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Gladbachs Sportdirektor Eberl : „Uli Hoeneß ist mein Vorbild“

  • -Aktualisiert am

„Die Chance auf etwas Großartiges nutzen“: Max Eberl, Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach. Bild: dpa

Borussia Mönchengladbach ist die Mannschaft der Rückrunde in der Fußball-Bundesliga. Sportdirektor Max Eberl spricht im F.A.Z.-Interview über Millionentransfers, das Pokal-Aus gegen Bielefeld und sein Vorbild.

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          Lässt Erfolg sich im Fußballgeschäft planen?

          Um es plakativ zu sagen: Im Fußball sind ungefähr achtzig Prozent dessen, was zum Erfolg führt, planbar. Was den Trainer betrifft, den Kader, die Vorbereitung, da kann man vieles gut vorbereiten. Aber ob der Ball reingeht oder vom Pfosten wieder ins Feld springt, ob Verletzungsmiseren und Krisen den Klub schütteln, das sind Einflüsse, die schwer zu planen sind, das sind die anderen zwanzig Prozent in der Rechnung. Man braucht auch das Glück, dass diese zwanzig Prozent nicht so zum Tragen kommen. Bei den achtzig Prozent, die planbar sind, muss man als Verein versuchen, nah an hundert Prozent zu kommen.

          Bei der Pokal-Niederlage Ihrer Mannschaft gegen den Drittligaklub Arminia Bielefeld haben „die anderen zwanzig Prozent“ den Ausschlag gegeben. Warum kommt so etwas im Fußball immer wieder vor?

          Weil die Kräfteverhältnisse nicht so sind, dass ein Drittligist gegen einen Bundesligisten total chancenlos ist. Weil es äußere Umstände geben kann, die einen Spielverlauf beeinflussen. Und weil im Fußball nicht immer die Mannschaft gewinnt, die mehr Spielanteile und vielleicht die besseren Chancen hat. Bielefeld hat es einfach zu unserem Leidwesen sehr gut gemacht gegen uns.

          Kann so ein Misserfolg einen Bundesliga-Dritten wie Gladbach noch vom Kurs auf die Champions League abbringen?

          Kurzfristig ist es sicher nicht so einfach, innerhalb von zwei Tagen bis zum Spiel gegen Dortmund die Enttäuschung über das Pokal-Aus und die körperliche Belastung von 120 Minuten loszuwerden. Es muss aber. Wir wollen alles versuchen, um an den letzten sieben Spieltagen die Chance auf etwas Großartiges, die sich uns jetzt bietet, zu nutzen.

          In der Schule hatten Sie Latein als Leistungsfach im Abitur. Es heißt, diese Sprache fördere in besonderem Maße das logische Denken. Hilft Ihnen das als Sportdirektor, oder kommt es in Ihrem Job mehr auf das Bauchgefühl an?

          Ich bin fest davon überzeugt, dass Logik, Klarheit, Ordnung, Philosophie auf jeden Fall eine wichtige Rolle spielen. Beim Aufbau einer Mannschaft muss man einer gewissen Logik folgen, damit alles zusammenpasst. Man muss Schritt für Schritt vorgehen und Geduld aufbringen, damit die Mannschaft wachsen kann. Von heute auf morgen alle möglichen Spieler für viel Geld zusammenzukaufen und ihnen dann zu sagen: So jetzt funktioniert mal schön, das wäre unlogisch – fast so, als würde man fünfzig Millionen Euro nehmen, alles auf Rot oder auf Schwarz setzen und hoffen, dass die richtige Farbe kommt. Aber es ist auch notwendig, dass der Bauch manchmal den letzten Ruck gibt, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Nur mit Logik ist es schwer, zu Entscheidungen zu kommen. Dafür müsste man alles wissen und erkennen, das ist im Fußball so gut wie unmöglich. Die Logik ist das Fundament, ein Gerüst, an dem man sich festhalten kann, damit man auch in kritischen Situationen nicht den Kopf verliert. Aber das Bauchgefühl ist auch wichtig.

