https://www.faz.net/-gtm-aesaw

Aufsteiger Greuther Fürth : Nicht mehr als ein Sparringspartner

  • -Aktualisiert am

Gleich fünf Gegentore kassierte Sascha Burchert zum Start in Stuttgart. Bild: dpa

Der Aufsteiger tritt wie ein Absteiger auf. Greuther Fürth startet mit einer herben Niederlage in Stuttgart in die neue Saison der Bundesliga. Trainer Stefan Leitl sieht starken Verbesserungsbedarf.

          3 Min.

          Nach dem Trostpreistreffer von Jamie Leweling zum 1:5 in letzter Minute bewiesen die fünfhundert nach Stuttgart mitgereisten Fans der Spielvereinigung Greuther Fürth zumindest Galgenhumor. „Deutscher Meister wird nur das Kleeblatt Fürth“, sangen sie und lachten dabei über sich selbst. Tatsächlich trat der Aufsteiger am ersten Spieltag der neuen Saison von einer ordentlichen ersten halben Stunde abgesehen eher wie ein Absteiger auf. Das Team, das seine Anhänger in der vorigen Saison noch mit couragiertem Angriffsfußball verwöhnt hatte, wirkte gehemmt, unfertig und zu beeindruckt von dem ungewohnten Ambiente.

          Bundesliga

          So hatte der VfB kinderleichtes Spiel. Die Weiß-Grünen, nach der Saison 2012/13 zum zweiten Mal in der Bundesliga angekommen, waren am Ende nicht mehr als ein gern gesehener Sparringspartner der Weiß-Roten vom Cannstatter Wasen. Der angesichts zahlreicher weiterer Gelegenheiten noch viel zu knapp ausgefallene Sieg nach den Treffern von Endo (30.), Klement (36.), Kempf (51./76.) und Al Ghaddioui (61.) sprach Bände über die einseitig verteilten Kräfteverhältnisse.

          Dass auch die Schwaben ihres Auftakterfolges, des ersten in der Bundesliga seit zehn Jahren, nicht ganz froh wurden, hatte mit einem Unglücksfall in den eigenen Reihen zu, als sich der eben eingewechselte 17 Jahre alte niederländische Stürmer Sankoh (65.) eine Minute später nach einem Tempogegenstoß bei einem Zusammenprall mit dem Fürther Torwart Burchert schwer verletzte und auf der Trage vom Platz gebracht werden musste. „Die Verletzung sieht leider sehr schlimm aus“, lautete die erste Diagnose des Stuttgarter Sportdirektors Sven Mislintat, „der ganze Außenbandapparat ist kaputt. Wir gehen von einer Pause von bis zu sechs Monaten aus.“

          Viele Fürther Anfängerfehler

          Das Entsetzen über den einen, schockierenden Moment trübte die Stuttgarter Freude am eigenen Auftritt und über die Rückkehr von 18 109 Zuschauern ins heimische Stadion nach einem Jahr der coronabedingten Leere ein wenig, aber nicht so nachhaltig, dass danach der strömende Fluss im Spiel des VfB verlorengegangen wäre. Die Schwaben erwiesen sich noch einmal als Meister der Standardsituationen, die der linke Flügelsprinter Borna Sosa mit punktgenauen Flanken einleitete und die Endabnehmer Kempf und Al Ghaddioui mit wuchtigen Kopfbällen veredelten.

          Es versteht sich, dass Stefan Leitl, der Trainer des Neulings, diese fehlerhaften Momente im eigenen Abwehrverhalten auf die To-Do-Liste der kommenden Trainingswoche setzen wird. „Wir müssen diese Standardsituationen besser verteidigen“, forderte er seine Spieler zum prophylaktischen Handeln bei der nächsten Gelegenheit am kommenden Samstag im Heimspiel gegen Arminia Bielefeld auf. Auch das von ihm so genannte „individualtaktische Verhalten“ seiner labilen Abwehrkräfte vor den beiden ersten VfB-Toren, bei denen die Torschützen Endo und Klement freie Bahn hatten, müssen die Mittelfranken schleunigst verbessern, wollen sie sich realistische Chancen auf den Klassenverbleib ausrechnen.

          Die vielen Anfängerfehler trübten den Blick auch auf die wenigen positiven Momente im Fürther Spiel. Dass die Angreifer Hrgota und Nielsen eine Gefahr für gegnerische Abwehrspieler sein können, deuteten sie zu Beginn der ersten und zweiten Hälfte an, als Schüsse des Schweden und Norwegers ihr Ziel nur knapp verfehlten.

          „Wir bekommen jetzt keinen Knacks“, versprach Leitl für die nächsten Auftritte der Spielvereinigung, in denen seine Mannschaft ihre Naivität loswerden muss, um mit Aussicht auf Erfolg in der Bundesliga mitspielen zu können. Leitl versuchte sich am Samstag als erster Wiederaufbauhelfer und baute gleichzeitig schon einmal vor für den nächsten Fall des Falles. „Vielleicht wird die eine oder andere Klatsche noch dazukommen.“

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Dennoch ließ er sich die Laune nicht vollends vermiesen. „Heute haben wir einen auf den Deckel bekommen, jetzt müssen wir das Ganze schnell abschütteln und auch die positiven Dinge aus dem Spiel ziehen.“ Sein Kapitän Branimir Hrgota, der aus seinen Jahren bei Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt die Bundesliga gut kennt, verwies in seiner Spielanalyse auf das viel höhere Tempo erster Klasse. „Wir mussten sehr viel hinterherlaufen“, beschrieb er einen essentiellen Nachteil der Fürther. Trotz der ziemlich deprimierenden Premierenerfahrung seiner Mannschaft rief er alle Beteiligten dazu auf, „das hier so schnell wie möglich zu vergessen“. Wenn das so einfach wäre!

          Ganz anders die Stuttgarter, die am Samstag als erster Tabellenführer der neuen Saison von ganz oben grüßten. Sie schätzten den psychologischen Wert dieses überdeutlichen Auftakterfolges gegen einen unter dem Bundesligastandard gebliebenen Gegner angemessen ein, ohne ihn zu hoch zu bewerten. „Die Leistung kann uns eine breite Brust geben“, sagte Trainer Pellegrino Matarrazzo, „wir können das aber einordnen und legen den Fokus auf das nächste Spiel.“ Das wird am kommenden Freitag schwer genug, wenn der VfB beim Meisterschaftsmitfavoriten RB Leipzig antritt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schwieriger Besuch: Baerbock bei Lawrow im russischen Außenministerium

          Baerbock bei Lawrow : Frostige Begegnung in Moskau

          Annalena Baerbocks Treffen mit Russlands Außenminister verläuft höflich, aber angespannt. Die beiden tragen einander in erster Linie lange Listen an Differenzen vor. Und Lawrow ist gewohnt listig.
          Manfred Weber (links) applaudiert nach der Wahl Roberta Metsolas zur Präsidentin des  Europäischen Parlaments.

          Neue EU-Parlamentspräsidentin : Webers Deal und seine Folgen

          Roberta Metsola rückt an die Spitze des EU-Parlaments. Zu verdanken hat sie das vor allem dem Strippenzieher Manfred Weber. Die Grünen haben sie nicht gewählt – und zahlen dafür einen hohen Preis.