Horizont. Alles ist bestens durchgeplant. Wenn doch nur die vermaledeite Gegenwart nicht wäre.

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