          Ihrem Bauchgefühl hat es lange Zeit entsprochen, Ziele in Form von Tabellenplätzen defensiv zu formulieren. Inzwischen sagen Sie offen: Wir wollen Dritter werden und die Champions League erreichen. Warum?

          Wir spielen eine sehr gute Saison. Das ist kein One-Hit-Wonder. Die Mannschaft hat sich über mehrere Jahre hinweg konstant entwickelt und spielt momentan auf sehr gutem Niveau. Normalerweise müssen Bayern, Wolfsburg, Dortmund, Leverkusen und Schalke vor uns sein, dann sind wir mit der gleichen Leistung, die wir in der Liga gerade zeigen, Sechster. Das wäre immer noch ein herausragendes Ergebnis. Aber da eben nicht alles überall normal läuft, scheint der dritte oder vierte Platz für uns in dieser Saison erreichbar zu sein.

          Die Borussia trifft auf die andere Borussia: Jürgen Klopp (links) und Lucien Favre (rechts)
          Die Borussia trifft auf die andere Borussia: Jürgen Klopp (links) und Lucien Favre (rechts) : Bild: Imago

          Halten Sie Gladbach strukturell für stark genug, mit den genannten Klubs über einen längeren Zeitraum hinweg zu konkurrieren?

          In den letzten vier Jahren haben wir uns als Verein gut entwickelt und eine Stabilität erreicht, die wir vorher nicht hatten. Aber es ist kein Automatismus, dass wir mit den genannten Mannschaften um die Spitzenplätze konkurrieren. Bayern wird immer der Gejagte sein, das ist fast schon naturgegeben. Wolfsburg ist der potenteste und aussichtsreichste Jäger für die nächsten Jahre. Was die Wolfsburger machen und wie sie es momentan machen, finde ich sehr klar und sehr strukturiert. Auch Leverkusen, Schalke und Dortmund gehören zu den Jägern, in diese Gruppe werden wir von der Öffentlichkeit derzeit oft reingedrückt. Wir wollen uns nicht kleiner machen, als wir sind, aber wir sind von dieser Gruppe noch weit entfernt, auch wenn wir gerade einiges dafür tun, näher heranzurücken. Man sollte nicht vergessen, dass wir zwanzig Jahre in der Versenkung verschwunden waren, sprich: Abstieg in die zweite Liga, Rückkehr in die erste Liga, dann wieder Abstiegskampf und so weiter. Das ist auch ein Teil der Wahrheit in unserer Entwicklung. Und es gibt auch noch andere Mannschaften, die sich entwickeln und oben angreifen wollen, nicht nur uns.

          Sportlich ist Gladbach als derzeit dritte Kraft in der Bundesliga gut vorangekommen. Wie wollen Sie diese Position verteidigen? Mit viel Geld?

          Wir werden nicht wie andere Vereine ständig zweistellige Millionentransfers machen können, um den Kader breiter aufzustellen. Wir wollen einen Mix von Spielern aus drei Kategorien: fertige Profis, junge entwicklungsfähige Spieler mit Perspektive und Talente, mit denen wir an die Tradition der „Fohlenelf“ anknüpfen. Das ist die Idee, an der wir uns orientieren.

          Was für eine Art Spieler brauchen Sie dafür?

          Ein Spieler passt besonders gut zu uns, wenn er bereit ist, eine Entwicklung zu durchlaufen, wenn er sich mit uns hocharbeiten will. Wir sind bereit, auch relativ viel Geld in junge Spieler zu investieren, wenn sie schon gezeigt haben, was in ihnen steckt, – wie etwa Granit Xhaka oder Alvaro Dominguez. Aber wir brauchen auch erfahrene Führungsspieler wie die Stranzls und Raffaels dieser Welt, an denen junge Profis sich orientieren können.

          Manche haben sich so gut entwickelt, dass sie für Gladbach nicht mehr zu halten waren. Reus etwa, Dante oder ter Stegen spielen längst für größere Klubs, demnächst geht auch Christoph Kramer weg.

