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Aufarbeitung bei der Eintracht : Die Systemfrage ist unerwünscht

Oliver Glasner wird nach Lösungen fahnden um das Spiel der Eintracht zu verbessern. Bild: Picture-Alliance

Glasner reagiert sarkastisch auf die Frage, wie die Eintracht ihre Probleme in den Griff bekommt. Die Mannschaft erspielt sich zu selten klare Chancen und zeigt sich gegen Berlin auch defensiv anfällig.

          3 Min.

          Der Berliner Trainer Pal Dardai nickte energisch. Und sein Grinsen nahm von Sekunde zu Sekunde zu. Der 45 Jahre alte Fußballlehrer amüsierte sich köstlich, als er auf dem Podium im Pressekonferenzraum der WM-Arena seinem Frankfurter Kollegen Oliver Glasner zuhörte. Der war am vergangenen Samstag in der deutlich schlechteren Position: Denn Glasner musste die schlimme 1:2-Heimniederlage gegen die Hertha – es war zu Hause der erste Eintracht-Misserfolg in dieser Bundesliga-Saison – erklären.

          Bundesliga
          Jörg Daniels
          Redakteur in der Sportredaktion

          Und der 47 Jahre alte Österreicher, der ein besonnener Mensch ist, redete sich für seine Verhältnisse in Rage. „Es ist scheißegal, in welchem System wir spielen, wenn wir unsere Aufgaben nicht machen. Ob wir mit Dreier-, Vierer-, Fünferkette, sechs Sechsern, einem oder zwei Stürmern spielen, ist scheißegal. Wenn wir keine Staffelung haben, wenn die Sechser mit fünf Ballkontakten spielen, dann verlierst du den Ball. Punkt. Dann ist das System scheißegal, wirklich scheißegal.“

          Die Umsetzung sei „oft das Problem und nicht das System“, betonte Glasner mit markigen Worten. Dessen Kollege Dardai machte sich nicht über den Eintracht-Trainer lustig, ganz im Gegenteil: Der Ungar gab Glasner völlig recht. Unter dem Motto: Wir Trainer können analysieren und üben, wie wir wollen, wenn die Spieler dann nicht mitziehen, haben wir ein Problem.

          Frustrierter Glasner

          Glasner hat ein großes Problem. Unter seiner Anleitung kommen die Frankfurter nicht von der Stelle, wenn sie das Spiel aktiv gestalten sollen, das hat die zweite Saisonniederlage gegen einen defensiv gut organisierten und robusten Gegner schonungslos aufgezeigt. Der Trainer wird sich des hartnäckigen Entwicklungsstaus immer bewusster. Was er auch macht, es bewirkt unter dem Strich zu wenig.

          Was wiederum seine Emotionalität erklärt, die er in dieser Form noch nicht gezeigt hat. Auf die Frage, wie er jetzt die Probleme bewältigen wolle, antwortete Glasner: „Vielleicht kipp ich mir heute einen hinter die Binde. Dann bekomme ich vielleicht eine Lösung.“ Das war Sarkasmus pur und passt nicht zum bisherigen Verhalten des Trainers, der die Dinge gerne sehr sachlich betrachtet.

          Nach Ausreden suchte Glasner nicht. Er wolle „nicht um den heißen Brei herumreden. Wir haben es nicht auf den Platz bekommen. Da muss ich sehr ehrlich sein“, sagte er und schlug bei der Aufarbeitung des Spiels die richtige Denkrichtung ein. „Ich bin sehr kritisch mit uns.“ Auf die Unterstützung seiner Spieler glaubt der Trainer zählen zu können, bezeichnete er sie doch als „sehr selbstkritische Jungs“. Torhüter Trapp hob hervor, dass das Spiel nicht die Hertha gewonnen habe, sondern die Frankfurter hätten es verloren. „Wir haben sehr viel falsch gemacht mit vielen Fehlpässen, vielen Ungenauigkeiten. Jeder zweite Ball war beim Gegner“, kritisierte er.

          Rafael Borré wurde in der 60. Spielminute ausgewechselt.
          Rafael Borré wurde in der 60. Spielminute ausgewechselt. : Bild: Picture-Alliance

          Das hohe Maß an Frankfurter Unzulänglichkeiten nutzten die Berliner zu zwei Toren durch Marco Richter (7. Minute) und den eingewechselten Jurgen Ekkelenkamp (63.). Trapp verhinderte bis zur Halbzeitpause einen höheren Rückstand. Dessen Vorderleute spielten im ersten Abschnitt den Ball in der eigenen Spielhälfte oft ideenlos hin und her. Kaum ein Spieler übernahm Verantwortung. Das war umso verwunderlicher, hätten die Eintracht-Profis nach dem 2:1-Überraschungssieg in München doch mit großem Selbstvertrauen auftreten können.

          Aus dem erhofften Aufschwung aus Eintracht-Sicht wurde aber ein Tiefschlag, der die Frankfurter, für die nur Gonçalo Paciência in der 78. Minute einen Foulelfmeter zum Endstand verwandeln konnte, bis ins Mark erschütterte. Trotz der ungenügenden Leistung korrigierte Glasner erst nach 45 Minuten seine Personalauswahl: Almamy Touré und Daichi Kamada ersetzten Timothy Chandler und Jesper Lindström.

          Viel Arbeit für den Trainer

          Außerdem stellte der Trainer hinten auf Viererkette um. „Es war von allem zu wenig – auch von mir. Vielleicht hätte ich früher eingreifen können ins Spiel“, sagte Glasner. Besonders in Halbzeit eins habe er „gar nichts“ von dem gesehen, „was wir uns vorgenommen haben“. Nur viel besser wurde es danach auch nicht. Die Eintracht hinkte den Erwartungen weiter hinterher.

          „In der zweiten Hälfte haben wir etwas mehr Druck gemacht, aber aus meiner Sicht zu einfältig. Wir spielen dann halt raus auf Filip Kostic, der soll flanken, und dann wird schon was entstehen. Das ist einfach zu wenig“, sagte Glasner. Die Frankfurter schaffen es nicht, aus ihrem Muster auszubrechen. Die Mängel sind oft die gleichen. „Wir tun uns schwer, klare Torchancen zu erspielen.“ Das sei „das Learning dieser Saison“ bisher. „Wir müssen uns einfach besser durchsetzen, mal eins gegen eins gewinnen und schneller spielen“, fordert der Trainer. Auf ihn kommt viel Arbeit zu.

          Sein Vorgesetzter, der Sportvorstand Markus Krösche, sprach davon, „dass wir in allen Bereichen Punkte haben, die wir verbessern müssen“. Weil die bisher von Glasner gewählten Lösungen zu wenig Erfolg gebracht haben, muss er nun neue finden. „Wir werden sachlich mit der Niederlage umgehen“, kündigte er an. Kurz davor hatte der Trainer seine Aufgewühltheit nicht verbergen können. „Wenn ich die Statistik sehe: Rafael Borré kommt in der 60. Minute rein, ist gestern um 19.30 Uhr aus Südamerika gekommen – und ist dann der, der die meisten Torschüsse bei uns hat. Da kann ich aufhören zu sprechen.“

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