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Fußball-Bundesliga : Das Geheimrezept des 1. FC Köln

  • -Aktualisiert am

Nur die Ruhe: Markus Gisdol begegnet dem notorisch unruhigen Standort Köln mit demonstrativer Gelassenheit. Bild: dpa

Fokussiert aufs Fachliche: Trainer Markus Gisdol macht in Köln einfach in Ruhe seinen Job. Für den Klub ist das untypisch, könnte aber der Schlüssel zum Klassenverbleib in der Bundesliga sein.

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          Für einen kurzen Moment verlor Markus Gisdol doch die Contenance, diesen gewaltigen Schwall großer Gefühle konnte selbst der nüchterne Schwabe nicht kontrollieren. Der Trainer des 1. FC Köln hatte gezittert und gebangt, während die Schalker mit aller Macht auf ihren zweiten Sieg drängten – und Gisdol wurde in der dritten Minute der Nachspielzeit mit dem Glück eines herausgekonterten Siegtreffers beschenkt.

          Da sprintete er also zum Torschützen Jan Thielmann, es war ein kurzer Moment purer Erleichterung, auch wenn er etwas später versicherte, dass mit diesem 2:1-Erfolg keine besondere Last von ihm gefallen sei. „Ich freue mich immer über Siege“, sagte er. „Es ist schön, dass wir heute hier gewonnen haben. Es geht aber nicht um mich, nicht um etwas persönliches.“

          Bundesliga

          In Köln war nach den ersten Spielen des neuen Jahres – einem 0:1 gegen Augsburg und einem 0:5 in Freiburg – wieder einmal über die Tauglichkeit dieses Fußball-Lehrers für diesen herausfordernden Kampf um den Klassenverbleib diskutiert worden. Auch das folgende 0:0 gegen Hertha BSC hatte die Kritiker nicht verstummen lassen. Aber Gisdol hat es sich zu eigen gemacht, all die emotionalen Ausschläge der rheinischen Fußballstadt maximal nüchtern hinzunehmen.

          Das wirkte ein wenig merkwürdig am Ende dieses wilden, aufreibenden und auf seltsame Art auch schönen Kampfspiels auf dem Acker in der Gelsenkirchener Fußball-Arena. Aber mittelfristig funktioniert diese Strategie erstaunlich gut: „Jedem war bewusst, wie wichtig dieses Spiel ist, umso stolzer sind wir, dass wir es gezogen haben“, sagte Rafael Czichos, der Schütze des 0:1 (31.). Sie haben sich nämlich nicht von der Bedeutung der Partie verängstigen lassen.

          Offensivspiel verbessert

          Der Trainer und seine Mannschaft haben das Kunststück vollbracht, die Kritik der vergangenen Wochen auszublenden und trotz der wenigen Trainingseinheiten das eigene Offensivspiel zu verbessern. „Wir haben uns viel Zeit genommen, über Laufwege zu sprechen, über Besetzungen im Sechzehner“, berichtete Gisdol, nachdem in der Woche zuvor nach dem Debakel von Freiburg erfolgreich am Defensivverhalten gearbeitet worden war. Prompt sind dem FC erstmals seit sieben Pflichtspielen wieder zwei Tore in einer Partie gelungen.

          Einen Anlass, die Gesamtsituation neu zu bewerten, sehen sie in diesem Erfolg aber nicht. „Da bitte ich wirklich um Vorsicht“, erwiderte Gisdol auf die Frage nach dem Vorsprung auf Mainz und Schalke, der nun auf acht Punkte angewachsen ist. „Wir haben erst die Vorrunde gespielt. Es ist nur ein kleines Zwischenergebnis, ich bin kein Freund davon, die Tabelle oder die Ergebnisse immer überzubewerten.“ Er versuche vielmehr, „der Mannschaft Stabilität und Ruhe zu geben und auch Sicherheit“.

          Bei dem angehenden Abiturienten Jan Thielmann scheint das besonders gut zu funktionieren. Der Angreifer wurde nach 88 Minuten eingewechselt und blieb verblüffend cool bei seinem Schuss zum 1:2. „Das war bislang mein wichtigstes Tor, das kann man so sagen“, sagte der Teenager später und freute sich, dass es ihm gelungen sei, „den Kopf komplett ausgeschaltet“ zu haben. Auch das ist womöglich ein Ergebnis der totalen Fokussierung aufs Fachliche.

          Eigentlich hatte Thielmann bei seinem Lauf zum Schalker Tor nämlich jede Menge Zeit zum Nachdenken, Gisdol berichtete später von seiner Sorge, dass dem jungen Spieler die Bedeutung des Momentes bewusstwerden könnte. Wer „so viel Zeit“ vor dem Tor habe, treffe „oft die falsche Entscheidung“, sagte der Trainer. Aber Thielmann dachte nicht an die vielen tausend Fans in der Stadt und auch nicht an die drei Punkte, um die er den Abstand zwischen dem FC und dem Revierklub in diesem Moment vergrößert hatte. Später wusste er nicht einmal mehr, in welche Ecke er geschossen hatte.

          Es gibt nicht viele positive Aspekte der pandemischen Beschränkungen, und wahrscheinlich hätte der FC, der seit dem Februar 2020 kein Bundesligaheimspiel mehr gewonnen hat, mit dem Publikum im Rücken deutlich mehr Punkte in Müngersdorf eingespielt. Aber die Gelassenheit, mit der die Kölner derzeit schwierige Phasen durchschreiten, um sich dann doch wieder zu stabilisieren, wäre kaum möglich unter der Wucht der Fanreaktionen.

          Nun ist es so, dass Sportvorstand Horst Heldt seinem Trainer den Rücken stärkt. Die Grenzen des Kaders, der einfach nicht gut genug ist, um in der oberen Tabellenhälfte mitzuspielen, sind gemeinhin bekannt – und der Trainer bewirkt keine Wunder, aber er macht seinen Job. Diese Art der Bodenständigkeit ist kein traditionelles Merkmal des 1. FC Köln, könnte aber der Schlüssel zum Klassenverbleib sein.

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