          Wenn du einen Weltklassespieler verlierst, dann musst du versuchen, ihn mit den finanziellen Möglichkeiten, die daraus resultieren, zu ersetzen. Das ist selten eins zu eins möglich, weil ein Spieler, der so gut ist wie der, den wir abgeben, nicht zu uns geht, sondern zu einem Weltklub. Transfers sind aber auch Bestandteil unserer Entwicklung, sie bilden eine Einnahmequelle, die wir im sportlichen Bereich haben. Wenn wir einen unserer besten Spieler verkaufen, habe ich ein weinendes Auge, manchmal auch anderthalb weinende Augen, aber es gibt auch einen lachenden Teil, weil wir eine Ablöse bekommen, die wir in Spieler mit guter Perspektive investieren können. Christoph Kramer allerdings haben wir nur von Leverkusen ausgeliehen. Spätestens nach dem Gewinn des WM-Titels wussten wir, dass sein Verbleib in Gladbach über den Sommer 2015 hinaus sehr unwahrscheinlich sein würde, andererseits ist er ein Spieler, der uns zwei Jahre lang sehr geholfen hat, die Entwicklung der Mannschaft voranzutreiben.

          Max Eberl: „Lucien ist dabei, eine Ära zu prägen, und ich hoffe, dass er uns noch lange erhalten bleibt“
          Max Eberl: „Lucien ist dabei, eine Ära zu prägen, und ich hoffe, dass er uns noch lange erhalten bleibt“ : Bild: dpa

          Sie sprechen viel von der Entwicklung, die Mannschaft und Verein in den vergangenen Jahren genommen haben. Welchen Anteil hat Trainer Lucien Favre daran?

          Einen sehr großen! Er steht für Kontinuität, Nachhaltigkeit und Akribie. Lucien Favre passt perfekt zu Borussia Mönchengladbach, aber Borussia Mönchengladbach passt auch perfekt zu Lucien Favre. Diese Beziehung ist für beide Seiten von Vorteil. Hier so zu arbeiten, wie er das tut: die richtigen Spieler gemeinsam mit uns zu finden, Talente nach vorn zu bringen, eine Mannschaft Schritt für Schritt weiterzuentwickeln, als Verein erfolgreich sein.

          Der Trainer steht in dem Ruf, mitunter eigensinnig zu sein. Kann er aufgrund des Erfolges machen, was er will?

          Wir haben gemeinsam gute Entscheidungen gefällt, das sieht man ja am Kader. Diese Entscheidungen trifft nicht eine Person allein, wir treffen sie als Team. Kaderplanung ist wie ein großes Puzzle. Im Laufe der Zeit haben wir gemeinsam gelernt, die Teile so zusammenzusetzen, dass alles passt.

          Manchmal wird Favre in seiner Bedeutung für den Klub mit Hennes Weisweiler verglichen, der die Borussia durch ihr goldenes Zeitalter geführt hat. Ist es einem Trainer vier Jahrzehnte später überhaupt möglich, so lange bei einem Bundesligaverein zu arbeiten wie Weisweiler, der elf Jahre blieb?

          Lucien ist dabei, eine Ära zu prägen, und ich hoffe, dass er uns noch lange erhalten bleibt. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Trainer so lange in einem Klub bleiben wie Weisweiler bei uns oder später Rehhagel und Schaaf in Bremen. Der dienstälteste Bundesligatrainer ist derzeit Jürgen Klopp, er arbeitet im siebten Jahr für Dortmund, dann kommt schon Lucien Favre, der seit gut vier Jahren bei uns ist. Solche Beispiele gibt es zum Glück, aber die Regel ist eine andere. Das Geschäft ist so schnelllebig, so öffentlichkeitswirksam geworden, dass es zwangsläufig nach einer gewissen Zeit zu Abnutzungserscheinungen kommt. Deshalb glaube ich, dass eine Verweildauer von acht, zehn oder mehr Jahren in Zukunft die große Ausnahme sein wird.

