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Dortmund 3:3 im Topspiel : „Wir können uns in den Allerwertesten beißen“

  • -Aktualisiert am

Marco Reus, Lukasz Piszczek und die Dortmunder ärgern sich über den verpassten Sieg. Bild: EPA

Dortmund und Leipzig zeigen ein Spektakel. Neben Schwärmerei gibt es auf Seiten des BVB aber auch Verärgerung, Zorn und Frust. Durch groteske Fehler droht das Projekt Meisterschaft wieder zu scheitern.

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          Die Worte, die die Dortmunder nach dem Spektakel im letzten Heimspiel des Jahres formulierten, klangen verärgert, nach Zorn, nach tiefem Frust. „Unglaublich bitter“, schmecke dieser Abend, sagte Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspielerabteilung. Sportdirektor Michael Zorc fand den Verlauf der Partie „sehr, sehr schade“, und Kapitän Marco Reus erklärte: „Ich glaube, dass wir uns in den Allerwertesten beißen können.“

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          Die Gesichter jedoch erzählten eine andere Geschichte. Es fiel den Angehörigen des BVB schwer, den Ärger wirklich zu spüren. Losgelöst vom Ergebnis waren alle Beteiligten erfüllt von diesem süßen Rausch, den dieses atemraubende 3:3 zwischen dem Meisterschaftsanwärter aus dem Revier und den Tabellenführer aus Leipzig erzeugt hatte. „Es war ein geiles Fußballspiel“, sagte der Leipziger Sportdirektor Markus Krösche. Kein Mensch bei Verstand würde diesem Befund widersprechen.

          Dicke Portionen der großen Magie dieses Sports wehten während der 90 Minuten hinaus in die vorweihnachtliche Dezembernacht. Die kritischen Anmerkungen der Beteiligten klangen pflichtbewusst, die Schwärmerei, die folgte, kam hingegen von Herzen. „Es war ein sehr, sehr gutes Spiel mit viel Geduld und Intelligenz“, sagte BVB-Trainer Luicen Favre, Kehl fand die ersten Halbzeit sogar „herausragend gut“. Nach dem von einem Torwartfehler Peter Gulascis begünstigten 1:0 durch Julian Weigl war Julian Brandt ein kunstvolles 2:0 gelungen. Ein Weltklassetor als Krönung einer Leistung am Limit des Leistbaren.

          Dortmund spielte einen mitreißenden Offensivfußball, mutig im Spielaufbau gegen das gefürchtete Leipziger Pressing, rasend schnell, voller individueller Kunststücke und sogar effizient. „Wir hatten fußballerisch in der ersten Halbzeit keine Chance“, stellte Julian Nagelmann fest, der Trainer der Sachsen war derart ratlos, dass ihm in der Pause nichts anderes eingefallen war, als sein Team aufzufordern, etwas mehr „über die Emotionen zu kommen“. Aber auch das hätte kaum geholfen, wenn der BVB unter Favre nicht unter dieser sonderbaren Neigung zum Katastrophenfehler leiden würde.

          Schon in der vorigen Saison scheiterte das schwarzgelbe Titelprojekt nicht zuletzt an unerklärlichen Missgeschicken. Ein Motiv für die Verpflichtung des routinierten und an Stress jeder Art gewöhnten Mats Hummels war die Bekämpfung genau dieses Problems. Groteske Fehler sind aber ein Wesensmerkmal dieser Mannschaft geblieben.

          In der Viertelstunde nach der Pause konnte Timo Werner den Ball zwei Mal ins leere Tor schießen nach Vorlagen der Dortmunder Roman Bürki und Brandt. „Das sind so krasse Fehler, die dürfen uns nicht unterlaufen“, sagte Zorc. Es waren Fehler, die angesichts des hohen Niveaus auf dem die Dortmunder eigentlich spielten, so absurd waren, dass alle nur ratlos die Schultern zuckten, als sie nach Erklärungen gefragt wurden.

          Die Aussetzer seien „schwer einzuordnen“, sagte Zorc, während Kehl die weitere Auseinandersetzung mit den Momenten, die dem Spiel eine neue Richtung gaben, kurzerhand für nutzlos erklärte. „Jeder weiß, dass man solche Dinge nicht richtig erklären kann. Das muss man abhaken“, sagte er. Zumal die Dortmunder derart gut aufgelegt und stabil waren, dass sie ihren großartigen Offensivfußball einfach weiterspielten.

          Jadon Sancho traf tatsächlich zum 3:2, Favre war hingerissen: „Wenn du zwei solche Tore kriegst und gehst wieder in Führung, sage ich: Chapeau.“ Doch weil Raphael Guerreiro noch ein Fehler unterlief – nicht ganz so krass wie die anderen beiden, aber ebenfalls völlig unnötig –, gelang Patrik Schick der Ausgleich zum 3:3. An einem Abend, der die Dortmunder in den Saisonrückblicken womöglich noch beschäftigen wird.

          Denn so aufregend und hochklassig die Dortmunder auch spielten, in den allermeisten Jahren ist es für Mannschaften, die derart krasse Fehler machen, nicht möglich, Titel zu gewinnen. Wenn nicht nur in den zwei, drei schwächeren Spielen an schlechten Tagen irgendwo auswärts im Alltag, sondern auch nach einer Leistung wie dieser, Punkte verschenkt werden. In einem Spiel, in dem die Mannschaft einen direkten Konkurrenten von der Tabellenspitze phasenweise zerlegt hatte. „Das tut weh. Aber die Saison ist noch lang, wir können das alles noch einrichten“, entgegnete Manuel Akanji solchen Gedanken.

          Herbstmeister können sie allerdings nicht mehr werden. Beste Chancen, erstmals in seiner Geschichte an Weihnachten ganz oben in der Tabelle zu stehen, hat nach diesem Abend Rasenballsport Leipzig.

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