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Geisterspiele im Fußball : Kein „Trash Talk“ in der Stille des Stadions

Ob mit oder ohne Mundschutz: Nicht mal ein derber Witz von Thomas Müller (links, mit Freiburgs Dominique Heintz) war zu vernehmen. Bild: Reuters

Die Ohren waren gespitzt, aber es war nicht einmal ein „Vollfriseur“ zu vernehmen: Die Bundesligaprofis haben ihre Zungen während der Geisterspiele gezügelt. Die Kunst der stilvollen Beleidigung droht zu verkümmern.

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          Unter den dramatischen Darstellungsformen in Seuchenzeiten ist das Hörspiel einer der Gewinner. Selbst der Fußball wurde zum Hörspiel. Fußball ohne Zuschauer, das hieß ja auch: ohne Lärm. Und klang verheißungsvoll: mal Mäuschen spielen. Dem, was von erhitzten Akteuren preisgegeben und sonst von der Kulisse verschluckt wird, einmal ungefiltert lauschen. Kernige Anweisungen, feinsinnige Schmähungen, derbe Scherze, man war auf alles gefasst und spitzte die Ohren. Und wurde enttäuscht.

          Wo zum Beispiel blieb der berühmte „Trash Talk“? Etwa die provokante Frage an den leicht entzündlichen Gegenspieler, was dessen Frau wohl gerade tue, da sie ja nicht auf der Tribüne sitzen dürfe? Oder die scheinfürsorgliche Erkundigung beim gerade genesenen Gegner, welcher noch mal sein schlimmer Fuß gewesen sei? Der linke, oder?

          Gezügelte Zungen

          Nichts davon. Alles abtrainiert. Die belauschten Fußballer, die ja selbst im vollen Stadion beim Plausch nach Schlusspfiff gern die Hand vor den Mund halten, um Lippenlesern keine Vorlage zu geben, zügeln im leeren Stadion schon während des Spiels ihre Zunge, Profis, die sie sind. So verkümmert die Kunst der stilvollen Beleidigung, die zum Fußball schon immer gehörte und die, von der fröhlichen Frotzelei bis zur druckausgleichenden Schimpfkanonade, nichts mit rassistischen Sprüchen oder anderem Ausdruck von tumbem Hass zu tun hat, sondern solch wunderbare Wortbildungen erzeugte wie den „Vollfriseur“.

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          Laut Peter Neururer wurde er einst auf Schalke erfunden „für einen, der im Training den dritten Beinschuss kassierte“. Steigerungsformen des Vollfriseurs, so der heutige Trainer-Rentner, sind Muscheltaucher, Hammerwerfer und, das Schlimmste: Eisverkäufer.

          Lärm ist zuträglich

          Ach ja, Eisverkäufer haben wir zuletzt auch vermisst im Stadion. Dass Fußball als Hörspiel zur leisen Enttäuschung wurde, hatte aber auch damit zu tun, dass nach stillem Beginn immer mehr geschrien wurde, und das ganz planmäßig vor allem auf den Bänken – mit dem Vorsatz, die Fans zu ersetzen und deren Einfluss beim Antreiben der eigenen Elf und Bedrängen des Schiedsrichters. Vor lauter Gebrüll bei jedem Einwurf, jedem Körperkontakt war oft nichts anderes mehr zu verstehen.

          Aber vielleicht ist Lärm der Konzentration lärmgewohnter Fußballer auch zuträglicher als Stille. Er verschluckt, was man besser nicht hört. Als der Augsburger Florian Niederlechner zum Elfmeter anlief, hörte er in der Stille einen Kölner Verteidiger dem Torwart zurufen: „Du weißt, wo er immer hinschießt.“ So entschied er sich spät für die andere Ecke. Der Torwart hielt. Niederlechners Kommentar: „Scheißgeisterspiele.“ Es blieb das einzige wirklich böse Schimpfwort, das wir gehört haben in sieben Fußballwochen. Also, natürlich: Geisterspiele.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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