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Bundesliga-Countdown (15) : Bayern und die notorische Spaßbremse van Gaal

Bild: FAZ.NET

Unter Trainer Louis van Gaal ist bei den Bayern wieder echte, harte und freudlose Arbeit angesagt. Der Holländer gibt den Feldwebel. Den Fans gefällt es, sie spenden bei Wutausbrüchen Beifall. Es gibt aber noch einige Baustellen in München.

          Saisonvorbereitung, das ist im Fußball für gewöhnlich eine öde Zeit. Eine Zeit mit der Käfighaltung in entlegenen Gegenden, die Trainingslager heißt; mit öden sportlichen Vergleichen, die unter dem Namen Testspiel laufen. Eine Zeit mit vielen Fragen, an denen das einzig Spannende ist, dass sie noch keiner beantworten kann: Wer kommt, wer geht, wer spielt und wer nicht? Und was soll das alles? Beim FC Bayern aber war die Vorbereitung auf die Saison diesmal eine außergewöhnlich unterhaltsame Angelegenheit.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Schon der Trainingsauftakt lief live im Fernsehen, in der beliebten Rubrik „leichte Gymnastik für Millionäre“; ebenso natürlich das Wiedersehen mit Lukas Podolski bei dessen Debüt in Köln, ebenso der sinnfreie Kick gegen das Team des TV-Kaspers Oliver Pocher. Dann tauchte auch noch der Schauspieler Christian Ulmen im Auftrag des Bayern-Teilhabers Adidas an der Säbener Straße auf und trat die ganze Woche über in seiner Rolle als schnauzbärtiger Depp-Fan Frerk Ohm in kindischen Vergleichen gegen diverse Bayern-Bedienstete an, um sich von den Internet-Usern zum „zwölften Mann“ wählen zu lassen.

          Zur Heiterkeit trug auch bei, dass Mediendirektor Markus Hörwick den Neuzugang Mario Gomez nach dessen erster Pressekonferenz mit einem „Vielen Dank, Mario Basler“ verabschiedete. Und dass Trainer Louis van Gaal nach dem Sieg beim „Audi-Cup“ seinen Torwart Michael Rensing öffentlich mit „Christian“ ansprach. Der aber lachte tapfer, wohl weil er sich freute, vom Boss bemerkt worden zu sein. Überhaupt wirkte er, als ließe er sich sofort in Christian Rensing umbenennen, wenn ihm das den Stammplatz im Tor brächte.

          Mit Trillerpfeife und Stoppuhr: Trainer Louis van Gaal gibt sich konservativ

          Van Gaal: „Auch Journalisten müssen sich vorbereiten“

          Ja, fast waren es vier Spaßwochen beim FC Bayern. Und das mit der notorischen Spaßbremse van Gaal. Der Niederländer gab sich Mühe, das gültige Vorurteil zu widerlegen und nicht als unnahbar zu gelten. Er lächelte viel, gab reichlich Autogramme. Er schüttelte jedem einzelnen Journalisten die Hand, gab geduldig Auskunft. Doch mit der Zeit wurde er reizbarer, fordernder, verweigerte Antworten auf „rhetorische Fragen“ oder antwortete mit Gegenfragen wie der, ob der Journalist sie (die nach dem Torwart) vielleicht selbst beantworten wolle.

          Zuletzt wies er, zu Recht, einen Fragesteller zurecht, der wissen wollte, ob van Gaal den 19-jährigen Thomas Müller, der gegen Milan beim „Audi-Cup“ im Sturm spielte, für so viel besser als Luca Toni halte, dass er den Italiener gegen seine Landsleute nicht aufgestellt habe. „Auch Journalisten müssen sich vorbereiten“, empörte sich van Gaal. Auch ohne Vorbereitung hätte man wissen können, dass Toni verletzt war. Nun aber Schluss mit den Nebenschauplätzen - und Zeit, dass die Saison nun endlich losgeht. Zeit, dass Trainer und Öffentlichkeit wieder problemlos unterscheiden können zwischen dem FC Bayern, der ein Fußballklub ist, und dem FC Bayern, der ein Unterhaltungsunternehmen ist.

