https://www.faz.net/-gtm-9fpjs

Bundesliga-Kommentar : Das wahre Bayern-Problem

Blickt durch die Vereinsbrille: Karl-Heinz Rummenigge Bild: dpa

Die Münchner beklagen fehlenden Respekt. Aber Sport muss respektlos sein. Journalismus auch. Im Rahmen der geltenden Spielregeln. Nach all dem Trubel lohnt es nun, sich mal die Fakten zu den Bayern anzuschauen.

          2 Min.

          Die Bayern sind wieder ganz oben. Zumindest in der Hitliste der Aufgeregtheiten, gemessen an der Welle, die nach dem bizarren Auftritt der Klubführung am Freitag durch soziale und klassische Medien schwappte. Dabei lohnt es sich, auf einen Begriff zu achten, der im wirren Wortgewitter zwischen der Würde des Menschen am Beispiel von Bayern-Profis und der Schmähung des Menschen am Beispiel von ehemaligen Bayern-Profis ein wenig unterzugehen drohte. Es ist der Respekt.

          Bundesliga

          Fehlenden Respekt, vor allem in der Presse, wolle man sich nicht mehr gefallen lassen, sagten die Bayern-Chefs. Interessant an dem Begriff ist die Doppelbedeutung, die er hat, und damit die Doppelrolle, die er spielt, gerade im Sport. Es gibt einen Respekt, der unverzichtbar ist für eine lebenswerte Gesellschaft: der für jeden einzelnen Menschen, als Person, Individuum, Mitmensch. Und einen Respekt, der stören kann: im Wettkampf. Dann nämlich, wenn man zu sehr „zurückblickt“ (so die Ursprungsbedeutung des Wortes) – auf das, was der Gegner an Erfolg, Ruhm, Bedeutung aufzuweisen hat. „Zu viel Respekt“, heißt es dann, habe der Verlierer gezeigt.

          Es wirkt nicht wie ein Zufall, dass der FC Bayern nun mehr öffentlichen Respekt angemahnt hat – zu einem Zeitpunkt, da die sportliche Konkurrenz den Respekt vor dem ewigen Meister ein wenig zu verlieren begann. Denn die Aura des Erfolgs, das Respekteinflößende, das im Sport ein Wettbewerbsvorteil ist, kann schnell schwinden, selbst bei einem Serienmeister.

          Sport muss respektlos sein. Journalismus auch. All das immer im Rahmen der geltenden Spielregeln. Nach dem 3:1 in Wolfsburg, das die Wogen etwas geglättet hat, ist deshalb eine gute Gelegenheit, sich die Fakten anzuschauen. Mit dem nötigen Respekt für die handelnden Personen und der nötigen Respektlosigkeit, ihr Handeln, wenn nötig, in Frage zu stellen.

          Erstens: Weiterhin sind die Bayern eine solche Übermacht im deutschen Fußball, vor allem finanziell, dass sie jederzeit, auch nach drei Liga-Spielen ohne Sieg, Titelfavorit bleiben.

          Zweitens: Die wahren Proben aufs Exempel stehen in dieser Saison weiter aus. Dem Auftaktsieg gegen Hoffenheim durch ein Elfmetergeschenk folgten drei Erfolge gegen Scheinriesen, die nach starker Vorsaison die Enttäuschungen der aktuellen Spielzeit sind: Stuttgart, Leverkusen, Schalke. Und nach fünf Spielen ohne Sieg war auch Wolfsburg ein dankbarer Gegner.

          Drittens: Die bisher einzigen Top-Duelle gegen Teams mit Selbstvertrauen und Formstärke, Hertha und Gladbach, endeten für Bayern mit null Punkten und null zu fünf Toren.

          Viertens: Die Konstanz und Leichtigkeit der spielerischen Dominanz der Triple-Saison und der Guardiola-Ära hat seit 2016 schleichend nachgelassen. Vor allem gilt das für das Schwierigste, die Verwandlung von Ballbesitz in Tempo und Torgefahr.

          Fünftens: Das fiel bisher nicht ins Gewicht, weil die Dortmunder, einziger Herausforderer in einer vergleichbaren Gewichtsklasse, zwei schwächere Jahre hatten. Das könnte sich, wenn sie ihren Wiederaufschwung fortsetzen, nun ändern.

          Sechstens: Die Zeit arbeitet nicht für die Bayern, die, wie ihr früherer Trainer Louis van Gaal kürzlich fand, „die Erneuerung verpasst haben“. Bis auf Kimmich, Süle und den derzeit verletzten Coman gibt es keinen jungen Spieler von dem Potential, das Bayern für den Anspruch braucht, auch in Zukunft in Europas Spitze mitzuspielen.

          Und siebtens ist das vor allem das Versäumnis einer ebenfalls in die Jahre gekommenen Klubführung, die zuletzt auf dem Transfermarkt auffällig passiv blieb und kein Konzept für eine Kaderplanung über die Zeit nach dem Ablauf der Altstar-Langfristverträge hinaus erkennen lässt. Und die vielleicht auch deshalb am Freitag in die Offensive ging, laut polternd, um anderes zu übertönen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thunberg setzt Segel-Trend : Per Anhalter über die Weltmeere

          Wie Greta Thunberg die Meere zu besegeln, ist für junge Abenteurer das neue Rucksackreisen. Viele Bootsbesitzer sind von den teils penetranten Anfragen aber schon genervt. Und der Trip über den Ozean kann schnell zur Tortur werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.