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Traditionsverein steigt auf : Was den VfL Bochum so besonders macht

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Bochum ist nach elf Jahren zurück: Die Bundesliga darf sich wieder auf die schönste Vereinshymne freuen. Bild: Ralf Ibing /firo Sportphoto

Harte Kante beim Retro-Klub: Trainer Thomas Reis führt den VfL Bochum zurück in Liga eins. Die Bundesliga darf sich nun auf einen ganz speziellen Verein freuen.

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          Manchmal erscheinen Worte nur noch klein und überflüssig nach großen Taten, es sind die Bilder und noch mehr die Emotionen, die zählen. „Was soll man dazu sagen?“, fragte sich Thomas Reis, der Trainer des VfL Bochum, nach dem 3:1-Sieg gegen den SV Sandhausen, in dessen Folge der Revierklub als Zweitligameister feststand und nach elf Jahren in die Bundesliga zurückkehrte. Zum Glück erlöste die Mannschaft Reis aus seinem Zustand der Sprachlosigkeit, verpasste ihm bereits zum zweiten Mal an diesem Nachmittag eine Bierdusche und sang den Saisonabschluss-Hit dieser Jahre: „Campeones, Campeones!“

          2. Bundesliga

          Die süßesten Momente dieses letzten Bochumer Spieltages waren da aber schon vorbei: das schöne Freistoß-Tor von Robert Zulj in der 87. Minute zum 3:1, das die letzten Zweifel an der Rückkehr in die Bundesliga ausgeräumt hatte. Oder der Abpfiff, als die Spieler glücklich auf den Rasen sanken, mit Tränen kämpften, erlöst von der Schwere einer denkwürdigen Fußballsaison. Oder die Übergabe der Meisterschale der zweiten Liga, die etwas despektierlich „Felge“ genannt wird, während Herbert Grönemeyers „Bochum“ erklang.

          Diese liebevolle Hymne auf eine Stadt gehört zu den großartigsten Stadionsongs, die im deutschen Fußball existieren, weil viele der besungenen Eigenschaften Bochums zugleich den VfL charakterisieren: „Du bist keine Schönheit / von Arbeit ganz grau (...) Hier, wo das Herz noch zählt / Nicht das große Geld“. Da habe „Gänsehaut“ seinen Körper bedeckt, sagte Zulj.

          Bis zu 7000 Leute versammelten sich rund um das ehrwürdige Stadion an der Castroper Straße, zwischenzeitlich kam es zu Ausschreitungen. Spät am Abend zog die Polizei in ihrem Bericht ein „erschütterndes Resümee“, nachdem es Verletzte gab und zehn Personen in Gewahrsam genommen worden waren. Aber die allermeisten feierten friedlich, und die Bundesliga kann sich über die Rückkehr eines Vereins freuen, der ein seltenes Kunststück vollbracht hat: Der VfL ist attraktiver geworden während seiner elf Zweitligajahre.

          Gegangen sind die Bochumer als graue Maus, zurück kommen sie als Verein, der ein Fußballerlebnis bietet, das sich immer mehr Freunde des Spiels herbeisehnen. „Die graue Maus ist aktuell sympathischer als Juventus Turin“, hat der Vorstand Ilja Kaenzig neulich gesagt. Beim VfL Bochum mit seinem 1979 erbauten Stadion wird noch ein puristisches Fußballerlebnis geboten wird, während das Spiel an vielen anderen Standorten mehr und mehr als Unterhaltungsshow für Menschen mit Bedürfnis nach Spektakel, Komfort und Bequemlichkeit inszeniert wird.

          Der VfL pflegt unterdessen ein Image als Retro-Klub, zumal diesem Verein dieser mythische Zauber des Ruhrgebietsfußballs zugeschrieben wird, der zwar etwas angegilbt, aber irgendwie immer noch wirksam ist. Dazu passend präsentierte sich Reis als Fußball-Lehrer der alten Schule. Der 47 Jahre alte Trainer hat im Herbst 2019 eine Mannschaft von Robin Dutt übernommen, die vom Abstieg bedroht war und ist nun praktisch mit dem identischen Kader aufgestiegen.

          Genau wie Sportvorstand Sebastian Schindzielorz hat er eine Vergangenheit als Spieler beim VfL, auch das wirkt etwas altmodisch. Und auf die Frage nach den Gründen für den erfolgreichen Saisonverlauf erzählte Reis jüngst, dass es im Gegensatz zu anderen Zweitligazeiten beim VfL jetzt „eine klare Führung gibt, dass die Spieler einen klaren Rahmen haben, in dem sie sich bewegen“.

          Simon Zoller, der mit 15 Treffern beste Torschütze des Teams, bezeichnete Reis als „harte Kante“, ein autoritärer Stil war ein wichtiger Aspekt des Erfolges. „Solche Geschichten kann nur der Fußball schreiben“, sagte Kapitän Anthony Losilla, der schon 35 Jahre alt ist, aber noch kein einziges Bundesligaspiel absolvieren konnte. „Ich musste solange warten und schaffe es mit meinem Verein, dem VfL Bochum.“ Losilla wird genauso beim VfL bleiben wie die meisten anderen Spieler. Die Bundesliga darf sich damit nicht nur über einen Klub mit viel Charme freuen, sondern auch über eine Mannschaft, die in einem gesunden Tempo gewachsen und sehr gefestigt ist.

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