          Für van Gaal war das im ersten Arbeitsmonat in München die vielleicht schwierigste Aufgabe - neben der, unter zwei 1b-Torhütern eine Nummer eins zu bestimmen; neben der, ein System für einen Spieler zurechtzuschneidern, der bisher kaum trainiert und von dem immer noch niemand weiß, ob er beim FC Bayern bleiben wird; neben der, eine völlig neue Abwehr zu basteln; und neben der, aus einem zu großen Kader in einer zerrissen geplanten Vorbereitungszeit mit manch unsinnigem Testspiel eine schlagkräftige Mannschaft zu formen. Bisher scheint ihm alles gelungen zu sein. Aber das Pokalspiel in Neckarelz am Sonntag zeigte, dass der FC Bayern und der Mann aus der Ajax-Schule noch nicht optimal zusammenpassen. Es reichte gegen den Klub aus der sechsten Liga nur zu einem mühsamen 3:1-Sieg (siehe auch: DFB-Pokal: Hannover verliert bei Mario Basler)

          Aktueller Boulevardtitel das neuen Trainers: „Tulpen-General“

          Zumindest scheint er schon jetzt besser integriert als der Vorgänger Klinsmann, von dem sich der Klub erst in dieser Woche auch arbeitsrechtlich endgültig trennte. An dessen Arbeitsweise beklagen manche Spieler noch heute den Mangel an taktischer Detailarbeit, an Klarheit der spielerischen Ausrichtung. Beim Neuen läuft die Sache komplett anders. Die klaren Ansagen und Anpfiffe vom Bauleiter van Gaal auf der Baustelle Bayern haben den Hauch von Aufräumarbeit.

          Jeder weiß, was er zu tun hat, Fehler werden sofort besprochen und behoben. Van Gaal, aktueller Boulevardtitel „Tulpen-General“, hat einen stattlichen Stab, aber er gibt lieber den Feldwebel. Seine wichtigsten Helfer sind Trillerpfeife und Stoppuhr. Es sind Utensilien der guten alten Zeit, als ein Trainer noch kein delegierender Innovationsmanager war, sondern ein pingeliger Übungsleiter.

          „Bisher wurde taktisch leider nicht so gearbeitet“

          An den Trainingstagen, die ihm die diversen Marketingreisen im Juli ließen, hat er Grundlagenarbeit in modernem Fußball betreiben lassen - saubere, schnelle Pässe, präzise Positionsverschiebungen. Das Resultat war gegen Köln, Milan und Manchester zu sehen. Zumindest eine Halbzeit lang gab es guten, dominanten Fußball, streckenweise mit dem schnellen Kombinations- und Positionsspiel, den präzisen Tempostafetten, den Übungen in offensiver Raumgestaltung, die van Gaal so akribisch üben lässt. „Bisher“, sagte Bastian Schweinsteiger, und es war eines jener beliebten Klinsmann-Urteile, die ohne dessen Erwähnung auskommen, „bisher wurde taktisch leider nicht so gearbeitet.“

          Die Fans sehen es gern, spenden gar bei manchen Wutausbrüchen des Trainers gegen begriffsstutzige Profis Beifall. Bayern-Training 2009, das ist wieder echte, harte, freudlose Arbeit, kein Unterhaltungsprogramm, und der Chef wacht mit einer Vorliebe für kurze cholerische Ausbrüche darüber, dass es jeder schnell begreift. Ob das so bleibt, ob dem Van-Gaal-Modell das gleiche Schicksal blüht wie dem Klinsmann-Modell, hängt auch vom Saisonstart in der Bundesliga ab. Am Samstag startet der FC Bayern mit dem Auswärtsspiel bei 1899 Hoffenheim (18.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker)

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