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Bundesliga-Kommentar : Zerstörerisches Langzeit-Virus bei Bayern

Was ist nur los? Bayern-Kapitän Manuel Neuer (links) und Leon Goretzka. Bild: AFP

Wie kam es zum unerklärlichen Absturz der übermächtigen Münchner? Um die aktuelle Lage zu verstehen, reicht es nicht, nur diese Saison und die vergangenen Spiele unter Niko Kovac in den Blick zu nehmen.

          Um den unerklärlichen Absturz der übermächtigen Bayern zu vermessen und vielleicht auch ein bisschen von dessen Unerklärlichkeit zu verstehen, reicht es nicht, nur die aktuelle Saison und die vergangenen Spiele unter Trainer Niko Kovac in den Blick zu nehmen. Vor gut einem halben Jahr waren die Münchner noch drauf und dran, sich zur besten Mannschaft in Europa zu machen. Vielleicht waren sie es sogar.

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          Im Halbfinale der Champions League spielten die Bayern in beiden Begegnungen besser als der spätere Titelgewinner Real Madrid, der allerdings die unerschütterliche Überzeugung in sich trug, diese Spiele und den gesamten Wettbewerb zu gewinnen. In den Köpfen des großen und über viele Jahre unersättlichen Bayern-Teams, der vielleicht besten Mannschaft, die es je in der Bundesliga gegeben hat, war in diesem Moment, als das höchste Ziel trotz der enormen Anstrengungen und famosen Leistungen für die älteren Spieler in unerreichbare Ferne rückte, vermutlich erstmals Platz für einen zuvor undenkbaren Gedanken in diesen sagenhaften Karrieren: dass es jetzt nichts mehr gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

          Im Kern stand am Samstag gegen den Aufsteiger und Abstiegskandidaten Fortuna Düsseldorf weitgehend dieselbe Mannschaft auf dem Platz, die vor gut einem halben Jahr gegen Real noch als Maßstab für Europa gelten konnte. Seit dieser Niederlage scheinen sich jedoch nach und nach die Folgen der Selbsterkenntnis, dass es für die höchsten der immer selbstgesteckten Ziele der Superstars vielleicht nicht mehr reicht, wie ein zerstörerisches Langzeit-Virus beim FC Bayern auszubreiten. Einen zweimaligen Zwei-Tore-Vorsprung im eigenen Stadion gegen eine der schwächsten Mannschaften der Liga zu verspielen und auch bei diesem 3:3 haarsträubende Fehler in Serie zu produzieren, dieser erschütternde innere Zusammenbruch lässt sich bei der Kernqualität der Bayern-Spieler mit den üblichen Spiel- und Fehleranalysen nur noch rekapitulieren, aber nicht mehr wirklich erklären.

          Es ist ja auch nicht so, dass die Bayern und Trainer Kovac vom ersten Tag an nicht zusammengepasst hätten: Im Supercup siegten sie noch 5:0 gegen Eintracht Frankfurt, und auch die ersten vier Begegnungen in der Bundesliga gewannen die Bayern nach Belieben. Seitdem haben sie in acht Spielen nur noch lächerliche neun Punkte geholt.


          Dass ein Bayern-Trainer nach solchen Fehlleistungen über zwei Monate hinweg noch immer auf der Trainerbank sitzt, ist angesichts der bekannten Unduldsamkeit der Führung in Krisensituationen fast schon überraschend. Uli Hoeneß, der vor allem auf Kovac gesetzt hatte, nachdem er das Engagement von Thomas Tuchel hatte schleifen lassen, aber auch Karl-Heinz Rummenigge werden ahnen, dass auf einen Trainerwechsel mit Heynckes-Effekt diesmal kaum zu hoffen ist. Und auch die Hoffnung der Bayern-Führung, zu der man den Sportdirektor kaum zählen mag, den notwendigen Umbau dieser einst fast unbesiegbaren Mannschaft noch mal hinauszögern zu können, würde mit einem Trainerwechsel nicht zurückkehren.

          Auch die Gerüchte um einen wichtigen Posten für Oliver Kahn beim FC Bayern wollen in diesen Tagen nicht mehr verstummen. Man liegt vermutlich nicht falsch, wenn man annimmt, dass Hoeneß und Rummenigge, so unterschiedlich sie viele Dinge seit Jahren auch betrachten mögen, sehr genau wissen, dass ein Trainerwechsel nur der Anfang eines Veränderungsprozesses auf mehreren Ebenen beim FC Bayern sein würde, von dem sie auch selbst nicht mehr mit letzter Sicherheit sagen können, wo er haltmachen würde.


          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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