https://www.faz.net/-gtm-tl8f

Bundesliga : „Ein einzigartig bitterer Abend“: Lage beim HSV spitzt sich zu

  • -Aktualisiert am

Wird aus seinem Verein nicht mehr schlau: HSV-Idol Uwe Seeler Bild: AP

Aggressionen wie im Stadion, eine Hetzjagd auf Medienvertreter sowie eine fassungslose Führungsriege: Chaostage beim HSV. Die beispiellose Mitgliederversammlung bedeutet einen „erheblichen Imageschaden“, glaubt nicht nur Uwe Seeler. Von Frank Heike

          3 Min.

          Die Frage wurde schon Montag nacht von altgedienten Funktionären des Hamburger SV gestellt, und sie wird demnächst auch die derzeitige Führung des HSV umtreiben: Wie schützt man einen Verein vor seinen Mitgliedern? Alte Kämpen wie der ehemalige Spieler Harry Bähre oder die einstigen Präsidenten Peter Krohn und Peter Klein schämten sich zum ersten Mal in ihrem Leben, HSVer zu sein.

          „Das war in der langen Tradition des HSV ein einzigartig bitterer Abend“, sagte Krohn. Klein verließ die Mitgliederversammlung im Saal des Kongreßzentrums kopfschüttelnd noch vor den Abstimmungen. „Das ist nicht mehr mein Verein“, sagte er, „Ahnungslose bestimmen, was in Zukunft passiert. Wir brauchen sofort die Ausgliederung.“

          Seeler sieht „erheblichen Imageschaden“

          Selbst Jürgen Hunke, ebenfalls einmal Präsident des HSV und schärfster Kritiker des aktuellen Vorstands, sagte: „Wir brauchen eine neue Satzung.“ Sie alle drei meinen eine Satzung, in der die Profiabteilung des mit jährlich 100 Millionen Euro wirtschaftenden Vereins ausgegliedert und nicht mehr von Stimmen und Stimmungen unberechenbarer Mitglieder abhängig ist. In dieser Form macht sich der chaotische HSV in jedem Falle lächerlich und verliert auf Sicht seine Handlungsfähigkeit. Idol Uwe Seeler sah einen „erheblichen Imageschaden beim HSV“.

          Kein Recht auf Berichterstattung beim HSV
          Kein Recht auf Berichterstattung beim HSV : Bild: dpa

          Am Montag abend hatte die Fanvereinigung „Supporters“ zum ersten Mal ihre Macht ausgespielt. Ohne sportliche Heimat im Klub, stellen sie den Großteil der 45.000 HSV-Mitglieder. Viele von ihnen waren unter den knapp 1600 Personen im Saal. Zunächst sorgte die Mehrheit der Anwesenden in geheimer Abstimmung dafür, daß die etwa 50 Medienvertreter den Saal verlassen mußten. Das war für den HSV schon peinlich genug; auf dem Podium rangen Aufsichtsrat Udo Bandow und Vorstand Bernd Hoffmann um Fassung.

          „Hatte gehofft, daß wir kein Chaos-Klub sind“

          Später gab es so viele Wortmeldungen zum Vortrag des Vorstands, daß die Versammlung um kurz nach Mitternacht abgebrochen und vertagt wurde. Niemand schritt ein - Bandow als Versammlungsleiter und Hoffmann waren überfordert von der schieren Macht der Masse. Weder Vorstand noch Aufsichtsrat wurden entlastet. Es wird eine neue Mitgliederversammlung stattfinden, wahrscheinlich im Januar. Hoffmann sagte: „Wir sind ein demokratisch aufgestellter Verein, es gab eine Menge Informations- und Klärungsbedarf.“ Hoffmann selbst war im vergangenen Sommer verhöhnt worden, als er den Mitgliedern auf einer Informationsveranstaltung die von ihm seit langem favorisierten Ausgliederungspläne präsentiert hatte. Seitdem hat niemand das heiße Eisen angepackt.

          Der zuvor heftig angegriffene Vorsitzende wirkte in der aufgepeitschten Stimmung des Montags wie jemand, der den Kopf gerade noch aus der Schlinge gezogen hat. Er erhielt Beifall für seine Rede, die sich an den Rausschmiß der Medien anschloß. Hoffmann hatte noch versucht, den Lauf der Dinge zu unterbrechen, doch seine Worte kamen zu spät: „Ich hatte gehofft, daß wir kein Chaos-Klub sind“, rief er den Mitgliedern zu, als die Journalisten den Saal verlassen mußten. Gut gemeint vom Chef des HSV, doch er hätte die Situation vorher erkennen müssen und die geheime Abstimmung gegen die Medien verhindern können.

          Für positive Zahlen interessierte sich kaum jemand

          Es begann am Montag schon damit, daß niemand auf den Ansturm der Anhänger vorbereitet schien: Es gab nicht genug Abstimmungshefte und zuwenig Gutscheine für Würstchen, Kartoffelsalat und Bier. Die Versammlung begann eine Stunde später. Der Groll der Mitglieder auf die sportliche Führung hatte offenbar in der Kampfabstimmung gegen die Presse sein Ventil gefunden, denn während und nach Hoffmanns Vortrag blieben die Mitglieder vergleichsweise zahm.

          Hoffmann forderte Geschlossenheit, versuchte die Lage des HSV zu erklären und nannte den Nichtabstieg als einziges sportliches Ziel. Nicht jeden stellte das zufrieden: „Er hat wieder nur seine Show abgezogen“, sagte ein Mitglied. Für die guten Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres - Rekordumsatz von 104 Millionen Euro und 1,86 Millionen Euro Gewinn - interessierte sich kaum jemand. Nach Hoffmann antwortete Sportchef Dietmar Beiersdorfer fahrig und holprig auf die vielen rückwärtsgewandten Fragen nach Barbarez, van Buyten und Boulahrouz.

          „Der ist HSVer, der darf das“

          Auch Aufsichtsrat Willi Schulz, der in einer Zeitung Kritik an der HSV-Führung geübt hatte, gab ein schlechtes Bild ab - er wollte seine Kritik auf Anfrage nicht konkretisieren. Was die Mitglieder Beiersdorfer übelnahmen, sahen sie Schulz nach: „Willi Schulz hat drei Weltmeisterschaften gespielt, der ist HSVer, der darf kritisieren“, sagte ein Mitglied in einer Versammlungspause und veranschaulichte den Horizont vieler der „Supporter“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

          Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

          Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
          Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

          Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

          Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.