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Bundesliga-Countdown (9) : Frankfurt zwischen Nüchternheit und Spektakel

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Der neue Cheftrainer Michael Skibbe steht in Frankfurt für mehr Spektakel, der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen für eine nüchterne Geschäftspolitik. Das macht die Saison für die Eintracht schwer. Teil 9 des Bundesliga-Countdowns.

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          So viele Trainer tun es, warum also nicht auch Michael Skibbe? Versuche, Gutes zu tun, und rede darüber - diese Strategie hat Skibbe verfolgt, seit er neuer Trainer von Eintracht Frankfurt ist. Hier, bei einem der großen Traditionsvereine der Fußball-Bundesliga, soll vieles anders werden, und Skibbe steht für diesen Wunsch nach Veränderung. Schöner, besser, erfolgreicher soll die Eintracht unter ihm spielen. Es geht unausgesprochen um mehr fußballerischen Sex-Appeal.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das kann ja auch nicht schaden, wenn ein Verein näher an die Tabellenplätze heranrücken will, die Träume erlauben, und wenn er dabei auch noch gewinnbringend vermarktet werden soll. Skibbe kam also im Frühsommer und beteuerte, dass auch er mehr Spektakel wolle. Dass er für mutigen Offensivfußball sorgen werde. Friedhelm Funkel hätte das nie gesagt. Skibbes Vorgänger war ein Warner, für den Angriff immer auch Gefahr bedeutete. Vorsichtig, ganz vorsichtig entwickelte er die Eintracht weiter, aber er warnte eben stets vor zu großen Erwartungen und überhöhten Zielen.

          Für viele seiner Kritiker hatte die Verweigerung gegenüber dem Schönen im Fußball einen Namen: Caio. Der Brasilianer kam Anfang 2008 zur Eintracht, und er war mit knapp vier Millionen Euro Ablösesumme teurer als jeder andere Frankfurter Neuzugang vor ihm. Eine Hauptrolle spielte er deshalb nicht. Funkel ignorierte ihn weitgehend. Skibbe schaltete auch in diesem Symbolfall demonstrativ auf Angriff um. Er lobte, wo Funkel getadelt hatte, und sagte, er werde Caio schon hinbekommen. So wie er es bei Bayer Leverkusen und zuletzt bei Galatasaray Istanbul geschafft habe, sensible Brasilianer zu Höchstleistungen zu führen. Noch so eine Verheißung also.

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          „Ich werde meine Geschäftspolitik nicht mehr ändern“

          Funkel war fast fünf Jahre bei der Eintracht, was für Frankfurt eine Ewigkeit ist. Zu verdanken hatte er das vor allem Heribert Bruchhagen, dem Vorstandsvorsitzenden und Manager, der hier wie kein anderer für Stabilität, Berechenbarkeit und Realismus steht. Sportlich wie wirtschaftlich. Er muss täglich gegen jene typische Frankfurter Hybris kämpfen, wonach alles jenseits des Europapokals oder der Qualitäten von Heroen wie Jürgen Grabowski oder Bernd Hölzenbein unter der Würde der Eintracht sei. Immer und immer wieder muss er erklären, warum es schwierig bis unmöglich ist, zu Vereinen wie Leverkusen, Dortmund, Stuttgart oder Hoffenheim aufzuschließen. Ganz zu schweigen von Konkurrenten wie Bremen, HSV, Schalke oder Wolfsburg. Warum die Eintracht also feststeckt.

          Während Skibbe darangeht, den Verein sportlich voranzubringen, kämpft Bruchhagen darum, wirtschaftlich das Gegenteil zu vermeiden. Die Eintracht ist kein armer Verein, sie nutzt mit der Commerzbank-Arena ein Stadion, das hohe Einnahmen ermöglicht. Aber neue Erfahrungen haben ihn stutzig gemacht. In 21 Jahren in der Bundesliga hatte Bruchhagen sich daran gewöhnt, dass es immer nur nach oben geht, was die zirkulierenden Geldsummen betrifft. In diesem Jahr aber musste er den Etat für die Profimannschaft um drei Millionen Euro kürzen.

          Er bekommt wie alle weniger Fernsehgeld, er muss nicht einkalkulierte vier Millionen an den Mutterverein der Eintracht Frankfurt Fußball AG überweisen, er stottert Altschulden verschwenderischer Vorgänger ab. Und er muss zusehen, wie der Finanzstandort Frankfurt erschüttert wird und weniger Firmen und Privatleute teure Logen und sogenannte Business Seats im Stadion kaufen. Zwanzig von knapp achtzig Logen waren bis vor kurzem noch nicht verkauft. Das ist noch nie passiert. Den Gesamtverlust gab Bruchhagen mit fünf Millionen Euro an. Aus weniger mehr machen, das ist inzwischen seine Aufgabe. Allen, denen das zu langweilig ist, hält er entgegen: „Egal, was passiert, ich werde mich und meine Geschäftspolitik nicht mehr ändern.“ Und das heißt: Schulden werden unter Bruchhagen nicht gemacht.

          Trainer Skibbe ist verbal ins Risiko gegangen

          Skibbe hat von dem wenigen Geld immerhin noch eine Kleinigkeit abbekommen, um zu investieren. Maik Franz kam aus Karlsruhe, Selim Teber aus Hoffenheim, Pirmin Schwegler aus Leverkusen. Zusammengenommen kosteten sie 700.000 Euro. Peanuts im Vergleich zu den Summen, die anderswo ausgegeben wurden. In dieser Atmosphäre erzwungener Bescheidenheit hat Skibbe getan, was er konnte, um Aufbruchstimmung zu verbreiten. Verbal ist er dabei sogar ins Risiko gegangen.

          Den Worten müssen nun Taten folgen. Gelänge das nicht, wäre es vermutlich der größte aller Verluste. Denn am Sonntag spielt die Eintracht im ersten Pflichtspiel der Saison bei Kickers Offenbach. Es gibt wenige Duelle im deutschen Fußball, in denen mehr Ressentiments und gegenseitige Verletzungen stecken als in diesem. Sollten die Frankfurter die erste Runde im DFB-Pokal nicht überstehen, hätte Skibbe es tatsächlich ganz anders gemacht - so schlecht wäre noch kein Eintracht-Trainer gestartet.

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