          Ausbildung ist Max Eberl sehr wichtig: Er selbst studierte Sport- und Touristikmanagement
          Ausbildung ist Max Eberl sehr wichtig: Er selbst studierte Sport- und Touristikmanagement : Bild: Picture-Alliance

          Reicht es für einen Sportdirektor, selbst gespielt zu haben? Oder braucht ein Bundesligamanager eine solide, auch theoretische Ausbildung?

          Wir reden ja oft darüber, dass Manager keine Ausbildung haben. Ausbildung finde ich sehr wichtig. Ich habe Sport- und Touristikmanagement studiert und das Diplom zum Sportfachwirt erworben. Das war kein tiefgreifendes Studium, hat aber Grundkenntnisse in diesem wirtschaftlichen Segment vermittelt. Gutgetan haben mir vor allem die vier Jahre als Nachwuchskoordinator in Gladbach. Dort konnte ich lernen, arbeiten, Fehler machen, einen Weg finden. Die Zahlen und die öffentliche Wirkung sind jetzt natürlich deutlich größer als in der Jugendabteilung, aber die Arbeit, die Themen wie etwa das Auswählen von Trainern und Spielern, auch das Einhalten eines Budgets ähneln sich. Als ich zu den Profis kam, wusste ich also, was auf mich zukommt. Und ich wusste auch, dass man heute durchaus einen Achtzehnjährigen in die Bundesliga werfen kann, weil die Ausbildung der jungen Spieler so gut ist. Die Erfahrungen aus der Nachwuchsabteilung waren ein guter Grundstein für meine Arbeit als Sportdirektor.

          Haben Sie neben Ihrer Vorbildung auch ein Vorbild?

          Jeder Mensch hat Vorbilder. Bei mir ist es Uli Hoeneß, eine sehr große Persönlichkeit. Ich habe als Jugendspieler des FC Bayern hautnah verfolgen dürfen, wie sich das alles dort entwickelt hat. Wahrscheinlich ist Bayern München der stabilste Klub der Welt mit der stärksten Basis für die nächsten Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. Das ist das Lebenswerk von Uli Hoeneß. Beeindruckt hat mich aber auch die herzliche, offene Art, mit der er mir später begegnet ist, obwohl ich kein Bayern-Profi geworden bin, sondern nur ganz normal in der Bundesliga gespielt habe.

          Wird die Dominanz der Bayern irgendwann langweilig?

          Jede Mannschaft hat auch mal Wellentäler. Darin liegt die Chance der Jäger, von denen wir schon gesprochen haben. Bei Dortmund war es in dieser Saison extrem zu sehen, so etwas wird Bayern, glaube ich, nicht mehr passieren. Aber dass die Bayern mal auf Platz zwei oder drei landen, die Möglichkeit besteht schon. Sie müssen demnächst auch einen Umbruch machen. Wie kompliziert das ist, hat man beim BVB ja gesehen. Dortmund wurden Topspieler weggekauft, beim FC Bayern gehen sie vielleicht aus Altersgründen. Die Münchner werden immer oben dabei sein, aber es wird auch wieder Mannschaften geben, die ihnen gefährlich werden können.

          Vor einigen Jahren forderte eine Oppositionsgruppe um den früheren Gladbacher Profi Stefan Effenberg vehement eine neue Sportliche Führung, nach dem Motto: Favre ist okay, aber Eberl muss weg. Wie empfinden Sie diese Zeit mit dem Wissen von heute?

          Favre war okay, Reus war okay, Dante war okay, ter Stegen war okay, die waren alle schon bei uns, als der Verein richtig durchgeschüttelt wurde. Wir haben an dem festgehalten, wovon wir überzeugt waren. In dieser Phase habe ich sehr viel Demut gelernt. Auch diese Zeit war wichtig für unsere Entwicklung. Wir haben dieses Durchschütteln gebraucht, es hat dazu geführt, dass alle gesagt haben: Die glorreichen Siebziger sind vorbei, wir müssen jetzt neu anfangen, ein neues Kapitel schreiben. Das heißt nicht, dass wir geplant hatten, so kräftig durchgeschüttelt zu werden. Wir hatten auch Glück, aber es war nicht nur Glück. Nur mit Glück kann man nicht so viele richtige Entscheidungen treffen.

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