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Bundesliga-Countdown (8) : Hannover 96 - Die Krisengespräche gehen weiter

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Die „Roten“ haben eine völlig verkorkste Saison hinter sich. In Hannovers achtes Bundesligajahr in Folge geht der von Fans und Spielern kritisierte Trainer Hecking ohne namhafte Verstärkungen wie in den Vorjahren. Schwierige Zeiten an der Leine. Teil acht des FAZ.NET-Bundesliga-Countdowns.

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          Bei den Fans von Hannover 96 steht Martin Kinds Lieblingsthema ganz weit unten auf der Agenda. Erfahrungsgemäß beschäftigen sich die Anhänger eines Klubs lieber mit der Gegenwart oder der ganz nahen Zukunft als mit langfristigen Analysen der Geldbeschaffung. Dabei hängt beides natürlich eng miteinander zusammen. Seit etwa einem Jahr sorgt 96-Präsident Kind mit seinem Plan bundesweit für Schlagzeilen. Er will die 50+1-Regel stürzen; jene Bestimmung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die verhindert, dass Investoren die Mehrheit der Anteile an einem Verein halten. Doch Kind hat Mühe, Gehör zu finden - es gibt in der Bundesliga derzeit keine Mehrheit für seinen revolutionären Vorschlag. Natürlich macht es einen Unterschied, ob Martin Kind von Hannover 96 sich für die Abschaffung der Regel ausspricht oder ein Vertreter eines großen Klubs. Hannover 96 ist tief in der Region verwurzelt, hat in Niedersachsen eine solide Fanbasis und viel mehr Rückhalt als beispielsweise der VfL Wolfsburg, doch die Jahre im Mittelmaß haben die „Roten“ nicht weniger graumäusig eingefärbt als etwa den VfL Bochum. Kind ärgert das.

          Er führt eine Hörgeräte-Kette mit 1600 Angestellten in 500 Filialen, seine Arbeitswut ist bekannt und gefürchtet: auf Urlaub verzichtet er am liebsten ganz. Bei Hannover 96 ginge es gar nicht ohne ihn und sein Geld, ohne sein Engagement wäre der Verein vor zwölf Jahren in den Konkurs gerutscht. Weil Martin Kind fähig ist, Emotionen auszublenden und den Fußball als Geschäft zu betrachten, findet er den Plan zur Öffnung für Geldgeber ganz normal, ja, es überrascht ihn sogar, dass er dadurch zum Feindbild der Traditionalisten wird. Er sagt, und es klingt logisch: „Ich will doch nicht immer nur unten mitspielen. Geld schießt nun einmal Tore.“

          Während die Topklubs der Liga 50 Millionen und mehr für ihre Spieler im Jahr ausgeben, beim Umsatz die Schallmauern von 100 (HSV, Schalke, Werder) beziehungsweise 200 Millionen Euro (Bayern) durchbrochen haben, wird der Etat von Hannover 96 nach Meinung von Kind ohne fremden Mittelzufluss nie über 50 Millionen Euro hinauskommen. Ein Leben im Mittelmaß, das ist für den Erfolgsmenschen Kind auf Dauer unvorstellbar.

          Trainer ohne konkretes Saisonziel: Dieter Hecking steht vor einem schwierigen Start in die neue Runde

          Eine völlig verkorkste Saison

          Dabei hatte es Hannover 96 in den vergangenen beiden Jahren mit vergleichsweise hohem Risiko aus den eigenen Reihen versucht, in die Spitze der Liga vorzudringen. Zuerst versprach Trainer Dieter Hecking im Sommer 2007, dass die Roten vom „40-Punkte-Denken“ weg wollten. Aus dem ewigen Abstiegskandidaten sollte in drei Jahren ein Klub für den Uefa-Pokal werden. Es kamen plötzlich Spielernach Hannover, die es in die jeweiligen Ländermannschaften geschafft hatten: Mike Hanke, Christian Schulz, Mario Eggimann, Jan Schlaudraff, Mikael Forssell. Vier bis acht Millionen standen vor den letzten Spielzeiten zur Verfügung, um Neue zu holen. Auch Kind griff in die Tasche. Nach einer guten Saison 2007/2008 und Platz acht sollte es in der vergangenen Spielzeit weiter nach oben gehen. Am Ende war Hannover 96 Elfter geworden, hatte Sportchef Hochstätter entlassen und Trainer Hecking nur behalten, weil Kind zu ihm hielt. Eine völlig verkorkste Saison.

          Denn Hecking brachte mit seinem System ohne zweiten Angreifer einen Großteil der Fans gegen sich auf. Wobei die wirklichen Sorgen der Roten trotz Nationaltorwart Robert Enke eher in der Defensive lagen. Mit diesen Altlasten gehen die „Roten“ nun in ihr achtes Bundesliga-Jahr hintereinander. Kind sagt: „In der vergangenen Spielzeiten haben wir viel Geld investiert, was den Transferaufwand und die Lohnsumme betrifft.“ Der Erfolg blieb aus. Also hat Hannover abgespeckt: bei den Personalkosten sind es 25 statt 29 Millionen Euro, bei den Einkäufen sind Schnäppchen gefragt.

          Kritik hinter vorgehaltener Hand

          Der neue Sportchef Jörg Schmadtke muss sich wie ein Sparkommissar fühlen. Karim Haggui und Valdet Rama holte er ablösefrei aus Leverkusen und Ingolstadt. Für Constant Djakpa zahlte er nur eine Leihgebühr an Leverkusen. Das sind nach den Namen der letzten beiden Jahre natürlich keine Profis, die bei den Fans für Jubelstürme sorgen. Schmadtke sagt: „Wir bewegen uns in einem engen Rahmen, jetzt müssen alle ein wenig härter arbeiten als bisher.“

          Das darf man durchaus wörtlich nehmen: Heckings Training soll gerade im vergangenen Jahr nicht besonders fordernd gewesen sein. Das kritisierten hinter vorgehaltener Hand selbst die Profis. Nicht wenige zählen Hannover 96 nach der verordneten Abkehr vom Angriff nun zum Feld der erweiterten Abstiegskandidaten. Hecking sieht es natürlich positiver: „Die Mannschaft ist gut genug, eine ordentliche Rolle in der Liga zu spielen.“ Ein konkretes Ziel gibt es nicht. Platz zehn bis 13 wird angepeilt. Das offen zu formulieren, fällt nach den Höhenflügen gerade der vorletzten Spielzeit aber schwer.

          Immerhin hat Hecking versprochen, es wieder mit zwei Stürmern zu versuchen; Forssell und Hanke, Arnold Bruggink dahinter. Wie dünn das Eis ist, auf dem sich Hannover 96 bewegt, zeigt das Testspiel vom Sonntag - da verlor man bei Anker Wismar, einem Vertreter der sechsten Liga 1:2. Hinterher gab es ein Krisengespräch mit dem Sportchef. „So geht das nicht. Das war unbefriedigend und nicht akzeptabel. Das haben wir der Mannschaft klar gemacht“, sagte Schmadtke. Das Spiel in Wismar war die Gegenwart von Hannover 96. Der Einstieg eines Investors liegt weiter in ferner Zukunft. Aber Martin Kind wird weiterkämpfen.

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