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Bundesliga-Kommentar : Her mit der Hilfe von oben!

Strittige Szene nach nicht mal 30 Sekunden: Werner (vorne) fällt, obwohl Fährmann und Naldo die Hände wegziehen. Bild: AFP

Nach dem Leipziger Elfmetergeschenk diskutiert die Liga über Werners Schwalbe – und den Umgang von Schiedsrichter und Spieler damit. Dabei kann es für die moralische Grenzerfahrung nur eine Antwort geben.

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          Als Unbeteiligter konnte man diesen Leipziger Sündenfall natürlich mit Humor nehmen. Die alte (und im Übrigen widerlegte) Elfmeter-Weisheit, wonach der Gefoulte nicht selbst schießen soll, passte ja auch zu gut zu dieser Szene, in der Timo Werner sich erst der wunderbaren Welt der Schwerkraft hingab und dann, offensichtlich leichten Herzens, diesen Strafstoß, der die völlig Falschen bestrafte, zur Leipziger Führung gegen den FC Schalke 04 nutzte.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          In Wahrheit aber kam die ganze Sache natürlich wie ein ziemlich schlechter Witz daher, nicht nur aus Sicht der Schalker, die völlig zu Recht empört sein durften über Werners Dreistigkeit als solche, aber auch über die Unzulänglichkeit, mit der Schiedsrichter Bastian Dankert den Fall behandelte. Wie es zu diesem Resultat kam, und was sich in der guten Minute zwischen Elfmeterpfiff und Ausführung abspielte, war auch für das allgemeine Gerechtigkeitsgefühl ein einziges Plädoyer für die möglichst schnelle Einführung des Videobeweises. Weil deutlich wurde, dass man in so einer Situation auch mit einer Ansammlung subjektiver Wahrnehmungen zu einem objektiv falschen Ergebnis kommen kann.

          Wer nun mit dem Finger auf Werner zeigt, sollte zumindest differenzieren. Seine Schwalbe, die Bodenlandung nach Fährmanns Nicht-Berührung, die letztlich zum Elfmeter führte, war infam und stand den Leipzigern, deren Verantwortliche sich in anderen Umständen schon auch mal als Gutmenschen des Fußballs gefallen, schlecht zu Gesicht. Wenn es aber stimmt, dass Werner davon ausging, die vorherige Berührung von Naldo habe den Pfiff nach sich gezogen, dann erschien manches, was dem Angreifer zum Vorwurf gemacht wurde, schon wieder in einem anderen Licht – etwa der nach oben gereckte Daumen an die Adresse des Schiedsrichters. Selbst Fährmann, der Schalker Torwart, lobte Werner dafür, dass der schon auf dem Platz auf seine – Fährmanns – Unschuld hingewiesen habe.

          „Hilfe von oben“: Tatsächlich gibt es den Videobeweis schon in den Niederlanden. Dabei sitzen Experten in einem Übertragungswagen und werten die Bilder aus.
          „Hilfe von oben“: Tatsächlich gibt es den Videobeweis schon in den Niederlanden. Dabei sitzen Experten in einem Übertragungswagen und werten die Bilder aus. : Bild: dpa

          So schien der Schwarze Peter am Ende sogar bei Schiedsrichter Dankert zu liegen. Nicht nur wegen der Fehlentscheidung als solcher, denn es gab nun mal kein Foul, nirgends, sondern auch wegen der schlechten Figur, die er bei der Ermittlungsarbeit und den anschließenden Erklärungen abgab. Zu behaupten, es habe zunächst keine Kommunikation mit Werner gegeben, erscheint nach Ansicht der Fernsehbilder falsch. Dass er, wie er dann noch berichtete, Werner vor der Ausführung des Elfmeters fragte, was denn gewesen sei, ist schlichtweg absurd – weil in diesem Moment eine Zumutung für den Schützen.

          Ganz unabhängig vom konkreten Fall aber wäre es geboten, sowohl die Schiedsrichter als auch die Spieler von der Bürde solcher Ad-hoc- Befragungen zu befreien. Hinter der moralischen Grenzerfahrung, die sich daraus mitunter ergibt, und über die man von außen nicht allzu leichtfertig urteilen sollte, verbirgt sich nämlich noch eine andere: die der eigenen Wahrnehmung. Auch die kann subjektiv richtig sein, objektiv aber auf die falsche Fährte führen. Für all das kann es nur eine Antwort geben: Her mit der Hilfe von oben. Nicht, dass es am Ende heißt, eine Mannschaft habe ihren Platz an der Sonne einer solchen zu verdanken. Das nämlich hätten diese forschen Sachsen gar nicht nötig.

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