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Bundesliga-Countdown (12) : Nürnbergs Trainer ohne Stallgeruch

Bild: FAZ.NET

Der 1. FC Nürnberg ist zurück in der Bundesliga. Aufstiegstrainer Michael Oenning hat einen ungewöhnlichen Weg hinter sich. Und um Anerkennung beim „Club“ muss er trotz Erfolgs noch kämpfen. Teil 12 des Bundesliga-Countdowns.

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          Der Mann vom örtlichen Radiosender gibt sich alle Mühe. „Jetzt hol’n wir ihn rein“, brüllt er ins Mikrofon. Doch der Jubel ist merkwürdig gedämpft, als Michael Oenning das Nürnberger Stadion betritt. Nicht wie bei Javier Pinola, Marek Mintal oder Andreas Wolf, die bei der Saisoneröffnung mit tosendem Applaus empfangen werden. So ist er eben, der fränkische Fan: bodenständig und wertkonservativ, identifiziert sich mit treuen Spielern und, mehr noch, mit der Vergangenheit: all den Meistertiteln vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Mit einem jungen Mann aus dem Münsterland kann man da schon mal ein bisschen fremdeln, selbst wenn er den 1. FC Nürnberg in seinem ersten Jahr als „Chef“ zurück in die Bundesliga geführt hat.

          Umgekehrt musste auch Oenning erst die fränkische Fußballseele begreifen lernen, als er im Februar 2008 als Assistent von Thomas von Heesen nach Nürnberg kam. „Das muss man erst mal verstehen“, sagt er über die in Jahrzehnten gewachsene Neigung, Höhen wie Tiefen maßlos auszuleben. „Der Club-Fan geht immer von der größten Katastrophe aus“, sagt er. Einerseits. Andererseits berauscht man sich beim FCN auch gerne allzu schnell am Erfolg, so dass mancher Abstieg ebenso schmerzhaft wie unvermittelt kam – wie vor gut einem Jahr, als der „Club“ ein Jahr nach dem Pokalsieg in die zweite Liga gehen musste.

          Die Emotionen puffern, für eine gesunde Selbsteinschätzung sorgen, kurzum: Realismus lehren – das war doppelt schwer für Oenning, als er nach nur zwei Spieltagen der vergangenen Saison zum Chef befördert wurde. Denn nicht nur die Fans, auch die sensible Mannschaft litt an einer latenten Neigung zur Selbstzerstörung. Oenning gelang, was viele – auch in der Vereinsführung – bezweifelt hatten: Er gab dem Team eine stabile Struktur, indem er zweifelnde Routiniers aufrichtete und jungen Spielern wie Dominic Maroh, Mike Frantz und Dennis Diekmeier Vertrauen schenkte.

          Neuzugang für die Abwehr: Der 19 Jahre alte Havard Nordtveit (l.) mit Trainer Oenning

          „Dort erfährt man, wie die Stimmung wirklich ist“

          „Mit einem ganzen Schuss Unbekümmertheit“ will er nun auch die erste Liga angehen. Auf nennenswerte Verstärkungen hat Oenning bis auf den aus Köln an den Valznerweiher gewechselten Thomas Brocih gewollt oder unegwollt verzichtet. Fußball ist für ihn „ein ganz simples Spiel“, bei dem es im Prinzip nur zwei Möglichkeiten gibt, zum Erfolg zu kommen. „Entweder man versucht, Spiele in der Defensive zu gewinnen, oder man versucht, offensiv zu spielen.“ Oenning möchte Letzteres.

          Der Eindruck täuscht nicht: Der 43 Jahre alte Oenning ist ein offener, positiver Typ mit einer gewinnenden Art. Gegen das „Du“ kann man sich nur schwer wehren. Während der Autogrammstunde stellt er seinem neuen Assistenten Armin Reutershahn einen treuen Fan im Rollstuhl persönlich vor. „Ich mag das gerne, wenn man engen Kontakt zu den Fans hat“, sagt er. „Dort erfährt man, wie die Stimmung wirklich ist.“ Schwer zu verstehen eigentlich, dass so einer von der Basis zwar gemocht, aber nicht verehrt wird.

          Kein Stallgeruch, keine schillernde Vita als Spieler – dafür einer, der Chopin liebt, Klavier spielt und gern ins Theater geht, der einst eine germanistische Doktorarbeit begann und für seine Arbeit mit dem Fernsehkommentator Marcel Reif den Grimme-Preis bekommen hat. Einer, den man sich nicht nur wegen seines eigenwilligen Kinnbärtchens auch ganz woanders als in der Bundesliga vorstellen kann. Oenning beim „Club“ – das ist ein Stilbruch. Ein erfrischender zwar nach dem spröden und verstaubten Bild, das der ewige Präsident Michael A. Roth dem Verein gegeben hatte, aber auch einer, an den sich mancher erst gewöhnen muss.

          Fortschritte sind unverkennbar: Noch bevor Oenning auf die Frage antworten kann, ob er mal das neue Gesicht des „Clubs“ wird, schaltet sich Siggi Schneider ein, Vizepräsident und ein „Club“-Urgestein. „Eigentlich issers scho“, sagt Schneider. Und dessen Bart ist ganz alte Schule.

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