https://www.faz.net/-gtm-136up

Bundesliga-Countdown (7) : Mönchengladbach und der Abstiegstrainer

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Borussia Mönchengladbach hat einen neuen Trainer, der mit seinen beiden vorherigen Klubs abgestiegen ist. Dafür hat der Traditionsklub mehr investiert als die anderen Kellerkinder. Teil 7 des FAZ.NET- Bundesliga-Countdowns.

          3 Min.

          Die Vorgeschichte klingt dramatisch: Borussia Mönchengladbach musste einen Umbruch bewältigen, den die Verantwortlichen des einst renommierten Klubs sich so nicht vorgestellt hatten. Nach dem mühsam wie glücklich erreichten Verbleib in der Fußball-Bundesliga ergriff eine ganze Reihe von Leistungsträgern die Flucht, nach dem Motto: Nix wie weg, bloß nicht noch so eine Saison!

          Trainer Hans Meyer, im Frühherbst aus dem Ruhestand zurückgekehrt, wollte sich zwar am Erfolg, sprich Klassenverbleib messen lassen, nicht aber an seinem Vertrag, der noch ein Jahr der Konsolidierung vorgesehen hätte, ehe Hobbygärtner Meyer endgültig in das Reich der Rosen zurückgekehrt wäre. Also kündigte er, als die Rose Borussia, fürs Erste, aus dem Gröbsten raus war. Die beiden kreativsten Gladbacher Profis taten es Meyer gleich - oder kamen ihm sogar zuvor. Marko Marin wechselte für eine Entschädigung von acht Millionen Euro nach Bremen, Alexander Baumjohann ablösefrei nach München.

          Ein Trainer mit viel Abstiegs(kampf)erfahrung

          Bei solchen Abgängen fällt es schwer, Aufbruchstimmung zu verbreiten, zumal bei einem fünfmaligen deutschen Meister aus den romantischen siebziger Jahren der Bundesliga; bei einem Traditionsverein, der seit einigen Jahren als Berufspendler zwischen erster und zweiter Liga unterwegs ist. Die Borussen versuchen, die dunklen Wolken dieses gewittrigen Sommers mit einer Mischung aus Heimatliebe und Abenteuerlust zu vertreiben: mit einem Trainer, der dem Klub schon als Spieler gedient hat, mit zwei Offensivkräften aus Südamerika und einer ordnenden Hand aus dem niederländischen Fußball-Kulturkreis.

          Sorgenkind: Logan Bailly fehlt im Tor

          Der neue Trainer heißt Michael Frontzeck; er kommt aus der Region und hat lange für Gladbach gespielt, nicht zuletzt ist er ausgestattet mit guten Noten berühmter Altborussen, ob sie nun Jupp Heynckes heißen oder Günter Netzer. Wen interessiert es da noch, dass er mit Alemannia Aachen und Arminia Bielefeld abgestiegen ist? Nach dieser Eröffnungsbilanz als Bundesliga-Cheftrainer hätte Frontzeck es durchaus schwer haben können, in der deutschen Eliteliga wieder einen Arbeitgeber zu finden. In Mönchengladbach aber konnte er seinen Heimvorteil nutzen.

          Mehr Investitionen als die anderen Kellerkinder

          Der 45 Jahre alte Fußball-Lehrer steht nun in Diensten desjenigen Klubs, der (wieder einmal) mehr Geld als jeder andere Verein aus dem unteren Tabellendrittel investiert hat, um sich zu verstärken. Für insgesamt mehr als acht Millionen Euro Ablöse engagierte Gladbach drei Profis, die als fertige Spieler gelten: Juan Arango, den angeblich besten Fußballspieler, den Venezuela je hervorgebracht hat, dazu den bulligen argentinischen Stürmer Raul Bobadilla, den Optimisten auch „Bomberdilla“ nennen, und schließlich den defensiven Mittelfeldspieler Marcel Meeuwis, der vor der Abwehr aufräumen soll, für die ersten beiden Pflichtspiele aber gesperrt ist.

          Besonders der ballsichere, variabel hinter einer oder zwei Spitzen einsetzbare Arango von Real Mallorca könne „eine richtige Waffe werden“, sagt Frontzeck. „Er hat in Spanien Qualität nachgewiesen, die du nicht an jeder Straßenecke findest.“ Bobadilla, zuletzt bei Grashopper Zürich ein erfolgreicher Torjäger, will seine Kunst nicht nur mit den zahlreichen Tätowierungen zum Ausdruck bringen, die bisher Gegenstand der Berichterstattung waren. Die Borussia verspricht sich von ihren beiden südamerikanischen Zugängen eine explosive Mischung aus Ballgefühl und schierer Wucht; sie gelten als Wechsel auf eine bessere Gladbacher Zukunft - wie so manch anderer teure Einkauf in den vergangenen Jahren. „Das südamerikanische Duo ist ein Versprechen“, schreibt eine Regionalzeitung voller Vorfreude.

          Vertrauen ist das höchste Gut

          Damit die beiden Hoffnungsträger sich mit ihren Kollegen und Vorgesetzten buchstäblich gut verstehen, hat der Klub einen alten Bekannten in neuer Rolle verpflichtet. Der frühere Torhüter und Publikumsliebling Jörg Stiel ist nicht etwa damit beauftragt, seine Nachfolger fit zu machen für die Arbeit zwischen den Pfosten - der polyglotte Schweizer arbeitet als Dolmetscher. Wie es heißt, umfasst Stiels Wortschatz auch den Satz: „Has jugado una mierda - Du hast beschissen gespielt!“ Er soll aber noch nicht zur Anwendung gekommen sein. Solange sie nur spielen (wollen), ist ja alles in Ordnung.

          Wenn es jedoch nicht nach Wunsch läuft, hört vor allem für den brachialen Bobadilla der Spaß auf. „Dann kann es schon mal klick machen“, sagt er. Das hört sich harmlos an, bedeutet aber wohl so viel wie: Dann verliere ich die Beherrschung und nehme dafür die Gelbe Karten in Kauf. Zumindest an Temperament dürfte es dem betuchtesten Verein unter den Abstiegskandidaten nicht fehlen - auch dank Arango; er gilt seiner Spielweise wegen als „Hurrikan der Karibik“.

          Während die beiden neuen Offensivkräfte spielerisch und, dank Stiel, auch sprachlich in der Vorwärtsbewegung sind, muss Trainer Frontzeck ganz hinten ein Handicap verkraften: Torwart Logan Bailly, zuletzt im Abstiegskampf ein Stabilisator der fragilen Defensive, hat einen Mittelfußbruch erlitten und fällt vorerst aus. Bis auf Weiteres wird Christofer Heimeroth zwischen den Pfosten stehen, ein Torwart, der sich in Gladbach als Nummer eins nicht durchzusetzen vermochte, als Nummer zwei aber zu den erfahrenen, man könnte fast sagen: etablierten Kräften der Liga gehört. „Christofer hat mein volles Vertrauen“, sagt Frontzeck. Was soll er auch sonst sagen? Vertrauen ist, neben Vorfreude, bei Borussia Mönchengladbach das höchste Gut.

          Weitere Themen

          Gut fürs Binnenklima

          Eintracht-Spieler Chandler : Gut fürs Binnenklima

          Die Flankenkönige der Fußball-Bundesliga spielen für Eintracht Frankfurt. Präzise, langgezogene Flanken zu schlagen, gehört auch zum Rüstzeug von Timothy Chandler. Allerdings sitzt er derzeit meist auf der Bank.

          Topmeldungen

          Das Symbol der Türkei, weißer Halbmond und Stern auf rotem Untergrund.

          Syrien-Konflikt : Gut so, Wolfsburg!

          In der Türkei können VW und andere auch später noch Werke bauen – aber erst, wenn dort wieder Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Friedfertigkeit gelten.
          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.